Zeitbegrenzung für Überholvorgänge

45 Sekunden fürs Überholen

— 24.07.2009

Das Ende der Elefantenrennen?

Nur 45 Sekunden. So lange darf es künftig dauern, wenn Lastwagen auf der Autobahn überholen. Aber funktioniert das überhaupt? AUTO BILD griff zur Stoppuhr und fuhr mit der Polizei Streife.

Michael Plischka versteht die Welt nicht mehr. Eben haben zwei Polizeibeamte den Trucker aus Hessen von der A7 gewinkt. Plischkas Vergehen: Er hatte mit seinem Lastzug einen anderen überholt, das Manöver dauerte gut zwei Minuten. Doch das waren 75 Sekunden zu viel – denn maximal 45 Sekunden darf es künftig nur noch dauern, wenn Laster einander überholen. So hat das Oberlandesgericht Hamm geurteilt (Az. 4 Ss Owi 629/08), um den berüchtigten "Elefantenrennen" ein Ende zu setzen. "So ein Unsinn", sagt Plischka genervt. "Soll ich beim Blinkersetzen jedes Mal die Stoppuhr rausholen?"

Fernfahrer haben es nicht leicht. Kontrollen, Drängler, Baustellen, Staus und die Konkurrenz machen ihnen das Leben schwer. Und nun noch der Zeitdruck beim Überholen! Das kann doch nicht klappen, oder? Ulf-Matthias Krause muss ganz genau messen. Mit Kollegin Manuela Netzbandt ist der Polizeikommissar an diesem verregneten Julitag auf der Ferien-Ader zwischen Hamburg und Hannover auf Streife, um das Grundsatzurteil aus Hamm zu testen. Im Behördendeutsch klingt das so: "Der Vorgang war zu langwierig, in Zukunft wird das verbußt." Und zwar mit 80 Euro, falls sich das Vorbeiziehen hinzieht. Jedenfalls sofern der Verkehrsfluss behindert wird.

Was bleibt, ist verpönt: Vorgang abbrechen

Schimpft auf die "Sesselpupser": Fernfahrer Jürgen Bennewitz hofft, dass der Geschwindigkeitsbegrenzer wegfällt.

Doch was die Beamten der Autobahnwache Winsen/Luhe fortan durchsetzen müssen, sehen viele Brummipiloten natürlich anders. "Wir halten die Wirtschaft doch am Laufen", schimpft Jürgen Bennewitz (55) beim Halt auf der Raststätte Stillhorn. "Aber die Sesselpupser legen uns immer neue Steine in den Weg." 4000 Kilometer rollt sein Sattelzug pro Woche vom Rheinland aus durch die Republik. Sein Vorschlag: "Der Geschwindigkeitsbegrenzer muss weg, dann stören wir nicht beim Überholen." Die Sperre drosselt das Tempo eines Lkw automatisch. "Wie soll ich denn mit 86 km/h zügig am Kollegen vorbei?", will Reinhard Tatsch (55) wissen und verweist auf die Psychologie: "Wenn ich überhole, beschleunigen viele Laster extra." Falls der Wein-Transporteur von der Mosel dann noch eine Steigung erwischt, bleibt nur, was unter Kraftfahrern verpönt ist: abbrechen. Petra Büchner ist da die doppelte Ausnahme. "Wenn es zu lang wird, geh' ich vom Gas", sagt die 42-Jährige, eine der wenigen Frauen auf dem Bock. Doch die Brummifahrerin aus Niedersachsen mahnt: "Das kostet ja noch mehr Zeit."

"Mehr Güter auf die Schiene"

Zurück auf der A7. Die Polizeistreife ist jetzt auf Höhe Thieshope. "Da vor uns", sagt Ulf-Matthias Krause und zeigt auf einen Sattelschlepper auf der Mittelspur, "der schafft das nie ohne Rückstau. Wie auch?", fügt Krause hinzu. "Eine Dreiviertelminute ist schließlich schnell vorbei." Und überhaupt: Das Urteil von Hamm sei für die Polizei ohne exakte Messmethoden kaum umsetzbar. Auch andere Vielfahrer sind auf der Seite der Lkw-Fahrer. Wie Rainer Conrad, der seinen Caravan oft von Kassel in Richtung Nordkap lenkt. "Klar", sagt der Rentner, "Gigantenduelle dauern." Die Trucker täten ihm dennoch leid. "Bei dem Druck, den die haben." Auch Birgit Peters sieht das Problem woanders. Gewiss seien Elefantenrennen lästig, sagt die Pharmazeutin mit 3er-BMW. "Aber wenn mehr Güter auf die Schiene kämen, gäb's für alle mehr Platz auf der Straße.

Minuten summieren sich zu Stunden

Widerspruch von allen Seiten also. Dabei wollten die Richter nur eine Regel der StVO konkretisieren. Überholen darf laut Paragraf 5 nur, wer "mit wesentlich höherer Geschwindigkeit als der zu Überholende fährt". In der Praxis heißt das: Lkw rechts, Pkw links, Ausnahmen lagen bislang im polizeilichen Ermessen. Jetzt gibt es dafür einen handfesten Wert. Doch viele Spediteure fürchten, dass der Langsamste auf ihrer Spur nun das Tempo diktiert. "Wenn ich da rechts bleibe, verliere ich jedes Mal nur Minuten", sagt Marko Spieler vor seinem 36-Tonner. Über die Woche aber "werden daraus Stunden". Das sieht auch Manuela Netzbandt ein und belässt es bei einer Ermahnung: 150 Sekunden für das Überholen seien für Laster im Ferienverkehr aber auch bei einer dreispurigen Autobahn zu lang. Wütend ist Spieler dennoch. Auf Vater Staat. "Der will wieder nur ein paar Euro mehr einsacken."

Das sagt Verkehrsanwalt Uwe Lenhart zu den neuen Regeln

Uwe Lenhart, Verkehrsanwalt aus Frankfurt/Main, erklärt die neue Regelung.

AUTO BILD: Bedeutet die 45-Sekunden-Regel nicht de facto ein Überholverbot für Lkw? Uwe Lenhart: Nein. Denn wenn ein länger dauernder Überholvorgang den Verkehrsfluss nicht unangemessen behindert, wird er auch nicht geahndet. Und falls doch – gibt’s ab der 46. Sekunde ein Bußgeld? Für die Praxis empfiehlt sich eher die Orientierung an 60 Sekunden, da es dann auch bei nicht geeichten Zeitmessern einen ausreichenden Spielraum gibt. Wie muss gemessen werden? Man kann die Zeit stoppen oder messen, ob das Tempo der beteiligten Fahrzeuge weniger als zehn km/h auseinanderliegt. Es kann auch die Länge des Überholvorgangs anhand von Begrenzungspfeilern ermittelt werden. Und Autofahrer können Trucker wegen Überschreitung der 45 Sekunden anzeigen? Natürlich, wegen eines Verstoßes gegen Paragraf 5 der StVO. Kommt der Fall vors Gericht, braucht der Autofahrer wie üblich einen glaubhaften Zeugen.

Autor: Jan Freitag

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