100.000-km-Dauertest BMW 745i

100.000-km-Dauertest BMW 745i

— 14.11.2005

Studien-Objekt Siebener

100.000 Kilometer mit dem 7er-BMW und einem als revolutionr angepriesenen Bedienkonzept. Konnte das gutgehen?

"Rollendes Notebook mit Suchtgefahr"



"Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor." So klagt Dr. Faust bei Goethe ber die scheinbar sinnlose Studiererei. Und ganz ehrlich, so hnlich habe auch ich mich bei meiner ersten Begegnung mit unserem Dauertest-7er gefhlt. Da fhrt man seit fast 20 Jahren Auto. Und schafft es dennoch kaum, ohne Bedienungsanleitung mit dem silbergrauen 745i vom Hof zu schnurren. Wie peinlich ...

Doch an Startknopf und Automatikwhlhebel hinter der Lenksule gewhnt man sich sofort. An das Bedienkonzept iDrive kaum, hier gingen die Meinungen so weit auseinander wie beim Design. "Das rollende Notebook mit Suchtgefahr. Wer mit iDrive erst mal warm wurde, will nur ungern darauf verzichten", schrieb Redakteur Nikolaus Eickmann begeistert ins Testbuch. Meine eigene Antwort: "Wren Notebooks derart kompliziert, wrden wir heute noch mit der Reiseschreibmaschine arbeiten." So zieht sich der Streit zwischen Befrwortern und Kritikern wie ein roter Faden durchs grne Fahrtenbuch mit deutlichem 13:6-Vorsprung fr die Contra-Fraktion. Doch dazu spter mehr.

Es war ein kalter Januar-Tag im vergangenen Jahr, als M-XK 4135 mit jungfrulichen 2777 Kilometern in Hamburg eintraf. Im Gepck neben zahlreichen Extras fr insgesamt knapp 18.000 Euro das gerade berarbeitete iDrive-System. Gegenber der Ur-Version von 2001 wurde die Bedienungsfhrung vereinfacht, saen unterhalb des silbrigen Controllers zwei neue Tasten. Eine fr die direkte Anwahl des Grundmens, die andere frei programmierbar. Zustzliche Tasten? Die wollte BMW mit dem iDrive eigentlich dezimieren. Doch auch die Mnchener mussten wohl einsehen, dass die Bedienung ihres Flaggschiffes alles andere als optimal war.

Verwechselbare Lenkstockhebel

Die Probleme beginnen dabei schon weit vor dem iDrive mit den vier Lenkstockhebeln. Auf jeder Seite zwei, fast gleich gro und so plaziert, dass Fehlgriffe fast unvermeidbar sind. Immer wieder wurde statt den Wischer einzuschalten die Automatik auf "R" gestellt nur gut, dass die Elektronik solche Manver whrend der Fahrt nicht erlaubt. Auch auf dem linken Flgel fummelten Kollegen immer mal wieder am Tempomat und wunderten sich, dass nichts blinkte. Schade, eigentlich.

Solche Fingerfehler traten in Stress-Situationen hufiger auf als beim entspannten Gleiten. Sie waren fr viele aber auch nach zwei Wochen und mehreren tausend Kilometern im 7er nicht auszuschlieen. Ich selbst habe mich in diesen kalten Wintertagen oft gefragt, warum die Klimasteuerung, die im wesentlichen ja ber Drehregler in der Mittelkonsole erfolgt, im Detail ein eigenes Men erfordert. Dort lsst sich den Fen etwas mehr Luft zufcheln oder die Temperaturverteilung zwischen Sitzflche und -lehne variieren. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Andere Kollegen traf es noch schlimmer. "Die quatschende Navi-Dame habe ich erst nach einer Stunde zum Schweigen gebracht wei aber nicht wie", notierte ein frustrierter Kollege. Nicht wenige stellte das iDrive auf harte Geduldsproben: Tomas Hirschberger brauchte die Strecke von Hamburg bis Lbeck (60 Kilometer), um dem Radio einen Ton zu entlocken. "Meinen Lieblingssender hatte ich da natrlich noch lange nicht ..."

Glcksrad iDrive

Nervig auch die versteckten Fahrwerkfunktionen. Dabei zeichnete sich der 7er auf seiner 100.000-Kilometer-Tournee als enorm schluckfreudig und ausgesprochen komfortabel aus. Kein Wunder, dass sich der anerkennende Eintrag "tolles Langstreckenauto" stndig im Fahrtenbuch wiederholt.

Wehe aber, du willst zur zgigen Kurvenhatz durch die Kasseler Berge die elektronischen Dmpfer sportlich einstellen. Und sie dann kurz hinter Hannover wieder auf komfortabel einschwren, um das Querfugen-Stakkato besser zu ertragen. Dann heit es, das runde Glcksrad frs iDrive nach links unten fhren (man trifft oft aber erst mal nur links oder nur unten), in der Ebene Konfiguration die Einstellung der Fahrzeugfunktionen auswhlen und schlielich unter EDC (elektronische Dmpferkontrolle) die gewnschte Hrte einstellen. Bitte liebe 7er-Fahrer, probieren Sie dieses Manver mglichst nicht whrend der Fahrt, wir hngen doch so an Ihnen ...

Auf Schlingerkurs geriet der 745i in der kalten Jahreszeit leider auch durch die Winterreifen. Ab 160 km/h fhlte sich das Zwei-Tonnen-Schiff doch arg schwammig an und schien das Wort Geradeauslauf nur noch vom Hrensagen her zu kennen. Ursache war eine nicht hundertprozentig korrekt eingestellte Spur. Das berprfen und Justieren brachte zwar kurzzeitig eine sprbare Besserung. Dennoch wurde auch dannach immer wieder ber schlechte Spurstabilitt bei hohem Tempo geklagt.

Ein tolles Langstreckenauto

Der Sommer rckte die Qualitten des 7ers wieder ins rechte Licht. Besonders am ebenso leidenschaftlich wie laufruhigen 4,4-Liter-V8 fand jeder Gefallen mal abgesehen vom unsauberen Leerlauf bei Klte. So war es auch kaum verwundlich, dass unser Werkstatt-Team bei der Abschluzerlegung weder Fehler noch nennenswerten Verschlei am Motor festellen konnte. Alles im grnen Bereich.

Vom Verbrauch darf das nur bedingt behauptet werden 14,3 Liter Durchschnitts-Durst sind schon ein stolzer Wert. 333 PS wollen allerdings auch gefttert sein. Kein Wunder, dass fast zwei Drittel aller Kufer in Europa zum Diesel greifen. Perfekt gelang das Zusammenspiel mit der sanften Sechsstufenautomatik, die Bremsen lieen keinen Zweifel an ihrer Standfestigkeit aufkommen. Trotz aller Gre wurde der dicke Bayer sogar als handlich gelobt.

Also, von den iDrive-Querelen abgesehen, alles bestens? Nicht ganz. Grere Ausflle blieben uns und dem 7er zwar erspart, immer wieder nervte aber unerklrlicher Elektronik-Spuk. Mehrfach meldete das Dynamic Drive System keine Funktion, um nach einem Neustart so zu tun, als sei nichts gewesen. Etwas hartnckiger war da schon die Servotronic, die erst eine Nacht ber die Fehlermeldung schlafen wollte, bevor diese wieder so spurlos verschwand, wie sie gekommen war. Die Zuziehhilfe zeigte sich zeitweilig bereifrig, indem sie die definitiv verschlossenen Tren whrend der Fahrt versuchte ranzuziehen. Mngel, die zwar alle von selbst wieder verschwanden, aber das Zutrauen in die Elektronik nicht gerade frderten.

Insgesamt aber gehrt der 7er eindeutig zu den empfehlenswerten Dauertest-Absolventen. Im Kern solide und zuverlssig, in den Fchern Motor und Fahrwerk klasse, als Reprsentations- und Reiselimousine erste Wahl. Jetzt sollten die Mnchner Ingenieure nur noch die Elektronik in den Griff bekommen und die Bedienung weiter vereinfachen. Mir wre eine echte Plug-and-play-Lsung wie bei modernen Computern ja am liebsten: einstpseln und loslegen. Oder auf Autodeutsch: einsteigen und losfahren. Wer wei, vielleicht ja beim kommenden 7er.

Technische Daten und Wertung



Unser 7er war mit Technik vollgestopft: Bi-Vanos, Valvetronic, Dynamic Drive, DSC inklusive ABS, CBC, DBC, ASC; nicht zuletzt auch noch iDrive. Klar, dass sich bei Testbeginn mancher fragte, ob das wohl 100.000 Kilometer gutgehen kann.

Mitte August erfolgte die technische Endkontrolle. Mit dem bei AUTO BILD blichen hohen Aufwand bis hin zum Einsatz des Endoskops fr den Blick in verborgene Tiefen. Das Ergebnis berzeugt: Die 7er-Karosserie ist perfekt konserviert, der Unterboden gut geschtzt. Das mchtige V8-Aggregat hat den Dauertest nahezu ohne Verschleispuren berstanden, und auch die ZF-Automatik ist gut fr ein weiteres Autoleben. Alle nachgeordneten Technik-Komponenten bis hin zum Auspuff entsprechen dem hohen Anspruch an ein Auto der 90.000-Euro-Klasse.

Preise und Kosten

Ein gnstiges Vergngen ist so ein 7er nicht aber das erwartet wohl auch niemand. Gerechnet auf 102.278 Kilometer fallen pro Kilometer 32 Cent an. Rechnet man den Wertverlust ein, sind es satte 81 Cent.

Autor: Gerald Czajka

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