12-Stunden-Rennen von Sebring (USA)

12-Stunden-Rennen von Sebring (USA) 12-Stunden-Rennen von Sebring (USA)

12-Stunden-Rennen von Sebring (USA)

— 31.03.2006

Protokoll eines Durchbruchs

Historische Premiere: Der Audi R10 gewann als erstes Diesel-Fahrzeug ein großes Autorennen. Die Chronik voller Zittern und voller Freude.

Sebring war erst die halbe Miete

Audi-Motorenentwickler Ulrich Baretzky ist der einsamste Mensch in der überfüllten Boxengasse von Sebring, dieser Flugplatz-Holperpiste im US-Bundesstaat Florida. Alle Kollegen hüpfen vor Freude, laufen Richtung Siegerehrung und Gewinnerauto, dem Audi R10. Baretzky stützt sich auf seine Krücken. Beim Skifahren hat er sich das rechte Knie gebrochen. Seine Augen sind ganz glasig. "Ich bin gerührt, stolz und erleichtert", gesteht das Motoren-Genie.

Ulrich Baretzky hat den V12-Diesel (über 650 PS) des neuen Audi R10 gebaut und damit am 18. März 2006 Motorsport-Geschichte geschrieben: der erste große Sieg eines Rennwagens mit Diesel-Technik. "Wir haben noch einen langen Weg vor uns", seufzt Baretzky den Mechanikern zu. Sebring war erst die halbe Miete. Mitte Juni in Frankreich dauert die Rennprüfung bei den legendären 24 Stunden von Le Mans doppelt so lang.

Rückblende, zwölfeinhalb Stunden zuvor: Hektik bei Audi, jeder ist nervös. Noch eine halbe Stunde bis zum Start des Auftakts der American Le Mans Series (ALMS) und der Wärmetauscher im V12 des Motors (5,5 Liter Hubraum) im Audi mit der Startnummer zwei ist immer noch nicht repariert. Normalerweise dauert der Austausch sieben Stunden. Die Mechaniker schaffen's in zweieinhalb. Doch es reicht nicht. Statt von der Pole-Position muß Rinaldo Capello aus der Boxengasse los.

Kraftakt in brütenden 30 Grad

1. Stunde Audi Nr. 1 (Fahrer Frank Biela) übernimmt die Spitze. Schon nach 35 Minuten (!) hat sich Capello vorgekämpft auf Rang zwei, ganz still und leise 33 Konkurrenten überholt. Denn der Diesel ist ein Flüsterer. "Ab Tempo 180 höre ich nur noch Windgeräusche, die übertönen das ganze Auto", beschreibt Biela, "jetzt realisiert man erst, wie sehr man doch mit dem Gehör fährt. Beim Gangeinlegen muß ich jetzt auf das Display schauen, um sicherzugehen, daß der Gang auch drin ist. Das erfordert mehr Konzentration beim Anbremsen."

Grund für den Leisedreher: Der Motor geht besonders effizient um mit Energie. "Schall ist Energie. Wenn man die nicht in die Umwelt herausläßt, sondern in Vortrieb umsetzt, hat man etwas gewonnen", erklärt Motorenentwickler Baretzky die Gesetze des Turbo-Triebwerks. "Die Abgasenergie, die aus dem Motor herauskommt, wird durch den Turbolader wieder in Energie umgewandelt und dem Motor zugeführt, bevor sie zum Auspuff geht. Darum ist er so leise."

2. Stunde Frank Biela, mit dem Audi R10 in der sogenannten LM-P1-Klasse eingestuft, kollidiert mit einem langsameren GT-2-Auto, demoliert sich die Front und verliert Rang eins an Audi Nr. 2. Der Einser sendet außerdem keine Telemetriedaten mehr an die Box. Die acht Motoreningenieure verzweifeln. Am Ende der zweiten Stunde übergibt Biela Audi Nr. 1 an Marco Werner. Rund 35 Sekunden brauchen sie für den Fahrertausch. Ein weiterer Kraftakt in brütenden 30 Grad in Florida. "Der Wechsel ist jetzt schwieriger, weil das Cockpit enger ist. Der Abstand von der Nackenstütze zum Lenkrad ist kleiner. Auch die Sitzposition ist anders. Die Füße liegen nun höher als das Gesäß", beschreibt Biela.

Audi Nr. 1 wird zurückgezogen

4. Stunde Werner funkt an die Box: "Die Wassertemperatur liegt bei 106 Grad." Normal sind 85 bis 90. Die Datenübertragung aus Nr. 1 zur Audi-Box ist weiter tot. Beim nächsten Stopp kratzen die Mechaniker fünf faustgroße Gummiklumpen aus dem linken Kühler. Aufgelesene Reifenreste durchs Überrunden neben der Ideallinie. Weiter. "Doch ich bemerke einen Leistungsverlust. Der Aston Martin (GT-1-Klasse) konnte mir beim Herausbeschleunigen auf der Gerade einige Meter abnehmen. Das ist nicht normal", warnt Werner per Funk.

Seine Crew ruft ihn wieder rein. Er biegt gleich ab ins Zelt. Hektisches Treiben hinter den Planen. Dann ein Zeichen: "Wir ziehen uns zurück!" Grund: überhitzter Motor. "Wir wollten keinen Schaden riskieren. Wäre der Motor hochgegangen, könnte man später nicht mehr nachvollziehen, woher die Probleme kamen", verrät Marco Werner.

6. Stunde Halbzeit – 170 Runden absolviert. McNish in Audi Nr. 2 fährt. Doch plötzlich steigt sein Benzindruck. Eine Safetycar-Phase nutzt das von Audi mit seinen Langstreckeneinsätzen beauftragte Joest-Team, um den Dieselfilter zu wechseln. Sieben Minuten parkt McNish, verliert zwei Runden, bleibt aber vorn.

Geheime-Training nach dem Triumph

9. Stunde McNish übergibt das Steuer an Capello. Seit dem Wechsel des Dieselfilters sendet Nr. 2 keine Daten mehr in die Box. "Ich habe vorgeschlagen, einmal die Elektrik komplett auszuschalten. Und als wir sie dann wieder angemacht haben, funktionierte die Telemetrie wieder", sagt Motorsport-Chef Dr. Wolfgang Ullrich erleichtert.

Im Fahrerlager gönnt sich Motoren-Mann Baretzky eine Zigarettenpause. "Das ist die Hölle", sagt er. Die Anspannung zerrt an ihm. Oberstratege Ralf Jüttner hockt nebenan auf einem Golf-Caddy und stöhnt: "Jetzt dauert es fast noch mal so lange wie normale ALMS-Rennen!" Plötzlich Entsetzen in seinen Augen: "Was hat das Auto in der Box gemacht?" Jüttner fummelt an seinem Funkgerät herum, springt hektisch auf, sprintet zum Kommandostand. Was war los? Capello klagte über Vibrationen nach dem Reifenwechsel. Das rechte Hinterrad mußte noch mal nachgezogen werden. Keine Panik!

12. Stunde Die Minuten ticken nur langsam runter. Sportchef Ullrich, Strategieboss Jüttner und Einsatzleiter Joest starren mit verschränkten Armen auf die Monitore. Um 22.45 Uhr ist das historische Werk perfekt. Nach 349 Runden und 2078 Kilometern beendet Tom Kristensen nach zwölf Stunden das Debüt des Diesel-Renn-Audis als Sieger. Ein großer Schritt für das Image der Diesel-Technik in den USA. Und ein wichtiger zum ebenfalls anvisierten Premierensieg des Diesels in Le Mans.

Nachtrag Nach dem Rennen fuhr Audi mit beiden R10 zwölf weitere Stunden in Sebring, um den Test für die 24 Stunden von Le Mans komplett zu machen. Dabei waren die Medien aber ausgesperrt. Und bekamen selbst hinterher keine Infos.

Autor: Katrin Wolff

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