ChampCar-Serie in Las Vegas

Glocks Kurven-Flüsterer Glocks Kurven-Flüsterer

ABM-Fahrer im Formelwagen

— 07.10.2005

Glocks Kurven-Flüsterer

Tony Gentilozzi ist der Mann, der Timo Glock in Las Vegas per Funk durchs zweite Oval-Rennen seiner Karriere führte. Der Job des "Spotters" verlangt vor allem einen echt coolen Typen.

Rückspiegel, Adlerauge und Schutzengel

Bevor Tony Gentilozzi zum "Spotter" wurde, hat er Böden gewischt. Auf diese Tatsache legt Tony Gentilozzi großen Wert. Daß er sich hat hocharbeiten müssen, obwohl der Rennstall seinem Vater gehört. Hocharbeiten vom öligen Beton der Teamgarage bis zu jenem Platz ganz oben über dem Dach der Haupttribüne. Dort steht er jetzt. Unter ihm liegt der Las Vegas Motor Speedway. Rechts am Horizont die Lichter der Stadt. Dazwischen: Wüste. Tony zündet sich eine Filterlose an. Er tut das, wie er alles tut: ganz langsam und extrem cool.

Tony Gentilozzi mag mit seinen großen Zahnlücken und seinem rot gebrannten Gesicht vielleicht nicht der lässigste Typ der Welt sein, aber es gibt wahrscheinlich nur wenige Menschen, die entspannter sind, unaufgeregter und weniger stoisch als dieser 29jährige aus Lansing, Michigan. Für den Job, den Tony in dieser heißen Nacht zu erledigen hat, muß er so abgeklärt sein. Tony Gentilozzi ist der lebende Rückspiegel von Timo Glock beim Ovalrennen der ChampCars. Tony ist Timos "Spotter", sein "Seher". Er ist Adlerauge und Schutzengel. Er sagt: "Ich war schon immer eher der ruhigere Typ."

Spotter haben einen überschaubaren Aufgabenbereich. Sie sollen ihre Fahrer heil durch Rennen auf einem Highspeed-Oval wie dem 2,4 Kilometer langen Trioval von Las Vegas führen. Sie sind per Funk mit dem Fahrer und dem Team verbunden. Und wenn ein Spotter auf den roten Knopf am Funkgerät drückt, dann haben alle anderen – egal, ob Crew-Chef, Renningenieur oder Teambesitzer – Sendepause.

Noch konzentrierter als der der Pilot selbst

Der Spotter warnt, wenn von hinten ein schnelleres Auto zum überholen ansetzt oder ein Rennwagen aus der Boxengasse kommt. Er alarmiert, wenn es einen Unfall gab und Trümmer auf der Strecke liegen. Er informiert, wenn eine Gelbphase kommt. Er hat seine Augen gleichzeitig bei seinem Fahrer, bei der übernächsten Kurve, bei der Boxengasse, bei den Streckenposten. Er muß mindestens genauso konzentriert sein, wie der Pilot selbst.

"Es herrscht ein starkes Vertrauensverhältnis zwischen dem Rennfahrer und seinem Spotter", sagt Paul Gentilozzi, selbst erfolgreicher Tourenwagenfahrer, Besitzer von Timo Glocks Team Rocketsports und Tonys Vater. Schließlich gibt es "extrem viele tote Winkel, wenn man zu dritt nebeneinander durch die Steilkurve fährt", wie Timo Glock es ausdrückt. Und das bei Tempo 300 mit Rückspiegeln, die höchstens halb so groß sind wie von Straßenautos.

Tony ist seit drei Jahren Spotter im Team seines Vaters. Der Job alleine wäre nicht erfüllend, nur zwei der 14 ChampCar-Rennen des Jahres finden im Oval statt. Der gelernte Motorenentwickler kümmerte sich in diesem Jahr um das Jaguar-Triebwerk des Rocketsports-Tourenwagens des Deutschen Klaus Graf in der TransAm-Serie. Graf holte den Titel. Die Zusammenarbeit mit Deutschen scheint Tony zu liegen; auch mit Glock läuft alles glatt. "Wir sprechen vor dem Rennen ab, wie ich was wann sage. Weil Timo hier in Las Vegas erst das zweite Ovalrennen überhaupt fährt, gebe ich alle Informationen einen Tick früher als sonst."

"Brauche nicht mehr als zehn Wörter."

Als die Sonne untergeht und das Rennen ansteht, macht sich Tony fertig. Mit wiegendem Schritt schleicht er durchs Fahrerlager, obwohl die Zeit drängt. "Du brauchst einen kühlen Kopf, gute Augen und mußt immer ruhig bleiben", sagt Tony, der selbst nie das Talent zum Rennfahren hatte. Mit dem Fahrstuhl fährt Tony in die fünfte Etage des Speedway, direkt unter einen der 110 Flutlichtmasten.

Dorthin, wo die Spotter ihren Balkon haben: 18 zusätzliche Augenpaare für 18 Rennfahrer. "Rennen unter Flutlicht sind einfacher für uns", sagt Tony. "Wir können die Autos besser erkennen." Er trägt eine Brille mit 1,25 Dioptrin, aber er sagt, er könne auch ohne sie scharf gucken. Tony steckt sich noch eine an. "Eigentlich", sagt Glocks Kurven-Flüsterer, "brauche ich für diesen Job kaum mehr als zehn Wörter. Auto kommt, innen, außen, Unfall in Kurve zwei, halte die Linie. So ein Zeug eben."

Es gibt Leute, die machen ihr Geld ausschließlich damit. In der NASCAR-Serie, wo Woche für Woche fast nur im Oval gefahren wird, verdienen Profi-Spotter richtig viel. Der Partner von NASCAR-Star Jeff Gordon kommt locker auf umgerechnet 50.000 Euro im Jahr. Dann beginnt das Rennen: Timo Glock kämpft sich vom 15. Startplatz bis auf Rang acht vor. Der im Training noch viel zu langsame Lola-Cosworth liegt jetzt besser. "Es ist immer schwerer, ein langsames Auto zu spotten", sagt Tony Gentilozzi. "Ständig kommt einer von hinten."

Als Spotter kannst du nur verlieren

Als sich A. J. Allmendinger Glock bis auf wenige Zentimeter nähert und sich Teambesitzer Paul Gentilozzi angesichts der dramatischen Szene an den Kopf faßt, signalsiert der Sohn sein "außen kommt einer, bleib auf deiner Linie, gut so" – in einer Stimmlage, als erzähle er einem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte. Obwohl der Spotter keinen Einfluß auf die Renntaktik hat, gibt er doch auch Ratschläge.

"Benutze deinen Push-to-Pass-Knopf, Timo", sagt er, als Justin Wilson kurz vor Rennende hinter ihm auftaucht. "Ein Pilot", erklärt Tony, "sollte im Oval drei Dinge beachten: Geduld haben, taktisch fahren und immer ruhig bleiben." Klar, daß einer wie er das sagt. Angeblich schauen sich Spotter sogar die Linien der anderen Fahrer an und hören, mit welchen Drehzahlen die Gegner fahren. Dennoch, sagt Tony Gentilozzi, sei Spotting ein undankbarer Job. Ein Spotter könne nur verlieren. Ein Fehler kostet in der Regel Plätze, wenn nicht gar das ganze Rennen.

Andererseits habe er noch nie davon gehört, daß ein Spotter einen Platz für den Piloten gewonnen habe. Daß auch Tony Gentilozzi kein unfehlbarer Spotter ist, stellte Timo Glock bei Oval-Tests im Mai in Milwaukee fest. Obwohl der Deutsche nach einem Unfall bei Tempo 300 mit gebrochenem Schlüsselbein in den Trümmern seines Lola saß, gab Gentilozzi ihm weiter über Funk Anweisungen. "Bleib oben. Halte deine Linie. Ja, gut so." Gentilozzi hatte schlicht das gelb-rote Auto von Glock mit dem in der gleichen Farbe lackierten Rennwagen seines Teamkollegen verwechselt.

Funkprotokoll: "Du hast ihn, alles frei!"

Das Funkprotokoll von Las Vegas (leicht gekürzt): Es sprechen: Timo Glock (T); Teambesitzer Paul Gentilozzi (P); Crew-Chief Rob Hill (R), Spotter Tony Gentilozzi (S)

Einführungsrunden: R: "Viel Glück, Timo. Und spar Sprit, spar Sprit. Ja, so ist's gut. Noch drei Runden bis zur grünen Flagge." – R: "Jetzt grüne Flagge, grüne Flagge, Timo." – S: "Freie Strecke. Innen kommt einer. Du bist vorn."

12. Runde (Glock ist von Platz 15 vor auf P13 gekommen): S: "Bleib innen, alles frei, außen kommt einer, du bist vorn. Geh außen vorbei, du hast ihn, alles frei."

37. Runde (Glock ist an Teamkollege Ryan Hunter-Reay vorbei auf P10): S: "Innen ist alles frei, außen alles frei." – T: "Die Reifen bauen ganz schön ab." – R: "Boxenstopp in drei Runden, Timo. Wir stoppen in drei."

40. Runde (erster Boxenstopp): R: "Komm jetzt rein, Timo, Box, Box, Box! Vorsichtig, nicht zu nah an die Boxenmauer, gut so. Bleib auf der Bremse. Warte. Los, los, los! Wir müssen jetzt Zeit gutmachen, Timo, du hast freie Fahrt vor dir." – S: "Bleib oben. Da kommt einer aus der Boxengasse. Alles frei." – P: "Gute Arbeit, Timo, bleib dran, du bist P8." S: "Außen kommt einer, halte deine Linie." (Gegner vorbei) "Wieder frei."

71. Runde: T: "Gutes Auto hab ich. Ziemlich neutral." – R: "Du machst das gut, Kumpel. Weiter so."

81. Runde (zweiter Boxenstopp): T: "Ich trete die Bremse durch, aber nichts passiert." – R: "Du mußt pumpen. Pump die Bremse. "

84. Runde: T: "Wo ist AJ?" (AJ Allmendinger) – P: "Zwei vor dir." – T: "Warum ist der so weit weg?" – P: "Ist zwei Runden länger draußen geblieben. So was passiert." – S: "Lavin hinter dir. Bleib auf der Linie." – P: "Gute Arbeit, Timo. Bleib dran."

"Timo, verbrenn' Sprit für uns , Kumpel!"

123. Runde (dritter Boxenstopp geplant): P: "Gute Arbeit, Timo. Ich weiß, es ist hart, aber du lernst hier grad ne Menge." (nach Unfall von Paul Tracy) – R: "Bleib draußen, spar Sprit." – T: "Ist mein Pit-Limiter an oder aus?" – R: "Er ist aus. Komm rein, sobald die Boxengasse auf ist." – T: "Hab Probleme mit dem rechten Auge." – R: "Nur noch 40 Runden. Achte auf den Kerosindruck. Pump mit dem Bremspedal auf der Geraden."

126. Runde (dritter Boxenstopp, Probleme beim Reifenwechsel): R: "Reg dich nicht auf. Nur eine kleines Mißverständnis. Weiter." – P: "Du kannst bis zum Ende durchfahren. " – R: "AJ ist ohne Benzin liegengeblieben, Wirdheim ist an der Box, den kriegst du auch." – P: "Du hast noch 50 Sekunden Pushto-Pass. Wirdheim noch 32." – R: "Wir haben am Ende hier das beste Auto im Feld." – P: "Du kannst die beiden vor dir noch schnappen, dann gehen wir hier mit P6 nach Hause." – T: "Wo sind Wirdheim und Lavin?" – R: "Kann ich nicht sehen. Tony, siehst du mehr da oben?" – S: "Beide hinter dir." – R: "Timo, du kannst ruhig noch mehr Sprit verbrennen, wenn du willst. Verbrenne Sprit für uns, Kumpel."

136. Runde: R: "In einer Runde kommt das Pace-Car rein. Halte die Reifen sauber und warm. Sauber und warm, Junge." – S: "Benutze deinen Push-to-Pass- Knopf. Sehr gut. Halte Deine Linie."

155. Runde: S: "Da kommt Wilson wieder von außen. Halte deine Linie. Gute Arbeit, gute Arbeit. Verteidige deine Linie." – T: "Wieviel Runden noch?" – P: "Elf Runden." – R: "Bleib in der Gruppe. Von hinten kommt nichts mehr." – S: "Außen. Geduldig. Ja. Frei." – P: "Sieben Runden. Und du hast noch sieben Sekunden Push-to-Pass. Spar sie dir auf." – S: "Bleib oben." – R: "Weiße Flagge. Gib alles in der letzten Kurve."

Nach Zieldurchfahrt: P: "Du hast es. P8. Das war nicht das Rennen eines Rookies. Gut gemacht." – R: "Komm an die Box und halte drei Meter vor dem üblichen Platz. Die brauchen hier Raum für die Siegerehrung. Gut gemacht, Kumpel."

Autor: Hauke Schrieber

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