Abschiedstour im Kult-Renault

Adieu Renault Twingo Adieu Renault Twingo

Abschiedstour im Kult-Renault

— 30.05.2007

Adieu Twingo

Letzte Ausfahrt mit dem Trendsetter: Der ewig junge Frauenheld Twingo geht nach 14 Jahren in Rente. AUTO BILD fuhr noch einmal Stationen seines Lebens nach. Und erkannte: Dieser kleine Franzose hatte echte Größe.

Er guckt wie immer: aus runden Augen, frech und verschmitzt. Früher haben sie ihm reihenweise Wimpern aufgeklebt, ein paar Striche auf die Haube, fertig war das Gesicht.

So eine liebevolle Verschönerung ist die höchste Ehre, die der Mensch seinem Auto zukommen lässt: Der Twingo wird zum Freund, ein Auto, mit dem man (beinahe) sprechen kann. Ein Freund, der gar nicht gealtert ist: 14 Jahre ist der Twingo alt, ein echter Auto-Dino, und noch immer blickt er faltenfrei und frisch in seinen letzten Sommer. Im Herbst kommt der Neue (siehe Video rechts). Humor haben sie ja, die Franzosen. Renault nennt die Sonderserie zum Abschied Edition Toujours, was frei übersetzt heißen könnte: wie immer. Zur letzten Ausfahrt erscheint der Toujours also wie immer: Es gibt bescheidene 60 PS, ein paar neue Aufkleber und kein Handschuhfach. Seit 1993 haben sie ihren Viersitzer gebaut wie immer – fast unverändert. Was andere Autos schrecklich altern lässt, war beim Twingo ein seltener Glücksfall, der sogar zu seiner Populariät beitrug. Denn dieser kleine Knubbel erwies sich – nach zähem Anlauf – als zeitlos gelungen.

Abschiedsmodell Toujour: Wie könnte man diese Augen nur vergessen!

Mintgrüne Schalter für die Belüftung

Als der Renault im Oktober 1992 in Paris vorgestellt wurde, waren Konkurrenten wie der Fiat Cinquecento oder Daihatsu Cuore schmerzhaft eng, billig und völlig humorfrei. Der Twingo setzte dagegen ein Lächeln, erwachsene Breite, und er zwinkerte uns mit frechen Farben zu: Wenn schon drei Schalter für die Belüftung, warum sollten sie nicht mintgrün sein? Zu seiner Zeit, umringt vom quaddeligen Biodesign der frühen Neunziger, erschien das Erstlingswerk von Designchef Patrick Le Quément so mutig und modern, dass einige sogar vom Micro-Van sprachen. Das war er nie. Dafür fehlten dem Renault Zeit seines Lebens hintere Türen und versetzbare Sitze. Die längs verschiebbare Rückbank (gab es schon im Renault 16) schafft zwar Platz, aber kein Raumwunder.

Immerhin konnte man wählen zwischen viel Kofferraum und umgelegtem Polsterbett. Tatsächlich war der Twingo niemals so menschenfreundlich zu fahren, wie es sein süßes Gesicht versprach. Ich hocke im Abschiedsmodell "Toujours" so kreuzunglücklich wie immer, wie ein Busfahrer hinterm flach stehenden Lenkrad, auf viel zu kleinen Sitzen, die genauso wenig höhenverstellbar sind wie Gurte oder Lenkrad. Ergonomie? Dieses Extra gab es im Twingo nie. Aber das war im alten Mini nicht anders, und den haben wir auch geliebt.

So heiß geliebt wie der morgendliche Milchkaffee: die Edition Toujours.

Sein Kapital: Die Menschen mögen ihn

Wie der Brite fuhr der Twingo ebenfalls stets dem Stand der Technik um ein paar Jahre hinterher. Zuerst gab es nur einen Motor, einen Schluffi mit mageren 55 PS. Und eine grausige Lenkung. Sicherheit? Die ersten Twingo kollabierten bei Crashtests wie Pappschachteln. Daran mag Renault, die sich heute vorbildlicher EuroNCAP-Resultate rühmen, nicht mehr gern erinnert werden. Doch der Twingo hatte beim Start 1993 viel wichtigeres Kapital: Menschen, die ihn mochten. Die hemmungslos verliebt waren in seine Augen und alle Fehler verziehen. Studenten, Senioren, Fahranfänger, Sparer, junge Mütter, überhaupt viele, viele Frauen (Damenquote über 60 Prozent).

Die verzierten ihren Schatz mit Blümchen, Sonnenbrillen, Kleingeld und dem Inhalt diverser Handtaschen. Viele der 500.000 Twingo, die in Deutschland zugelassen sind, sehen aus, als ob sie richtig im Leben stehen. Charmant ausgedrückt... Bald wurde der Twingo in Europa zum Bestseller seiner Klasse, und Renault baute nach und nach ein, was anderswo längst selbstverständlich war: ABS, mehr Sicherheit, einen stärkeren Motor mit 75 PS, ab 2000 auch eine Servolenkung, die vor allem eins besitzt: kein Gefühl. Aus dieser Zeit stammt auch die "All-inclusive-Version" namens Initiale, die mit Leder, Klima und CD-Radio herausgeputzt war. Da war das Augen-Auto längst Kult geworden.

Das Rennboot: der Twingo-Marine mit 150 PS aus zwei Außenbordern.

Mit dem Twingo ging (fast) alles

Ähnlich wie VW Käfer oder sein Vorgänger im Geiste, der R4, musste der Twingo so ziemlich jeden verrückten Umbau über sich ergehen lassen: zum Cabrio, zum Landaulet, zum Pick-up oder gar zum Steuerstand auf einem Katamaran, der bei den Filmfestspielen in Cannes die dicksten Jachten ausstach. Mit einem 3,5 Liter großen V6-Mittelmotor startete der Renault bei Eisrennen, mit einer Rakete im Heck und einem Stuntfahrer am Steuer auf dem Nürburgring. Verbrauch: 52 Liter in vier Minuten. Wie sparsam holt uns dagegen der Toujours auf den Boden der Normalität zurück. Sein kleiner 1,2-Liter-Benziner reicht aus, um voranzukommen, mehr will Frau sowieso nicht. Den stärkeren 75-PS-Motor wählen nur 20 Prozent der Käufer(innen).

Auch die verschiedenen Experimente mit automatisierten Getrieben fanden wenig Anklang. Der Standard-Twingo hat fünf Gänge, die lassen sich zweifelsfrei einlegen – Fini! So macht sich im Toujours bald eine Stimmung breit wie in der Gauloises-Werbung: dickes Grinsen, den anderen vorlassen, lässiges Handzeichen! Wichtigstes Extra ist das Faltdach, das – passend zur unkomplizierten Natur – mit einem simplen Hebel geöffnet wird. Die Dachluke ist riesig wie ein Landhaustisch und lässt so viel Luft herein wie manche modernen Cabrios nicht mehr. Gerüchten zufolge sollen im Winter die Naturgewalten durch die Ritzen kriechen. Wie gesagt, Gerüchte.

Letzte Ausfahrt mit dem Trendsetter

So beschert der Toujours auf der letzten Ausfahrt die Entdeckung der Einfachheit. Oben auf den Türblättern glänzt nacktes Blech – reicht doch! Die Schalter sind jetzt wieder blau, die manuellen Verstellhebel für die Außenspiegel so groß wie Haarbürsten. Und das Stoffmuster der Polster erinnert mächtig an Buchstabensuppe. Überhaupt, die Farben. Alle zwei Jahre brachte Renault eine neue Kollektion heraus, mit Lacken wie Pink, Mintgrün, Lavendelblau oder Pastellgelb. Es gibt kaum ein Auto, auf dem ausgefallene Farbtöne so selbstverständlich strahlen – und so häufig zu sehen sind. Vielleicht auch ein Grund, warum der Twingo nicht altert. Seine Produktion ist ausgelaufen, ab Juni startet der Nachfolger, der mit dem Original nur noch den Namen gemeinsam hat. Der neue Twingo (im Video oben) hat vieles, was beim alten sehnlichst vermisst wurde: hintere Türen, einen Diesel oder ein knackiges Sportmodell mit 100 PS. Nur die Augen, den besonderen Blick, werden wir vermissen. Deshalb werde ich dem alten leise eine Träne nachweinen. Merci Renault. Adieu Twingo.

Autor: Joachim Staat

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.