Karrieren: 51 Jahre bei Audi

51 Jahre bei Audi

— 11.04.2007

Die Ringe des Lebens

Ein Mann blickt zurck: Seit ber einem halben Jahrhundert arbeitet Johannes Vollrath im Werk in Neckarsulm. Erst bei NSU, dann bei Audi. Weg wollte er nie. Nun geht er in Rente.

Johannes, der Sohn, kommt am Abend mit einem Transistorradio unter dem Arm nach Hause. Es ist 1956, Johannes 14 Jahre alt, und seit April verdient er sein eigenes Geld 90 Pfennige in der Stunde. Johannes hat es geschafft, er ist Lehrling bei NSU. Auf das Radio hat er gespart. Sein Vater, Bankbeamter, schimpft: "Junge, das ist doch Luxus. Kauf dir was Ordentliches."

Johannes, der Senior, sitzt in einem Designersessel im Audi-Forum und lchelt. Eine silberne Nadel hlt die bunt bedruckte Krawatte unterm braunen Jackett. Die Audi-Ringe hat er sich ans Revers geheftet wie einen Orden. Es ist 2007, Johannes Vollrath 65 Jahre alt, in wenigen Wochen geht er in Rente. Er lehnt sich vor und sagt: "Klar, ich war in den letzten 51 Jahren auch mal krank. Aber nie" Vollrath hebt einen Finger und zieht die Brauen hoch "arbeitsunfhig." Dann lchelt er.

Erst zu Fu ins Werk, heute mit einem A8

Seit mehr als einem halben Jahrhundert geht Johannes Vollrath morgens in das grte Werk seiner Heimatstadt Neckarsulm. Erst kam er zu Fu, spter mit dem Fahrrad, heute mit einem A8. Er ist stolz darauf, und Audi ist stolz auf ihn. Er ist der dienstlteste Mitarbeiter unter den 13.000 Beschftigten. Und wenn er nun zurckblickt, dann luft man Gefahr zu glauben, die Leute hier knnten tatschlich alles auer Hochdeutsch. "Ich habe", fasst Schwabe Vollrath sein Berufsleben zusammen, "meine persnlichen Chancen erkannt." Zum ersten Mal 1955.

Mehr als ein halbes Jahrhundert bei Audi: Johannes Vollrath, hier als Lehrling.

Elf Jahre zuvor, am 8. Dezember 1944, wird Nackarsulm vom Bomben zerstrt, das Haus der Vollraths liegt in Trmmern, und unter den Trmmern liegen der zweijhrige Johannes und seine Mutter. Bis 1948 lebt die Familie in Notunterknften, elf Personen auf 50 Quadratmetern. Mit sechs Jahren steht er mit der Schultte vor der Volksschule, mit 13 vor der Frage: wo die Lehre machen? "NSU war der Traum aller technikbegeisterter Jungen, der begehrteste Arbeitgeber im Umkreis von 50 Kilometern." Am 16. April 1956 wird Vollrath einer von 288 Lehrlingen in der grten Zweiradfabrik der Welt. Er lernt Werkzeugmacher, und als er zum ersten Mal den Blaumann mit dem NSU-Emblem berzieht, da wird dem Johannes irgendwie ganz anders. Er wei: Er will nie wieder weg. Vor ihm liegen 52-Stunden-Wochen und zwlf Tage Urlaub im Jahr. "Wir waren ganz anders motiviert als die Jugendlichen heute", sagt Vollrath. Samstags habe er bis 16 Uhr die Werkstatt sauber gemacht. Heute sehe er eine bersttigte Gesellschaft, in der Lehrlinge beim Klang der Sirene den Hammer fallen lassen.

Lohn all der Jahre und Mhen: ein Haus und 14 Patente


Tüftler und Chef: Johannes Vollrath mit Franz-Josef Paefgen (links).

Ab 1958 zndet der Wankelmotor in Neckarsulm. Vollrath arbeitet in der Versuchswerkstatt am NSU Prinz, spter am Ro 80. Beide fhrt er in den 60ern auch privat. Er sagt: "Ich habe an der deutschen Automobilgeschichte mitgearbeitet." NSU, Audi das sind fr Vollrath die Ringe des Lebens. Es hat etwas Rhrendes, wenn der Mann ber sein Werk spricht. Nur einmal wird er der Firma fr drei Jahre untreu: 1965 kauft er einen Daimler-Benz, eine 220er-Heckflosse, weil ihm der Prinz zu eng ist seit er im Krieg verschttet wurde, plagt ihn die Platzangst. Das Trmmerkind gelangt zu Wohlstand. Er baut ein Haus, natrlich in Neckarsulm. Er ist der Meinung, ein Schwabe msse Wohneigentum besitzen. Vollrath wechselt in die Technische Entwicklung und meldet 14 Patente an. Eine Erfindung macht ihn ein wenig berhmt, sie wird Anfang der 80er Jahre unter der Patent-Nummer 3433091.7 registriert. Eine Lokalzeitung nennt Vollrath nun den "Vater der beheizbaren Scheibenwaschdse".

Seit 1996 arbeitet Mr. Audi im Aluminium- und Leichtbauzentrum. Er wird "die gute Seele" jenes Teams, das die Tr fr den A2 entwickelt. "Der Leichtbau rettet den Planeten", so lautet Vollraths Beitrag zur ko-Debatte. Die Zeiten haben sich gendert. Wo einst das NSU-Werk in Trmmern lag, steht heute das 60 Millionen Euro teure Audi-Forum. Ein Museumskoloss aus Glas, Stahl und Alu, der in einer Stadt wie Neckalsulm ebenso wie ein Fremdkrper wirkt wie Johannes Vollrath in ihm. Er passt irgendwie nicht hierher. "Da drben" Vollrath zeigt auf die andere Straenseite "stand damals das Backsteinhaus der NSU-Kameradschaft." Die neuen Lehrlinge wurden dort begrt. Damals. "Bei NSU war das wie eine Familie", sagt Vollrath. Er war von Anfang an verliebt in dieses Werk. 1956 hat er es geheiratet, vor einem Jahr wurde Goldene Hochzeit gefeiert und Ende Juli droht nun die Scheidung. Aber Johannes will nicht. Er will weiter da hingehen. Vielleicht, so hofft er, wird er ja freiberuflicher Berater.

Historie: Die Geschichte von Audi und NSU

Infolge der Weltwirtschaftskrise schlossen sich 1932 die Kraftfahrzeughersteller Audi (gegrndet 1910), Horch (1899), DKW (1916) und Wanderer (1885) aus Kostengrnden zur Auto Union AG zusammen. Die vier Ringe als Firmenlogo waren geboren.

Die Ringe des Lebens: Heute läuft hier in Neckarsulm der R8 vom Band.

Die heutige Audi AG entstand 1969 zunchst durch den Zusammenschluss der Ingolstdter Auto Union GmbH und der NSU Motorenwerke AG (gegrndet 1873). Gemeinsam wurden sie zur Audi NSU Auto Union AG mit Sitz in Neckarsulm. Erst 1985 wurde der Firmensitz unter dem neuen Namen Audi AG nach Ingolstadt verlegt. In dem Werk in Neckarsulm wurden ab 1880 Strickmaschinen gefertigt, ab 1886 Fahrrder. 1900 kam der Bau von "Motor-Zweirdern" hinzu. 1906 rollen die ersten "Original Neckarsulmer Motorwagen" aus den Hallen. Im Jahre 1927 fhrt NSU die Produktion von Motorrdern am Flieband ein 12.926 Stck werden in einem Jahr gebaut, dazu 28.200 Fahrrder. Die Weltwirtschaftskrise bringt 1929 auch NSU in Bedrngnis. Nach dem Krieg wird in Neckarsulm ab 1958 die Autoproduktion mit dem Prinz wieder aufgenommen. Spter folgten Ro 80 und Audi 100. Als 1975 das Werk vor dem Aus steht, werden zur besseren Kapazittsauslastung auch Porsche 924 und 944 gefertigt.

Autor: Hauke Schrieber

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