37. Tokyo Motor Show 2003

Toyota PM Toyota PM

37. Tokyo Motor Show 2003

— 31.10.2003

Schöne Grüße aus der Zukunft

Wie fahren wir morgen? Mögliche Antworten fand AUTO BILD-Redakteur Tomas Hirschberger auf der Tokyo Motor Show. Ein Messerundgang wie durch Captain Kirks Raumschiff.

Überraschungsei auf vier Rädern

Hallo, Deutschland: Schöne Grüße aus der Zukunft! Ich melde mich direkt von der Tokyo Motor Show 2003. In diesem Jahr ist hier alles anders. Nicht besser, nicht schlechter. Anders. Vor zwei Jahren hätte ich mein eigenes Wort nicht verstanden. Und heute: Ruhe. Absolute Ruhe. Keine kreischenden, leicht beschürzten Hostessen, kein krawalliger Japan-Techno-Beat, keine zuckenden Lichtgewitter. Ruhe. Fast so, als hätte die Riesenwelle Tsunami gerade halb Tokio verschluckt.

Aber der erste Eindruck täuscht, die Show ist alles andere als leise. Sie ist die direkte Fahrkarte in die Zukunft. Wieder mal zeigen die Japaner, wie kreativ, wie frech sie sein können. Natürlich: Nicht alles, was hier steht, werden wir bei uns auf der Straße wiederfinden. Aber vieles ist so verrückt, steckt dermaßen voll neuer Ideen, dass ich fast Angst bekomme, wir Deutschen könnten so langsam den Anschluss verlieren.

Hier ist die Freude an der Mobilität greifbar. Zum Beispiel im Staukiller PM. Dieser Alien von Toyota ist ein Überraschungsei auf vier Rädern und lässt den Smart so aufregend erscheinen wie ein Tag auf dem Einwohnermeldeamt in Buxtehude. PM steht für Personal Mobility. Ein skurriler Einsitzer, den du dir wie einen Handschuh überstreifst. Per Knopfdruck öffnet die Glashaube, ein Sitz fährt heraus und saugt dich hinein in die Raumkapsel. Bei schneller Fahrt duckt sich PM flach auf die Straße und streckt sich auf 2,65 Meter Länge. Durch die City rollt er mit aufrechtem Rückgrat, schrumpft auf 1,75 Meter. Jetzt kannst du auf einem Gullydeckel wenden oder auf der Grundfläche einer Telefonzelle parken. Ein Elektromotor dient als Antrieb. Völlig abgefahren das Ganze, aber warum nicht?

Retro-Mini-Roadster für Donald Duck

Kaum näher an der Realität liegt Nissan wohl mit seinem Mini-Roadster Jikoo ("Der Zeitreisende"), der an einen Datsun-Roadster von 1935 erinnern soll. Na ja, Jikoo wirkt irgendwie wie das Auto von Donald Duck: rund und kurz und glatt und zum Knuddeln niedlich. Ob Nissan wirklich den Mut hat, ein Auto made in Entenhausen zu bauen? Wenn doch, bin ich einer der Ersten, die einen Kaufvertrag für das Mickymaus-Mobil unterschreiben.

Mit zwei Rädern mehr steht da schon der Mitsubishi Sero im Leben. Die kleine Alu-Zigarre ist eine moderne Interpretation des legendären Rumpler-Tropfenwagens von 1921 – und soll wirklich kommen. Jedenfalls erst mal in Japan. Vielleicht findet er ja auch den Weg zu uns. Hier in Nippon soll der Viersitzer so was wie die Zweitwohnung für junge Leute werden, die zu Hause ein paar Quadratmeter mit Eltern, Oma, Opa und Geschwistern teilen müssen.

Der Sero ist eine 3,40 Meter kurze Wundertüte mit drei Zylindern im Heck. Basis ist die Frankfurt-Studie i. Das geniale Sitzkonzept sollen wir, so versprechen die Mitsubishi-Designer, in der Serie wiederfinden. Die vorderen Sitze lassen sich um 180 Grad drehen, die Lenksäule schwingt senkrecht nach oben. Jetzt können die Sessel bis ans Cockpit ranrutschen. Da die hintere Bank komplett im Heck verschwindet, entsteht so reichlich Raum – fast wie in einer kleinen Turnhalle. Nun nur noch den Koffer mit dem Geschirr aus dem Picknickfach geholt, und die gemütliche Kaffeerunde kann beginnen.

Crossover der extremsten Art

Alles andere als kalter Kaffee ist auch die Honda-Studie Kiwami. Ein Crossover der extremsten Art. Ein Sport-Van-Kombi-Mischling: vorn spitz wie ein Lamborghini, innen edel wie eine Luxusjacht. Überhaupt ist auffällig, wie selbstverständlich die Japaner plötzlich mit edlen, warmen Materialien umgehen. Der Kiwami mit seinen dicken, dunklen Holzvertäfelungen ist ein gutes Beispiel für das neue Selbstbewusstsein der Asiaten. Diese "Japan modern" genannte Designrichtung, die Traditionelles mit modernsten Materialien verbindet, findest du in Tokio jetzt an jeder Ecke, an jedem neuen Bauwerk – und hoffentlich auch bald viel mehr in den neuen Autos.

Was wir auf jeden Fall schon sehr bald sehen und auch fahren werden, zeigt uns Toyota: Hybridantrieb. Den Anfang macht der neue Prius mit einem verbesserten Benzin-Elektro-Konzept. Aber er kann noch viel mehr. Zum Beispiel allein einparken. Einfach neben die Parklücke fahren, Knopf drücken, und der Viertürer rollt wie von Geisterhand selbstständig in die Lücke. Und das kostet nicht mal viel. Rund 2000 Euro verlangt Toyota für dieses Extra – zusammen mit dem Navigationssystem und einer Rückfahrkamera. In Japan gibt es das bereits zu kaufen, wir werden wohl mal wieder etwas länger darauf warten müssen.

Im Herbst 2004 rollt dann ein Hybrid-Hammer zu uns. Der Lexus RX 400h hat einen Benzin-Elektro-Antrieb, ist stark wie ein V8 (270 PS), rennt über 220 Sachen und soll nur etwa so viel verbrauchen wie ein Golf – rund sieben Liter. Das alles zum Preis eines gleich starken Diesels. Schöne neue Welt. Den Weg mit dem Hybridantrieb gehen inzwischen fast alle Japaner – weitgehend allein. Fragt man bei den Deutschen nach, so zucken die Entscheidungsträger verständnislos mit den Achseln und verweisen auf den Diesel. Ihre saubere Zukunft heißt Brennstoffzelle, und die beginnt frühestens ... Ach, sprechen wir lieber nicht darüber. Übrigens: Auch da drücken die Japaner mittlerweile mächtig aufs Tempo und zeigen hier eine Fülle fahrfähiger Konzeptstudien.

Außen Dino, innen modernste Technik

In welchem Rhythmus der Zeitgeist schlägt, demonstrieren die verspielten Asiaten auch beim Entertainment im Auto. Hier geben sie ganz klar den Takt an und bieten schon im kleinsten Stadtfloh, worauf junge Leute heute abfahren: DVD, LCD-Bildschirme und die totale Navigation. Haben die Deutschen auch – aber nicht in dieser Vielfalt, nicht in diesen kleinen Klassen und schon gar nicht zu diesen Preisen. Für rund 500 Euro geht hier schon richtig die Musik ab.

Und wer richtig Leistung unterm Hintern haben möchte, muss ebenfalls kein Krösus sein. Mitsubishi und Subaru zum Beispiel locken mit Porsche-Power zum halben Preis. Die beiden rallyeerprobten Allradraketen Lancer Evo VIII und Impreza WRX STi attackieren ganz ungeniert mit jeweils weit über 300 PS die etablierten Kraftmeier der Szene.

Wer von dem ganzen modernen Zeug die Nase voll hat, setzt sich nach dem Messetag einfach in ein typisches Tokio-Taxi, Marke Toyota Crown. Ein eckiger Dino, der seit 1955 gebaut wird und in Japan mittlerweile in elfter Generation fährt. Doch auch in dieser alten Japan-Schaukel fährt die Hightech mit: Jeder dieser Oldies hat neben der obligatorischen Häkeldecke modernste Elektronik inklusive 3-D-Touchscreen-Navi an Bord. Also doch alles wie beim Rundgang ...

Autor: Tomas Hirschberger

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