111 Sitze im Crashtest

111 Sitze im Crashtest

— 26.11.2004

Auf dem Schleudersitz

Ein neuer Crashtest schockt Autofahrer und Hersteller: 60 Prozent aller Sitze sind demnach nicht sicher genug.

Die Fahrt dauert gerade mal 90 Millisekunden – und endet abrupt: Auf 16 Kilometer pro Stunde wird "BioRID II" auf seinem Sitz beschleunigt. Ein heftiger Stoß erschüttert den Dummy, sein Rumpf schleudert nach vorn, der Kopf kurz danach auch. Dann fallen beide Körperteile nach hinten – und zum Schluß wieder nach vorn. Tut schon beim Zusehen weh.

Was da im Forschungszentrum in Thatcham (England) simuliert wird, das kommt auf den deutschen Straßen etwa 200.000mal im Jahr vor: Ein Auffahrunfall ins Heck, bei dem die Insassen selbst bei geringen Geschwindigkeiten oft Schäden an der Halswirbelsäule (HWS) davontragen – der Volksmund spricht von einem Schleudertrauma. Rund eine Milliarde Euro Kosten fallen dabei in Deutschland jährlich für Behandlung, Lohnfortzahlung und Schmerzensgeld an. Europaweit sollen es sogar zehn Milliarden sein. "Die Schäden durch HWS-Verletzungen haben sich von 1996 bis 2003 verdoppelt", sagt Maude Riviére von der Schweizer Winterthur-Versicherung.

Mindestens jede dritte Verletzung an der Halswirbelsäule ließe sich allerdings durch bessere Sitze und Kopfstützen vermeiden, glauben die Versicherer. Deshalb setzen sie die Autohersteller nun unter Druck: In über dreijähriger Arbeit haben ihre Experten aus Europa, Nordamerika und Australien ein weltweit einheitliches Prüfverfahren für Sitze entwickelt. 111 Frontsitze wurden jetzt nach diesem neuen Verfahren in Thatcham getestet, und das Ergebnis ist erschreckend.

Mehr als 60 Prozent aller getesteten Modelle schnitten insgesamt mäßig oder schlecht ab. Fast 20 Prozent scheiterten dabei schon an den Basisvoraussetzungen: Die Kopfstützen müssen so eingestellt werden können, daß sie oben mit der Oberkante des Kopfes abschließen, und sie dürfen nicht zu weit vom Kopf entfernt sein. Wo schon das nicht möglich war, setzte es automatisch (und ohne weitere Crashtests) die Gesamtnote "schlecht".

Ausgerechnet die deutschen Hersteller hat es bei den Untersuchungen ganz schlimm erwischt: BMW kassierte für den Seriensitz im 3er und den manuell verstellbaren Sitz im 5er jeweils das Gesamturteil "schlecht". Das gleiche gilt für die C-Klasse von Mercedes-Benz. Und Volkswagen erhielt die vernichtende Note sogar gleich viermal: für die Sitze im Polo, Sharan, Passat und Bora. Großer Sieger war dagegen Volvo. Die Schweden räumten gleich fünfmal ein "gut" ab.

Auch wenn die betroffenen Hersteller vorsichtige Zweifel an der Aussagekraft eines solchen isolierten Sitz-Crashtests äußern, scheint sich bei ihnen langsam ein Umdenken anzudeuten: Volkswagen kündigt bereits an, künftig alle Fahrzeuge mit besseren Kopfstützsystemen auszurüsten. Auch bei BMW könnten aktive Kopfstützen (bewegen sich zum Hinterkopf, verhindern eine Überdehnung der Halswirbelsäule) künftig zur Serienausstattung gehören.

Alle Test-Ergebnisse im Überblick und wie die Hersteller auf das schockierende Abschneiden ihrer Autositze reagieren – ab sofort in AUTO BILD. Außerdem im neuen Heft (48/2004): Audi Q5 – der A4 für Aufsteiger. Mit dem Kompakt-SUV haben die Ingolstädter BMW und Mercedes-Benz im Visier. Die Rivalen heißen X3 und X-Klasse.

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