Aktion "Helfen - ja sicher!"

Aktion "Helfen - ja sicher!" Aktion "Helfen - ja sicher!"

Aktion "Helfen - ja sicher!"

— 13.02.2003

Sie schickte der Himmel!

Es ist dunkel. Es ist kalt. Der Wind pfeift, und es regnet. Ein Mensch braucht Hilfe, doch alle fahren vorbei. Nur ein kleiner Twingo nicht ...

Menschlichkeit zeigen und gewinnen

"Sehen Sie mal, wie isch zitter", sagt die alte Dame mit typisch französischem Akzent. Anne Marie Rehm (82) aus Mulhouse im Elsass kann es kaum fassen, dass sie von der Jury der Aktion "Helfen – ja sicher!" zur "Helferin des Monats" gekürt worden ist. "Wenn man jemanden sieht, der in Not ist, dann hilft man doch." Und stellt fast ein bisschen ärgerlich klar: "Ist doch selbstverständlich!"

5000 Euro erhält sie für ihre gute Tat. "Was, wirklich 5000 Euro?" Ungläubig fährt sie sich durch die raspelkurzen Haare. Die Frau neben ihr freut sich fast ein Loch in den Bauch. Für diese Frau war Anne Marie Rehm nämlich "mein Engel der Straße, sie hat mich gerettet". Deshalb ist Erika Treue-Spaar (58) aus Hamm in Westfalen zur Preisverleihung extra wieder nach Mulhouse gereist, und ein Fotograf begleitet beide Frauen.

Stromlos im Elsass

Rückblick, 1. Januar 2003: Erika Treue-Spaar machte mit einer Clique Kurzurlaub im Schwarzwald. Sie hatten sich ein Häuschen gemietet, um Silvester zu feiern. Am Neujahrstag fährt die durchtrainierte Übungsleiterin (25-mal Goldenes Sportabzeichen) allein mit ihrem Honda über die Grenze nach Frankreich. Schon lange will sie in die Vogesen, über die N 66 auf den Berg "Grand Ballon": spazieren, die Landschaft genießen und dann eine Einsiedelei, die Ermitage des Bruder Joseph, besuchen.

Es wird Nachmittag, der Himmel zieht zu. Sie parkt an einem einsamen Weg. Irgendwo hier soll der Einsiedler leben. "Ich suchte kreuz und quer, es wurde dämmerig, kalt, neblig, nieselig. Ich fand die Ermitage nicht, gab auf und suchte die Parkbucht, fand das Auto. Aber es machte keinen Mucks." Sie hatte das Licht angelassen. Die Batterie ist leer. Und kein Handy dabei. Kein Auto weit und breit, keine Lichter, keine Häuser.

Erika Treue-Spaar macht sich zu Fuß auf den Weg, um Hilfe zu holen, wo auch immer. "Ich war ängstlich, obwohl ich das sonst nicht bin." Sie regnet durch bis auf die Haut, eisiger Wind pfeift ihr um die Ohren. Sie kürzt die Serpentinen ab, stolpert abwärts, fällt dreimal und verstaucht sich den Knöchel, der schmerzhaft anschwillt. "Ich heulte leise vor mich hin, wurde immer verzweifelter." Dann endlich eine asphaltierte Straße! Scheinwerfer kommen näher. Sie macht das Stoppzeichen – doch keiner hält.

Mindestens zehn Autos fahren vorbei. "Zum Schluss faltete ich meine Hände betend, bittend – nichts!" Zwei Stunden sind vergangen. Ihre Verzweiflung schlägt um in Zorn: "Jetzt schaff ich’s auch allein bis zum nächsten Haus!" Sie dreht den Autos den Rücken zu, humpelt entschlossen weiter.

Samariterin im roten Twingo

Da hält ein roter Twingo. Am Steuer sitzt Anne Marie Rehm, die wie an jedem Ersten eines Monats auch heute ihren Ausflug zur Wallfahrtskirche von Thierenbach gemacht hat. "Ich sah dieses Häufchen Elend am Straßenrand, da musste ich doch halten."

Erika Treue sinkt auf den Beifahrersitz, ganz benommen, erzählt von ihrem streikenden Auto. Sie klappert vor Kälte. Und die 82-jährige Madame übernimmt für sie die Regie. Sie wohnt 30 Kilometer entfernt, nimmt "den begossenen Püdel" mit zu sich nach Hause. In ihrer kleinen Wohnung lässt sie der fremden Frau ein heißes Bad ein, kocht ihr ein Zwiebelsüppchen, gibt ihr frische Sachen zum Anziehen und sorgt dafür, das die nassen Klamotten trocken werden.

"Isch war froh, Gesellschaft zu haben", sagt Anne Marie Rehm. Sie lacht hinreißend verschmitzt: "Es war wohl auch ein bisschen Neugier dabei. Isch mag gern junge Leute um misch." Erika Treue informiert telefonisch ihre Clique im Schwarzwald. Inzwischen ist es spät. Madame Rehm bietet ihr Ausziehsofa als Nachtlager an. Die beiden Frauen reden noch lange, erzählen sich bis spät in der Nacht aus ihrem Leben.

Die Französin war früher Vertreterin für Nudeln in der Nähe von Paris. Sie erhält nur wenig Rente. Die Arthrose bereitet ihr Schmerzen beim Gehen. Aber sie fährt flott und sicher wie eine junge Frau. Ihr Twingo ist schon über 100.000 Kilometer gelaufen. "Isch fahre seit 1953 jeden Tag, 50 Jahre! Das ist meine Passion."

Am nächsten Morgen besorgen die Frauen ein Überbrückungskabel und machen den Honda wieder flott. Nach ihrer Rückkehr schreibt Erika Treue-Spaar AUTO BILD. Die Redaktion bringt die Frauen wieder zusammen. Es ist der 1. Februar. Anne Marie Rehm und Erika Treue-Spaar fahren zur Wallfahrtskirche. Gemeinsam zünden sie zwei Kerzen an.

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