Neues Verbrauchsmessverfahren WLTP ab 2017

50 Autos im Check: So hoch ist der Mehrverbrauch

Abgas: Neue Messverfahren WLTP und RDE

— 01.09.2017

Das Ende der Verbrauchslüge

Ab jetzt gibt's echte Verbrauchswerte: Seit September 2017 gelten bei Abgasmessungen die neuen Verfahren WLTP und RDE – allerdings mit Einschränkungen.

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(dpa/cj) Abgas- und Verbrauchstest für Neuwagen und der Alltag auf der Straße – das waren bislang zwei Welten. Bisher lieferte der "Neue Europäische Fahrzyklus" (NEFZ) die Messergebnisse für Schadstoffausstoß, CO2-Emissionen und Kraftstoffverbrauch. Besonders realitätsnah war dieser auf dem Rollenprüfstand durchgeführte Test nie. Seit dem 1. September 2017 gibt es nun EU-weit gleich zwei neue Abgastests: einen verbesserten auf dem Prüfstand – den WLTP (Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure) – und weltweit einmalig einen zusätzlichen auf der Straße, den RDE ("Real Driving Emissions"). Wenn Autohersteller jetzt eine Typzulassung für neue Modelle wollen, werden diese nun ganz anders unter die Lupe genommen. AUTO BILD beantwortet die wichtigsten Fragen zur neuen Test-Gerechtigkeit.
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Was ist so schlecht am bisherigen NEFZ-Test?

Die Autokonzerne mussten für die Zulassung ihrer neuen Fahrzeuge nachweisen, dass sie alle Grenzwerte auf einem Prüfstand einhalten. Bei dem seit 1996 gesetzlich vorgeschriebenen NEFZ-Test wurden vier Kilometer Fahrt durch die Innenstadt mit Stop-and-go simuliert, gefolgt von sieben Kilometern außerorts. Vom Motoröl bis zu den Reifen war jedes Detail vorgegeben. Aber der vorgeschriebene Fahrstil war realitätsfern: Durchschnittstempo von 34 km/h, Höchstgeschwindigkeit 120 km/h für zehn Sekunden, ohne Radio, Klimaanlage oder Sitzheizung. Autofahrer wie Umweltschützer beklagten, dass Verbrauch und Emissionen auf der Straße viel höher sind. Die internationale Forscherbund ICCT ermittelte im Jahr 2016 eine Verbrauchsdiskrepanz von durchschnittlich 42 Prozent. Laut Umweltbundesamt war der Unterschied vor allem bei Dieselautos beim Stickoxid enorm.

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Was ändert sich mit den beiden neuen Tests?

Mit PEMS werden Emissionswerte im Abgas direkt während der Fahrt gemessen.

Der neue WLTP-Test auf dem Rollenstand simuliert eine doppelt so lange Fahrt, mit mehr Beschleunigungen, mehr Tempo, ist also viel realitätsnäher. Auch Sonderausstattungen werden berücksichtigt. Und zum ersten Mal wird die Messung auf dem Prüfstand ergänzt durch eine Messung direkt auf der Straße. "Das ist einmalig. Das gibt es weder in Asien noch in den USA", sagt Eckehart Rotter, Sprecher des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Beim  RDE-Test muss kein fester Fahrzyklus eingehalten werden, der Tester kann jede Strecke fahren, Beschleunigung, Außentemperatur, Windverhältnisse und Verkehrslage sind beliebig. Zur Emissionsmessung werden mobile Apparate am Auspuff montiert, sogenannte PEMS (Portable Emissions Measurement System).
NEFZ und WLTP im Vergleich
NEFZ WLTP
Starttemperatur kalt kalt
Zykluszeit 20 Minuten 30 Minuten
Standzeitanteil 25 Prozent 13 Prozent
Zykluslänge 11 km 23,25 km
Geschwindigkeit mittel: 34 km/h; max.: 120 km/h mittel: 46,6 km/h; max.: 131 km/h
Antriebsleistung mittel: 4 kW; max.: 34 kW mittel: 7 kW; max.: 47 kW
Sonderausstattung/Klimaanlage Werden nicht berücksichtigt. Sonderausstattungen werden für Gewicht, Aerodynamik und Bordnetzbedarf berücksichtigt. Keine Klimaanlage.
Quelle: VDA

Was heißt das für Autofahrer?

Für bereits zugelassene Fahrzeuge ändert sich gar nichts. Aber wer ein neues Auto kaufen will, sollte vielleicht vor dem 1. September 2018 zugreifen: Danach wird für den gleichen Neuwagen unter Umständen eine höhere Kfz-Steuer fällig. Denn von dann an werden der Verbrauch und der CO2-Ausstoß für alle neu zugelassenen Autos nach dem neuen Testzyklus gemessen, bei dem schneller und dynamischer gefahren wird. Und das bedeutet oft mehr Verbrauch, mehr CO2 und dadurch auch eine höhere Kfz-Steuer

Gibt es neue Grenzwerte?

Die WLTP- und RDE-Tests sind seit September 2017 vorgeschrieben, aber zunächst nur für neue Typzulassungen.

Ja. Bisher schrieb der Gesetzgeber Grenzwerte nur für den Labortest vor. So darf ein Auto höchstens 80 Milligramm Stickoxid je Kilometer ausstoßen. Jetzt gibt es erstmals auch einen Grenzwert für die Straße, der allerdings deutlich höher liegt: Das Auto darf im RDE-Test höchstens 168 Milligramm Stickoxid ausstoßen, von 2020 an nur noch 120 Milligramm. Die WLTP- und RDE-Tests sind in der EU vom 1. September 2017 an vorgeschrieben für jedes Automodell und jeden Motortypen, den ein Hersteller ganz neu auf den Markt bringt. Für sämtliche Fahrzeug-Neuzulassungen (auch von bereits vorhandenen Modellen) ist der neue Labortest dann von September 2018 an, der Straßentest von September 2019 an vorgeschrieben.

Wer prüft, ob die Grenzwerte eingehalten werden?

Die deutschen Autohersteller lassen ihre Autos vom TÜV, der Dekra oder einem anderen vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) zugelassenen Institut testen. Mitunter sind KBA-Mitarbeiter bei den Tests dabei. Das KBA erteilt dann die europaweite Typzulassung. Außerdem baut das KBA auf einem ehemaligen Bundeswehrgelände in Leck in Schleswig-Holstein ein eigenes Testlabor samt Testgelände auf. Dort werde es unangemeldete "Kontrollen im Stile von Doping-Tests durchführen", teilte das Bundesverkehrsministerium mit, und zwar von "Fahrzeugen direkt aus der Produktion oder Fahrzeuge von Leihwagenfirmen."

Sind die Messwerte im Labor und auf der Straße jetzt identisch?

Nein. Fahrweise, Verkehrsfluss und Wetter beeinflussen Verbrauch und Emissionen weiterhin stark, erklärt der ADAC. Die Fahrweise hat dabei den größten Einfluss auf den Kraftstoffverbrauch und kann zu Aufschlägen von bis zu 20 Prozent führen. Aber die Messwerte der neuen Tests sind viel näher am Alltag. "Die ganze Debatte, die wir seit zwei Jahren führen, wird damit beendet", sagt VDA-Sprecher Rotter.

Welche Kritikpunkte gibt es dennoch?

In Europa wurde heftig über die Einführung der WLTP diskutiert, gestritten und verhandelt.

Die Kritik bezieht sich hauptsächlich auf die von der Industrie ausgehandelten Übergangsfristen und -lösungen. So sind zum Beispiel die sogenannten Konformitätsfaktoren 2,1 (168 mg) und 1,5 (120 mg im Jahr 2020), die die RDE-Ergebnisse beim Stickoxid über denen der WLTP-Messungen liegen dürfen, Folgen politischer Verhandlungen in der EU. Auch für die CO2-Ziele der EU, die jeder Hersteller mit seiner Flotte einzuhalten hat, sowie mögliche Strafzahlungen gilt der (aus dem WLTP) errechnete NEFZ weiter. Zudem ist die CO2-Angabe der WLTP-Werte für den Verbraucher zunächst einmal freiwillig, vorgeschrieben ist nur der "korrelierte NEFZ-Wert", also das umgerechnete WLTP-Resultat. Erst ab September 2018 muss im Konfigurator der WLTP-Wert sichtbar sein.

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Fotos: obs/TÜV SÜD AG/Beate Jeske

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