7-Gang-Automatikgetriebe

Wie viel Gänge braucht der Mensch? Wie viel Gänge braucht der Mensch?

7-Gang-Automatikgetriebe

— 06.11.2003

Wie viel Gänge braucht der Mensch?

Es ist angerichtet: Mercedes-Benz ist weltweit der erste Anbieter eines siebenstufigen Automatik-Menüs. Und was macht dieses Super-Getriebe schmackhaft? Ein historischer Vergleich.

Automatikgetriebe galt als Extra de Luxe

Es ruckt. Die Gangwechsel sind deutlich zu spüren. Kein Wunder: Die Automatik reagiert hektisch – Kickdown-Befehle werden nur widerwillig umgesetzt. Und tritt man bei 130 km/h noch mal beherzt ins Pedal, tut sich gar nichts mehr. Das Mercedes-Benz-Getriebe verharrt stur in seinem höchsten Gang.

Undenkbar, würde man so etwas über die heutige S-Klasse lesen. Deren Ingenieure könnten ihren Hut nehmen. Doch was hier beschrieben wird, stammt aus dem Jahre 1971 und heißt 280 SE 3.5, ausgestattet mit der Viergangautomatik W4B025. Damals waren selbst Mercedes-Benz-Bosse längst nicht so verwöhnt wie heute. Ein Automatikgetriebe galt als Extra de Luxe – ein Statussymbol, das sich nur Reiche leisten konnten.

Heute kann der S-Klasse-Fahrer nicht mal mehr wählen. Die Gänge schon, aber nicht die Art des Getriebes. Zumindest dann nicht, wenn er sich für ein Achtzylindermodell entscheidet (S 430, S 500 oder auch E 500, SL 500 und CL 500). Die Fünfgangautomaten schalten perfekt, sind computergesteuert, lernfähig, wirtschaftlich und im höchsten Maße komfortabel. Daher hat sich noch nie ein Mensch darüber beschwert, dass die fünf Fahrstufen nicht ausreichen oder gar Komfort vermissen lassen würden. Aber Ingenieure wären eben keine Ingenieure, wenn sie sich mit dem Entwicklungsstand zufrieden gäben.

Fahrkomfort dringt in neue Dimensionen

Das Bessere ist des Guten Feind, lautet die Devise allen technischen Antriebs, und so nahm man sich den Fünfgangautomaten erneut vor, tüftelte und testete gut drei Jahre. Das Ergebnis heißt W7A700 und soll künftig die Krönung aller Zahnradpaarungen sein. Hinter dem Kürzel steckt ein Sieben-Gänge-Menü, in das alle Erfahrungen eingeflossen sind, die Mercedes-Benz in über 40 Jahren Getriebebau gesammelt hat. Nebenbei: Über elf Millionen Automatikgetriebe hat die Marke mit dem Stern bis heute produziert.

So viel Masse bringt eine neue Klasse: Der Fahrkomfort mit der Siebengangautomatik schaltet um in eine neue Dimension. Unmerklich werden die Gänge gewechselt, alles geschieht seidenweich, fast unhörbar. Lichtjahre liegen da zwischen damals und heute. Und sicher immer noch ein Schaltjahr im Vergleich zum fünfstufigen Vorgänger. Eine der wichtigsten Konstruktionsmaßnahmen war natürlich die Anhebung der Gänge von fünf auf sieben. Dadurch lässt sich eine so genannte größere Getriebespreizung realisieren. Sie bezeichnet das Verhältnis zwischen dem kleinsten und dem größten Gang. Die Drehzahlsprünge zwischen den einzelnen Gängen werden damit kleiner. So steht für jede Fahrsituation die passende Übersetzung zur Verfügung.

Während der erste Gang bei der bisherigen Automatik noch 4,33-mal kleiner war als der fünfte, beträgt das Spreizungsverhältnis zwischem dem kleinsten und größten (7.) Gang jetzt 6,0. Diese Zahl, so die Mercedes-Benz-Techniker, markiert nahezu das Optimum. Entwicklungsleiter Günter Indlekofer: "Eine noch größere Spreizung mit acht oder gar zehn Gängen brächte für den Autofahrer keinen Vorteil mehr. Außerdem wäre der Bauaufwand zu groß, das Getriebe zu schwer."

Sieben Gänge senken den Geräuschpegel

Das W7A700 ist nur vier Zentimeter länger und drei Kilo schwerer (jetzt 82 Kilo) als die Fünfgangversion. Beim Gehäuse aus Magnesium sparten die Entwickler 2,5 Kilo. Weiteres Gewicht durch den kleineren Drehmomentwandler (270 statt 290 Millimeter). Aufgrund seiner geringeren Massenträgheit kann er zudem feinfühliger reagieren.

Nach dem Siebengang- käme nur noch das CVT-Getriebe oder eine Multitronic, wie Audi es nennt. Sie hat unendlich viele Gänge. Hier sind aber der Drehmomentübertragung durch die Schubglieder Grenzen gesetzt. Mehr als 350 Newtonmeter schafft diese Technik zurzeit nicht.

Doppelt so viel verkraftet das W7A700 (die 700 steht für das maximale Drehmoment). Seine sieben Gänge senken sowohl den Geräuschpegel als auch die Drehzahl. Bei Tempo 100 km/h gleitet der V8 der S-Klasse mit gemächlichen 1600 Touren dahin, während die Nadel des alten W111 noch auf über 3500/min steht.

Für alle Achtzylinder-Benziner zu haben

Zum Vorgänger mit der Fünfgangautomatik allerdings sind die Unterschiede deutlich weniger spürbar, und man fragt sich schnell: Braucht der Mensch das wirklich? Der Sprint von null auf hundert ist 0,3 Sekunden schneller erledigt. Beim Zwischenspurt von 60 auf 120 km/h können maximal 2,1 Sekunden herausgefahren werden. Und die Schaltzeiten verkürzen sich um 0,1 bis 0,2 Sekunden. Papierwerte, im Alltag so gut wie nicht zu spüren.

Letztlich bleibt auch fraglich, ob der S-Klasse-Fahrer an der Tankstelle einen Freudensprung auf die Zapfsäule macht, wenn er einen halben Liter weniger verbraucht hat. Viel wichtiger ist die Wirtschaftlichkeit für Mercedes-Benz selbst, senkt sie doch den viel zitierten Flottenverbrauch des Herstellers.

König Kunde profitiert zumindest beim Kauf. Denn das Sieben-Gänge-Menü wird ab sofort für die Achtzylinder-Benziner serviert – aufpreisfrei. Später kommen weitere Motoren in den Genuss: Mitte nächsten Jahres sollen auch die Sechszylinder-Modelle damit bestückt werden.

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