100.000-km-Dauertest Opel Meriva

100.000-km-Dauertest Opel Meriva Cosmo 1.7 CDTI 100.000-km-Dauertest Opel Meriva Cosmo 1.7 CDTI

100.000-km-Dauertest Opel Meriva

— 28.04.2006

Ein guter Fang für die Familie?

Der Opel Meriva ist Deutschlands beliebtester Kinderwagen. Weil er so variabel ist wie ein Schweizer Messer. Aber auch so solide?

Platz eins bei den deutschen Mini-Vans

Auf Hinterbänkler hört man nie. Erst recht nicht, wenn sie noch zur Schule gehen wie Jan und Julia. Aber während die Eltern vorn noch beratschlagen, ist in der zweiten Reihe die Entscheidung längst gefallen: "Papa tauscht den Passat ein!" Jan und Julia wünschen sich als neues Familienauto einen Meriva.

Opel investierte bei der Entwicklung des praktischen Raumwunders viele Gedanken an Menschen, die wie Jan und Julia hinten reisen müssen. Deshalb schenkten sie den Fondpassagieren eine intelligente Rückbank mit dem Namen FlexSpace. Raum und noch mehr Flexibilität sollen dazu einladen, Surfbretter, Spielzeug und jeden Krimskrams zu verstauen. Genau das macht den Meriva so beliebt. Platz eins bei den Mini-Vans in Deutschland, dahinter kommt lange nichts. Auf Platz zwei folgt der Renault Modus.

Mit wenigen Handgriffen läßt sich der fünfte Sitz wegzaubern, verwandelt sich der Mini-Van in einen Viersitzer. Die 77 Kilo schweren Rücksitze können nach hinten und zur Seite geschoben werden, außerdem lassen sie sich komplett im Boden versenken. Mit diesem überzeugenden Konzept siegte der Meriva bei sieben AUTO BILD-Vergleichstests. Schon lange bevor er als 1.7-CDTI-Dauertest mit jugendlichen 2852 Kilometern auf dem Tacho zu uns kam. Die Begeisterung über den 100 PS starken Testwagen animierte Kollegen zu spontanen Kommentaren im Fahrtenbuch. "Ein Super-Reisewagen", urteilte Diether Rodatz, "schnell, bequem, sparsam! Große Klasse im doppelten Wortsinn."

Viel Raum für Passagiere und Gepäck

Seine ganze Größe forderte Familie Hocke heraus. Jan (11), Julia (7) und Tim (sechs Monate) spielten unsere Testkandidaten für einen Tagestrip nach Arrild in Dänemark. Im 350 Liter großen Kofferraum verstauten sie haufenweise Gepäck: Kinderwagen, Kühltruhe, Angeln, Gummistiefel und, und, und.

"Der Kofferraum zwingt zum Hochstapeln", kritisiert Vater Gerhard (42 ). "Deshalb sieht es immer ein bißchen unordentlich aus. Aber ein Raumwunder bleibt der Meriva dennoch." Was nicht nur fürs Gepäck, sondern auch für die Passagiere gilt. "Innenraum und Beinfreiheit empfinde ich wie im Golf." Das sieht die Familie genau wie AUTO BILD-Redakteur Oliver Hilger. "Ein überraschend erwachsenes Auto."

Was übrigens auch für das Fahrverhalten gilt. Straff abgestimmt kommt der Meriva daher, doch trotzdem fanden Jan und Julia den modernen Van vor allem gemütlich. Und echt kinderlieb. Das DVD-System, das auf Knopfdruck aus dem Dachhimmel klappt, war der Hit. Doch so wie das integrierte Autokino die Kinder freute, ärgerte es auch Kollegen. Bei Kilometer 44.210 sprang der Meriva plötzlich nicht mehr an, verharrte in stoischer Stille. Es erwischte eine Kollegin kalt auf Sylt, bei strickwollpflichtigen Minusgraden. Nach 30 Minuten rückte der Mann vom Opel-Mobilitätsservice mit einem Starthilfekabel an. Der 1.7 CDTI nagelte wieder los, schnarrend wie ein Schiffsmotor.

Bei der Abschlußuntersuchung entlarvten die AUTO BILD-Techniker das DVD-System als Ursache für den Stromausfall. Selbst abgeschaltet saugt es Strom aus der Batterie. Opel besserte Ende 2004 nach und schenkte den 337 DVD-Besitzern ein Software-Update. Mittlerweile verkauft Opel das 1990 Euro teure Gerät nicht mehr, sondern bietet nur noch ein simples Audio-System mit zwei Kopfhöreranschlüssen an (150 Euro).

Der Diesel ist durchzugsstark und genügsam

Der 100-PS-Diesel erhielt ebenfalls eine kleine Auffrischung. Opel tauschte im vergangenen Jahr den Riemenspanner, um das steinzeitliche Kaltlaufgeräusch zu dämpfen. Das Nageln beim Anfahren nervte auch Familie Hocke, später staunte Vater Gerhard jedoch über die Durchzugskraft des Common-Rail-Motors. "Der überholt ja schneller als mein gleichstarker Passat." Auf der Autobahn blieb das Diesel-Aggregat dezent im Hintergrund und begnügte sich zum Testende mit sparsamen 5,9 Liter Diesel im Schnitt. Super.

Größter Nachteil des Mini-Van-Konzepts bleibt die aufgeblähte Gestalt mit langgezogener A-Säule, die sich breit nach vorn streckt. Stabil ist sie, jedem Crash gewachsen. Doch die wuchtigen Streben stören beim Abbiegen. Weshalb den Fahrer mitunter das ungute Gefühl beschleicht, in Kurven auf einem Auge blind zu sein. Alle Tester appellieren an Opel, die A-Säulen in der nächsten Meriva-Generation zu schrumpfen. Und das unvorteilhafte Mintsilber ("Klosteinfarbe") aus dem Angebot zu nehmen.

Nicht so eindeutig fiel das Urteil über die Sitze aus. Einige fühlten sich auf langen Strecken gut aufgehoben, Vater Gerhard erinnerten die Polster an die Sitze im Renault Twingo seiner Frau. Die Mittelarmlehne störte mehr, als sie nützte, vor allem beim Schalten. Das manuelle Fünfganggetriebe gehörte zu den Schwachpunkten. Es hakelte immer ein bißchen. Manchmal weigerte sich der Schalthebel ganz, in die erste Gasse zu flutschen. Nur mit Nachdruck funktionierte es. Kein Einzelfall. Von diesem Problem berichten auch AUTO BILD-Leser, vor allem im Winter: "In einem modernen Auto habe ich einen solchen Kraftaufwand beim Schalten noch nie aufwenden müssen." Aber die Leser schreiben auch, wie praktisch er ist, mit unzähligen Ablagen und einem pflegeleichten Armaturenbrett, das nicht vorgaukelt, nobel zu sein.

Platz zehn in der Zuverlässigkeitsstatistik

Auch das metallische Fahrgeräusch, das wir bei Kilometer 85.717 hörten, war von der direkten Sorte. Da stimmt was nicht, ab in die Werkstatt. Ein typischer Eingriff des Opel-Nothakens, der an der Bremsscheibe kratzt, wenn der Belag runter ist. Einen optischen Warnhinweis gibt es dagegen leider nicht.

Anders sieht es da mit der Serviceanzeige aus – die schreibt sogar Botschaften in den Bordcomputer. So blinkte nach 39.964 Kilometern erstmals die Abkürzung INSP im Display auf. Worauf wir brav zur Werkstatt fuhren – die uns nicht wollte. Begründung: Anspruch auf Service erst nach 50.000 Kilometern. Unfug, oder warum baut Opel eine flexible Intervallanzeige ein?

Heute werden Meriva-Kunden früher aufgefordert, den Wagen vorzuführen. Nach 30.000 Kilometern oder einmal pro Jahr, die Erfahrung lehrt es. Eine gute Gelegenheit, in der Werkstatt mal hallo zu sagen. Denn insgesamt erfreute der Meriva mit Zuverlässigkeit – ohne langwierige Aufenthalte beim Kundendienst. Das ergibt Platz zehn in der Zuverlässigkeitsstatistik. Damit ist der kleine Opel wahrlich alles andere als ein Hinterbänkler.

Technische Daten und Wertung

Früher galt in Opel-Kreisen: Den Motor kriegst du nie kaputt, das Auto zerfrißt mit den Jahren der Rost. Der Dauertest zeigt, daß sich die Zeiten geändert haben. Der Motor hält immer noch, aber mittlerweile ist auch die Karosserie dank starken Korrosionsschutzes für ein langes Autoleben gewappnet. Der 1.7 CDTI präsentiert bei der dynamischen Abschlußmessung ausgezeichnete Fahrleistungen und liefert bei der Zerlegung ein überzeugendes Ergebnis. Das gilt auch fürs Blech. Rost dürfte lange Zeit kein Thema sein.

Etwas getrübt wird der gute Eindruck durch auffällige Schmutz- und Streusalzspuren – besonders im Motorraum. Deshalb empfehlen wir nach jedem Winter eine Motorwäsche mit anschließender Konservierung. So bleibt die solide Technik länger sorgenfrei.

Preise und Unterhaltskosten

Bei allen Vorteilen: Beim Kostenkapitel muß der Meriva mit 28 Cent Gesamtkosten pro Kilometer Minuspunkte einstreichen. Der Ford Fusion beispielsweise ist deutlich billiger: Bei ihm sind es nur 21 Cent Vollkosten. Sogar ein Polo kostet vier Cent weniger als der kleine Rüsselsheimer.

Autoren: Margret Hucko, Wolf Gudlat, Manfred Klangwald

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