Alessandro Zanardi: Preis fürs Lebenswerk

Alessandro Zanardi: Preis fürs Lebenswerk

— 08.12.2016

„Mein Unfall war ein Geschenk“

Mit seinem Optimismus und seiner Leidenschaft für den Sport zeigt Alex Zanardi: Es lohnt sich, immer wieder aufzustehen.

Herr Zanardi, herzlichen Glückwunsch zum ABMS-Award für Ihr Lebenswerk!

Alex Zanardi (50): Danke! Dieser Preis macht mich sehr stolz, aber auch demütig. Wenn ich von außen auf mich schauen würde, würde ich meine Leistungen vielleicht auch bestaunen. Aber in bestimmten Situationen kann man einfach weiter gehen, als man denkt. Grenzen überwinden, von denen man eigentlich dachte, dass dort Schluss ist.

Sie haben reichlich Grenzen überwunden. Lassen Sie uns Ihre Karriere anhand von Schlagworten Revue passieren! Was war …
… Ihr größter Erfolg im Rennsport?


Der liegt schon viele Jahre zurück. Es war der Fakt, dass ich es gewagt habe, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen und Rennfahrer zu werden. Von außen betrachtet waren wohl meine beiden Meistertitel in der Indycar-Serie meine größten Erfolge. Oder meine Goldmedaillen bei den Paralympics. Für mich persönlich waren es aber Momente wie dieses Jahr in Mugello, als ich nach eineinhalb Jahren Rennpause im BMW M6 ein Rennen einer heiß umkämpften Serie wie der italienischen GT-Meisterschaft gewinnen konnte. In meinem Herzen war das größer als die Goldmedaillen in Rio de Janeiro.

... Ihr größter Erfolg seit Ihrem schweren Unfall am Lausitzring 2001?

Mein Sieg in der Tourenwagen-WM in Oschersleben. Ich hielt ihn von Anfang an für möglich, sonst hätte ich BMW nicht zugesagt. Als es aber so weit war, war es ein großartiges Gefühl, der Welt zu zeigen, dass Alex Zanardi auch ohne Beine noch Rennen gewinnen kann.


... Ihre größte Leistung im Leben?

Meine Familie, meine Frau, mein Sohn. Auch wenn man das erwarten mag: Es war nicht der Fakt, dass ich mich von meinem schweren Unfall erholt habe. Ich werden jeden Tag von Leuten gefragt: Alex, woher nimmst du all diese Kraft? Dann frage ich mich: Welche Kraft? Das hat nichts mit Stärke zu tun, sondern mit Leidenschaft und damit, dass ich die Möglichkeit habe oder bekomme, diese Dinge zu tun. Etwas ist nur unmöglich, wenn man es nicht versucht. Als ich in Berlin im Krankenhausbett aufgewacht bin, habe ich nicht gedacht: Ich muss jetzt den Willen aufbringen, diese Situation erfolgreich zu meistern. Ich habe einfach nur gedacht: Wow, ich bin am Leben! Fantastisch!

… Ihr bestes Überholmanöver?

Mein Überholmanöver 1996 in Laguna Seca an Bryan Herta. Darauf bin ich unendlich stolz! Wenn man bei Youtube „The Pass“ eingibt, wird es gezeigt. Dabei habe ich ziemliches Glück gehabt! Denn ich habe es gerade so geschafft, den Reifenstapel um ein paar Zentimeter zu verfehlen. Dieses Manöver hat meine gesamte Karriere verändert. Den ganzen Winter über befassten sich alle Zeitschriften und Fernsehsendungen mit mir und meinem Überholmanöver. Ich war für die nächste Saison plötzlich der große Favorit auf den Titel.

… der emotionalste Moment Ihrer Karriere als Sportler?

Das war in Longbeach 1998 (Indycar; d. Red.). Ich lag zwischenzeitlich schon eine Runde zurück, kämpfte mich durchs ganze Feld und fand mich fünf Runden vor Schluss auf Platz drei liegend wieder. Die Fans wollten unbedingt, dass ich den Job zu Ende bringe und das Rennen gewinne. Also haben sie mich so laut angefeuert, dass ich ihren Jubel sogar im Auto hören konnte. Das pushte mich bis zum Sieg! Und noch ein anderes Mal musste ich einen Job zu Ende bringen: als ich 2003 die fehlenden 13 Runden am Lausitzring fuhr. Auch da spürte ich die Emotionen der Fans, blickte in viele weinende Gesichter. Die Leute glaubten, etwas Magisches sei gerade passiert.

… der härteste Moment Ihrer Karriere?

Jetzt würden die meisten wahrscheinlich erneut an meinen Unfall denken. Der war das aber nicht wirklich. Ich habe ja gar nicht mitbekommen, was passiert ist. Wobei ich mein Bewusstsein nicht sofort verloren habe. Auf den Streckenkameras sieht man, dass ich meinen Stumpf zunächst noch bewege. Ich muss es also realisiert und gedacht haben: Oh shit, das wird schwer sein zu reparieren (lacht). Als ich acht Tage später im Krankenhaus aufgewacht bin, wusste ich nicht, was ich durchgemacht hatte. Aber ich konnte es fühlen. Ich war deshalb so glücklich, am Leben zu sein, dass alles andere zweitrangig war. Der härteste Moment meiner Karriere war demnach die Saison 1999 bei Williams in der Formel 1. Ein sehr deprimierendes Jahr, in dem ich mich oft gefragt habe, was ich hier eigentlich mache. Und ich habe auch nichts dafür getan, dass es trotz der Schwierigkeiten doch noch hätte funktionieren können. Ich hätte damals mehr auf meine Leidenschaft hören sollen und weniger auf meinen Ehrgeiz. Ich hätte mir die Frage stellen müssen: Bist du glücklich, wenn du Formel-1-Weltmeister wirst? Oder wirst du Formel-1-Weltmeister, weil du glücklich bist? Es war der falsche Ansatz, und mein Auftreten im Team war deshalb nicht entschlossen genug.

... Ihr Lebensmotto?

Ich sehe alles, was mir widerfahren ist, als ein Geschenk. Auch den Unfall. Obwohl mir die Wissenschaft keine Überlebenschance gegeben hätte, bin ich hier. Obwohl mein Herz sieben Mal stehen geblieben ist und ich nur noch einen Liter Blut im Körper hatte, habe ich überlebt. Deshalb habe ich nie das Gefühl, dass ich etwas verloren habe. Im Gegenteil: Ich habe ein neues, sehr erfülltes Leben gewonnen.

Und was ist Ihr nächstes Ziel?

Ich werde nächstes Jahr wieder ein paar Ironman-Rennen bestreiten und auch nach Hawaii zurückkehren, wo ich meine Zeit hoffentlich verbessern werde. Auch im Motorsport bin ich zu jung, um meine Karriere zu beenden (lacht). Wie genau mein Programm aussehen wird, steht noch nicht fest. Ich hoffe aber, dass ich noch einmal für die 24 Stunden nach Spa zurückkehren kann – insbesondere mit Timo Glock und Bruno Spengler, die zwei großartige Freunde geworden sind.

Herr Zanardi, wo haben Sie eigentlich mehr Spaß: im Rennauto oder Handbike?

Das ist mit großem Abstand der Rennwagen! Wenn ich den Grip der Reifen und die Power des Motors spüre, fühle ich mich wie ein Kind in einem Spielzeugladen. Dazu kommt, dass ich keinen Druck mehr spüre, z.B. Punkte für eine Meisterschaft einfahren zu müssen. Ich genieße einfach nur den Moment.

Autor: Bianca Garloff

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