Abschiedstour durch Deutschland

2000 Kilometer durch Deutschland 2000 Kilometer durch Deutschland

Abschiedstour durch Deutschland

— 08.08.2003

Käfer, wir werden dich nie vergessen!

Sein letzter großer Auftritt. AUTO BILD und Volkswagen schickten elf kleine Käferlein auf eine lange Reise. Die Tour der Erinnerungen führte über "2000 Kilometer durch Deutschland".

Ausdauerprüfung für 200 Veteranen

Vergessen! Der Rolls-Royce ist längst passé. Lagonda LG 45? Verdrängt. In Erinnerung bleiben elf kleine Käferlein, die im Mittelpunkt der größten Oldtimer-Rallye standen, die es hierzulande gibt. "2000 Kilometer" heißt sie in Kurzform. In Wirklichkeit sind es 2525 Kilometer und damit eine harte Ausdauerprüfung für die 200 Veteranenfahrzeuge. Nicht für den Käfer: Er läuft und läuft eben immer noch.

Die Modelle, vom Vorkriegsprototyp bis zur frisch aus Mexiko eingetroffenen Ultima Edición, brachten die VW Autostadt und die Stiftung Volkswagen an den Start. Mit dabei auch das Redaktionsteam von AUTO BILD: Redakteurin Margret Hucko (28) und Grafikerin Peggy Hiltrop (39) steuerten ein seltenes Hebmüller Cabriolet von 1949. Hier ihr Tagebuch.

Immer schön mit Zwischengas

1. Tag, Möchengladbach bis Luxemburg (314 Kilometer) Ein Knopfdruck – und du stellst die Zeit zurück. Den Zündschlüssel auf zehn nach zwölf, den Anlasser getippt, hinter dir schnattert der luftgekühlte Boxer los. Noch vor einer Stunde konnten Peggy und ich "unsynchronisiertes Getriebe" gerade mal buchstabieren. Jetzt fahren wir mit Zwischengas: Auskuppeln, Gang raus, einkuppeln, Gas geben, auskuppeln, Gang rein, einkuppeln! Bis zur Mittagspause rufen wir uns die Schaltvorgänge wie ein Schlagmann im Ruderboot zu. Der dritte Gang flutscht bereits flüssig durch die Schaltkulisse. Es soll sogar noch Käfer-Fahrer geben, die ihren synchronisierten VW mit Zwischengas schalten. Weil sie glauben, es tut dem Wagen gut.

2. Tag, Luxemburg bis Ulm (471 Kilometer) Begeistern sich die Belgier etwa nur für Bier und Pralinen? Auf die 200 vorbeifahrenden Oldtimer reagieren unsere Nachbarn jedenfalls so euphorisch wie Regenwürmer auf Sonne. Dabei rollt gerade das deutsche Wirtschaftswunder durch Waldhaff und Munsbach – und vorbei an vielen anderen belgischen Dörfchen. Hinter der Grenze wechselt die Stimmung dann so schnell wie das Wetter in den Bergen. Unsere zwölf Käferlein knipsen den Menschen das Grinsen ins Gesicht. "Euch fehlt die Vase!", ruft ein älterer Herr. Aber wir wollten fahren wie anno 1949, das Reagenzgläschen kam erst in den fünfziger Jahren in Mode.

Zum Fototermin nach Käferbach

3. Tag, Ulm bis Nürnberg (243 Kilometer) Häähh, was macht der rote Prototyp vor uns, der Nachbau des V3? Dreht einfach ab nach rechts. Dabei ist der Abstecher gar nicht in dem 150 Seiten dicken Bordbuch verzeichnet, das uns 2525 Kilometer durch Deutschland lotst. Da steht doch G wie geradeaus. Unsere Augen suchen und finden schließlich den Grund: KÄFERBACH. Fototermin mit einem Ortsschild in Mittelfranken.

4. Tag, Nürnberg bis Leipzig (418 Kilometer) Guten Morgen, liebe Sorgen. Am Frühstückstisch hören wir von Käfer-Kollegin Susanne Wiersch, dass der Mexiko-Käfer aus der última edición (46 PS) gestern vom Rallye-Startschild hart getroffen wurde. Der Torbogen knallte nach einem Windstoß auf das Heck und drückte eine ordentliche Delle ins Blech. Kräftig schlucken müssen wir bei dem Gedanken, dass das Ding auch unseren Hebmüller hätte knutschen können ... Für das zweifarbige Cabrio zahlen Sammler deutlich über 30.000 Euro.

Hallo Berlin – Ankunft in der Hauptstadt

5. Tag, Leipzig bis Berlin (211 Kilometer) Am liebsten hätte Hans Eichel den Opel Admiral (Baujahr 1938) wahrscheinlich in den Bundeshaushalt eingebracht. Unser Finanzminister steuert den wuchtigen Oldtimer von Leipzig bis Wittenberg mit Klaudia Martini, Opel-Vorstands-Frau. In Wittenberg steigt Eichel dann aus, um sich mit Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (Sachsen-Anhalt) zu treffen. Wahrscheinlich sind ihm die Spritkosten bis Berlin dann doch zu hoch. Auf jeden Fall musste sich der eiserne Hans das Geld für die Klofrau in Leipzig von seinem Leibwächter leihen.

Nachtetappe, 82 Kilometer "Helmut, pass auf, zwei Frauen!" Der Berliner trottet beim Roten Rathaus trotz Warnruf seines Kumpels und roter Ampel über die Straße. Lieber Helmut, wir danken dir für dein Vertrauen in Seilzugbremse und motorisierte Frauenbewegung. Echt!

Nur ein Käfer macht Probleme

6. Tag, Berlin bis Bad Wildungen (522 Kilometer) "Sollen wir tauschen?" Auf dem Marktplatz in Werder will eine junge Mutter ihren Kinderbuggy gegen unser Cabrio eintauschen. Pah! Wir fahren lieber Sportwagen statt Kinderwagen. Oder Polizeiwagen. Hinter uns lärmt das Martinshorn von Isar 12, einem BMW 501 (Baujahr 1956). Mit Tatütata fährt Münchens freundlichster Polizist a.D., Gerhard Milmer (62), nach Stendal.

7. Tag, Bad Wildungen bis Mönchengladbach (345 Kilometer) Die AUTO BILD-Krabbelgruppe ist im Ziel. Nur der Nachbau des blauen VW 30 fiel hinter Zwickau wegen Kupplungsproblemen aus. Mit dem Ende der Käfer-Produktion in Mexiko ist der Kugel-Porsche nun endgültig Geschichte. Käfer, wir werden dich nie vergessen!

Fiesta mexikana

Sie haben geweint. Erwachsene, gestandene Männer mit Tränen in den Augen. Mexikaner. Und sie haben gelacht, gesungen, gefeiert – denn sie sind Lebenskünstler. So wie er, der "Vocho", das "Volkswägelchen". Als in Halle 28 des VW-Werks in Puebla am 30. Juli des Jahres 68 nach Käfer-Geburt, der letzte vom Ablaufband krabbelte, da hatte auch ich feuchte Augen: Mach's gut, du großer Kleiner! Du Weltmeister aller Klassen. Du Knutschkugel, Kumpel und Kuriosum. Zum Schluss sogar mit Kat.

Der Wagen mit der Fahrgestellnummer 3 VW S1A1B84M905162 war in seiner letzten Ausführung besonders fein herausgeputzt worden. Babyblau mit Chrom-Zierrat, Weißwandreifen und Wolfsburg-Emblem auf der Fronthaube. Seine letzte Ruhe findet er im Museum der Wolfsburger Autostadt.

Die Fahrgestellnummer 3 VW S1A1B64M905161 des Typ 1 auf dem Ablaufband direkt dahinter gehört zum beigefarbenen Body des AUTO BILD-Käfers. Er wird Europas größte Autozeitschrift für die nächsten Jahrzehnte begleiten und überall dort auftauchen, wo Geschichte(n) geschrieben wird. Adios, Amigo! Wir werden dir einen großen Empfang in deiner Heimat bereiten. Euer Karl Auto.

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