100.000-km-Dauertest Honda Jazz 1.4

100.000-km-Dauertest Honda Jazz 1.4 ES CVT 100.000-km-Dauertest Honda Jazz 1.4 ES CVT

100.000-km-Dauertest Honda Jazz 1.4

— 14.02.2006

Ein Jazz mit schrägen Tönen

Dieser Honda ist ein ganz besonderer Kleinwagen: klug, sparsam, variabel. Doch im Dauertest schlichen sich Missklänge in den Genuss.

Honda hat's mit der Musik. In der Modellhistorie der Japaner gab und gibt es den Concerto (langweilig), Prelude (Nippon-Pop), Accord (Papa-Mucke) und seit 2002 den aktuellen Jazz. Wie der Name schon sagt, ist der Jazz ein ganz ausgefallenes Ding für Zeitgenossen, die unter den Kleinwagen etwas Besonderes suchen. Etwas Spezielles? Danach sah der Jazz 1.4 ES in Milano-Rot gar nicht aus, als er fast ungespielt mit jungfräulichen 1800 Kilometern auf der Uhr zum Dauertest antrat. Außen der übliche Polo-Verschnitt, mit 1,53 Metern ein bißchen höher geraten und so charmant grinsend, daß er gern auch den Damen gefällt (Frauenquote 56 Prozent).

Überblick: News und Tests zum Honda Jazz

Dabei steckt hinter dem gefälligen Gesicht ein kleines Technik-Feuerwerk, das ihm in der Redaktion schnell feste Freunde und die ersten Testsiege (AUTO BILD 44/02) einbrachte. Was ihn so beliebt macht, das ist sein Raumkonzept oder genauer: dieser Trick mit der Rückbank. Ein Griff an der Lehne, und das ganze Gestühl fällt in den Boden. Genial. Und einmalig, immer noch. Warum haben jüngere Konkurrenten diesen Trick bis heute nicht kopiert?

Ladevolumen wie ein C-Klasse-Kombi

Die spontane Begeisterung über den Neuzugang im Fuhrpark schlug sich auch im Fahrtenbuch nieder. "Das alte Japan-Rezept", urteilte Redakteur Nikolaus Eickmann. "Man nehme ein erfolgreiches Auto aus Europa und vermeide dessen Fehler. Resultat: die beste A-Klasse, die Mercedes nie gebaut hat." Wie wahr. Der Honda verzichtet auf den doppelten Boden der A-Klasse, bietet dafür eine tiefe, fast sportliche Sitzposition, viel Luft überm Scheitel und vor allem besagtes Ruck-zuck-Umbautalent. Fehlt eigentlich nur der umlegbare Beifahrersitz, und das Glück wäre perfekt. Mit maximal 1323 Liter Gepäckraum wechselt der Jazz in Sekundenschnelle vom kommoden Viersitzer zum Klein-Transporter. Dazu kommen viele praktische Ablagen, rätselfreie Instrumente und durchaus ansehnliches Plastik. Klasse.

Doch im Alltag schummelten sich bald erste Mißtöne in den Jazz-Genuß. Der Fahrersitz bereitete einigen Rücken Freude, anderen dagegen Schmerzen. Eindeutiger fällt das Urteil über den Komfort des spurstabilen Fahrwerks aus. Die harte Federung störte über den gesamten Dauertest (eine noch schlimmere Abstimmung der ersten Serie hat Honda schnell, aber erfolglos nachgebessert). Höchstens sportliche Naturen fanden sich aufgehoben "wie im Kart", während Techniker Manfred Klangwald die überwiegende Meinung wiedergab: "Ein Hüpf-Hoppel-Spring-Fahrwerk."

Die Federn zu hart, die Dämpfer zu straff, das Ganze nicht einmal sportlich, sondern einfach nur mißraten unharmonisch: Dieses "Marterfahrwerk" kannte nicht einmal bei voller Beladung so etwas wie Gnade. Dagegen beweisen Neulinge wie Renault Clio oder Toyota Yaris, daß auch Kleine durchaus komfortabel sein können. Wobei im Laufe des Dauertests deutlich wurde, daß der geäußerte Jazz-Geschmack stark vom Einsatz (Kurz- oder Langstrecke) abhängt.

Hop oder top? Das CVT-Getriebe polarisiert

"Ein toller Stadtwagen, übersichtlich, angenehm zu fahren", so Redakteur Jörg Maltzan, der 600 Kilometer in Stop-and-go-Quälerei erlebte. Ein Kinderspiel mit dem CVT-Getriebe, das unser Jazz besaß. CVT steht für Continuously Variable Transmission, zu deutsch: stufenlose Automatik. So ein CVT bringt immer eine ganz eigene Note ins Spiel. Man liebt es oder haßt es. Einfach Gas geben, und der Jazz beschleunigt ruckfrei, halt ohne Schaltstufen. Ein Segen im Stadtgewusel. Aber der reine Ärger auf der Autobahn. Wird der laute 1.4 ES gescheucht, dann stört der Gummibandeffekt, der bei stufenlosen Getrieben auftritt, wenn man zuviel Gas gibt. Weil der Motor erst hochdreht und die Beschleunigung quasi hinterherkommt, hört sich das CVT an wie eine durchrutschende Kupplung.

Zudem schluckt die Automatik Leistung. Der Motor, mit gemessenen 79 statt 83 PS eher schwachbrüstig, schafft statt 170 km/h bei der Handschalter-Version nur 160 Spitze. Bei eingeschalteter Klimaanlage laut Tacho nur noch 148 km/h. Das reicht auf dem Papier, doch in der Praxis beschleunigt der Jazz ab Tempo 135 eher zäh weiter, was ihn im deutschen Jahrhundertsommer zum natürlichen Autobahnopfer von Sprinter und Co degradiert. Man beginnt, ängstlich die Länge der Überhollücken zu checken und den Motor auszuquetschen.

Damit kippt das Konzept des klugen Honda endgültig ins Gegenteil. Gedacht hatten sich die schlauen Japaner das so: sparsamer Motor, braucht nur kleinen 42-Liter-Tank, der paßt unter die Vordersitze, das schafft Platz für den genialen Rückbank-Trick. Doch die deutsche Autobahn-Wahrheit sieht so aus: Der kleine Motor schluckt unter Vollgas und mit Klimaanlage bis zu zehn Liter, das treibt den Jazz spätestens alle 400 Kilometer an die Tankstelle und den Fahrer in den Wahnsinn. Denn der fummelt dann am ewig klemmenden Tankschloß, das per Schlüssel geöffnet wird, und verflucht das schöne CVT am liebsten ins technische Nirwana.

Die Kunden sind meist zufrieden

"Nie wieder Jazz!" Der Eintrag im Fahrtenbuch sagt alles, wird dem klugen kleinen Honda aber nicht gerecht. Oder etwa doch? Nach 14 Monaten Dauertest-Streß quittierte das stufenlose Automatik-Getriebe den Dienst. Laute Geräusche und unsaubere Schaltvorgänge bei der Bedienung per Tasten am Lenkrad ließen das Schlimmste befürchten. Diagnose: Getriebeöl fast schwarz, roch stark verbrannt. Auf Garantie wurde die CVT-Automatik gewechselt. Den Schaden verursacht hatte ein Gußfehler im Getriebegehäuse – laut Honda ein seltener Einzelfall. Der aber die Jazz-Bilanz nachhaltig trübt.

Wir geben gern zu, daß der kleine Japaner viel gescheucht wurde. Dafür sprechen der hohe Dauertestverbrauch von durchschnittlich 7,64 Litern und Klagen über schlechte Geräuschdämmung bei hohem Tempo. Mögliche Ursache: eine gequetschte Türdichtung auf der Fahrerseite. Die Demontage bei Testende entlarvte auch einen defekten CD-Spieler und vor allem Flugrost (!) an Schnittkanten. Offensichtlich hat Honda an der falschen Stelle gespart. Wer hier dauerhafte Qualität wünscht, sollte in eine Konservierung investieren.

Leider keine Einzelfälle, wie der Gebrauchtwagentest und die Leserpost zeigen. Womit wir bei einem erstaunlichen Einklang im Jazz gelandet wären. Auf unseren Aufruf, Leser mögen ihre Erfahrungen mit dem Honda schildern, meldeten sich so viele Besitzer wie selten zuvor. Noch erstaunlicher: Die allermeisten berichten Positives! Offensichtlich sind Kunden mit dem Honda sehr zufrieden, loben die guten Platzverhältnisse, seine vorbildliche Variabilität, den geringen Verbrauch (5,9 bis 6,6 Liter) und die sanfte Automatik. "Dieses Auto sollten sich die deutschen Autobauer zum Vorbild nehmen", schreibt Leopold Hechinger. Klingt auffällig nach unserem Kollegen Nikolaus Eickmann. Bestätigen konnten die Leser auch unsere Kritik an Fahrwerk, zu kleinem Tank und defekten CD-Spielern.

Technische Daten und Wertung

Bleibt nur der Preis. 19.190 Euro sind eindeutig zuviel für ein nur 3,83 Meter langes Auto. Allerdings trieben beim Testwagen das unterschiedlich beurteilte Navigationssystem (2455 Euro extra) und die CVT-Automatik (1250 Euro) den Preis in alltagsferne Höhe. Die meisten Kunden kaufen günstiger, am häufigsten den neuen 1.2 Cool für 12.990 Euro oder den 1.4 LS (14.690 Euro). Es gibt also genug Wege, mit dem Honda glücklich zu werden. Und ein paar Jazz-Klänge täten dem deutschen Autobau auch gut.

Preise und Kosten

Billig ist der Jazz mit 24 Cent Gesamtkosten pro Kilometer nicht – er kostet genau so viel wie ein VW Polo. Allerdings ist er Japaner deutlich zuverlässiger als der Deutsche.

Autoren: Wolf Gudlat, Manfred Klangwald, Joachim Staat

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