Aggression am Steuer

Aggression am Steuer

— 24.01.2014

Deutschland dreht durch

Verkehrsteilnehmer in Deutschland werden zunehmend aggressiver. Ein Verkehrspsychologe, eine Verkehrsrichterin und zwei leitende Verkehrspolizisten schildern ihre Ansichten zum Thema.

In München drückt eine Rentnerin eine Schwangere nach einem Park­lückenstreit fast an eine Mauer. Ein BMW-Besitzer würgt in Hannover einen schwerbehinderten VW-Fahrer. In Berlin verprügeln jugendliche Passanten einen Autofahrer, weil er gehupt hatte. Autofahrer gegen Fußgänger, Autofahrer gegen Autofahrer, Fußgänger ge­gen Autofahrer, alle gegen alle. In Deutschland herrscht Stra­ßenkampf – in allen erdenk­lichen Konstellationen. Verkehrspsychologe H.-Michael Haeser aus Duisburg hat beobachtet, dass sich die Dimension der Gewalt im Straßenverkehr in den vergangenen Jahren verändert hat. "Das nimmt heute andere Ausmaße als früher an", so der Experte.

BMW-, Mercedes- und Audi-Fahrer rasen häufiger

Die Düsseldorfer Ver­kehrs- und Strafrichterin Britta Brost hat ihre jüngsten Fälle ausgewertet: "Aggressives Verhalten findet sich in allen Bevölkerungsgruppen und ist nicht abhängig vom Bildungsstand." Eine Ausnahme bilden Geschwindig­keitsübertretungen. Nahezu zwei Drit­tel der Raser in Brosts Verfahren fuh­ren Mercedes, Audi oder BMW. Und: Fast alle ihrer Verkehrsstrafsachen, in denen Aggressivität eine Rolle spielt, betreffen Männer. "Die Einsichtsfähigkeit der Leute hat abgenommen", so das Fazit der Amtsrichterin.

Ein Faustschlag ist kein Verkehrsverstoß

Für den Chef der Verkehrspolizei in Nordrhein-Westfalen beginnt Ag­gression im Ver­kehr nicht erst mit roher Gewalt, sondern et­wa schon "mit einer krassen Abstandsunterschrei­tung bei hohem Tempo", so Michael Frücht. Laut Kriminalitätsstatistik ist die Zahl der Nötigungen im Straßenver­kehr zwischen 2010 und 2012 zwar um zehn Prozent auf 28 735 Fälle gesunken. Doch die Datenbanken registrieren nicht alles. "Wenn ein Autofahrer einen anderen niederschlägt, geht das als normale Körperverletzung in die Statistik ein, der Bezug zum Straßenverkehr geht dabei verloren", erklärt Kölns oberster Verkehrspolizist Helmut Simon. Deshalb führt seine Behörde ein eigenes Register, das pro Jahr rund 3000 "Straftaten im Verkehrsraum“ zählt. Wiederholungstäter und Rück­fallgefährdete bekommen seit fast sie­ben Jahren Hausbesuche von uniformierten Kräften (AUTO BILD 40/2007). "So ein Auftritt hinterlässt meistens Wirkung", so Simon.

Kommt die Anti-Rowdy-Hotline?

Polizeidirektor Frücht, der 2012 den Blitzmarathon erfunden hat, hält zu­dem "Verkehrsüberwachung für unverzichtbar, um aggressives Verhalten im Straßenverkehr zu bekämpfen". Der Würzburger Rechtsprofessor Gerrit Manssen sprach auf einer Tagung gar von einer "Schutzpflicht des Staates gegen Rücksichtslosigkeit im Verkehr" und regte eine Hotline an, bei der sich Opfer von Straßenrowdys anonym be­schweren können.

Autor: Claudius Maintz

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