Alex Zanardis BMW 320i

Alex Zanardis BMW 320i

— 24.03.2004

So dreht er sein Schicksal

Das unglaubliche Glck des Italieners Alex Zanardi nach seinem schweren Unfall im Jahr 2001: "Ich spre schon wieder meine Fe."

Liebling des Fahrerlagers

Er spielt leicht mit dem Gas. Der Motor heult auf. Ein Alltagsgerusch fr die Piloten nebenan. Einen wie ihn lsst es leicht vibrieren. Dann schiet er im Drift aus der Box Alessandro "Alex" Zanardi (37) ist wieder da, wieder Rennfahrer, ein richtiger Rennfahrer. In Monza absolviert der Italiener Testfahrten mit seinem BMW 320i fr die ETCC, die Europameisterschaft fr Tourenwagen. Der letzte Feinschliff fr sein Comeback. Verwegen, dieser Mann? Mutig? Nein, nicht mal als mutig mag er bezeichnet werden. Meinetwegen, aber verdammt couragiert ist er.

Vor gut zwei Jahren verlor er beim grausamen Unfall im ChampCar-Rennen auf dem EuroSpeedway beide Unterschenkel und fast sein Leben. Sechs Wochen lag er im Krankenhaus, 15 Operationen musste er ber sich ergehen lassen. Sein unglaublicher Ehrgeiz frderte eine wundersame Heilung. Bald stand er wieder auf den Beinen, wenn auch nicht auf den eigenen, sondern knstlichen. Aus Trotz setzte er sich 2003 beim ChampCar-Gastspiel auf der Unglckspiste wieder hinters Steuer, fuhr praktisch das damalige Tragikrennen zu Ende im ETCC-Finale dann das richtige Renn-Comeback in einem 3er-BMW.

Jetzt ist Alex wieder da. Und er ist schon wieder der Liebling des Fahrerlagers. "Klasse, dass er dabei ist", strahlt BMW-Kollege Jrg Mller. Zanardi steht fr charmantes Lcheln. Fr flotte, unbeschwerte Sprche. Fr gute Laune. Fr viel Herz. Und sportlich fr eisernen Willen. Deshalb braucht er diese neue Herausforderung. Er verbeit sich wieder mit dem alten Ehrgeiz in sein Metier, die Technik, die Abstimmung, die Rundenzeiten. Beide Seiten Zanardis, die freundliche wie die harte, werden von seinem Ravaglia-Team geschtzt.

"Ich gewinne Zeit auf der Bremse"

Roberto Ravaglia, ehemaliger DTM-Champion, hatte Zanardi nach der Entlassung aus dem Krankenhaus mit einem behindertengerechten BMW 530d berrascht. Da strahlten die blaugrauen Augen. Nun hat sein Team den Spezial-BMW 320i in Zusammenarbeit mit BMW-Motorsport und der italienischen Firma Fadiel aufgebaut. Und nun glhen die Augen wieder.

Nach seiner Wiederkehr beim ETCC-Finale 2003 stand zwangslufig die Entscheidung an: uneingeschrnkte Fortsetzung der Karriere oder nicht? Zanardi: "Meine einzigen Bedenken waren, ob ich von meiner Familie weg will. Aber gemeinsam mit meiner Frau habe ich mich dafr entschieden. Ich bin sehr glcklich." Dass er sich wieder Rennen zutraut, stand nie in Frage. Zum Auto stakst Zanardi jetzt mit zwei Gehhilfen. Das Einsteigen ist problematisch, denn die neuen Beine lassen sich schwer knicken.

Drngt sich die Frage auf, wie er damit die Bremse treten will. Verblffend die Antwort: "Der Datenvergleich mit den Kollegen zeigt, ich gewinne Zeit auf der Bremse", sagt Alex, "es scheint, dass ich dort keine Probleme habe." Warum nicht? Zanardi: "Ich habe meine eigene Technik entwickelt. Meine Prothesen fhlen sich mittlerweile an wie meine Beine. Wenn ich das Bremspedal drcke, spre ich nicht den Druck hier" er greift fest an seinen rechten Beinstumpf "sondern am Pedal." Er realsiert die Verwunderung des Gesprchspartners. Und gibt sich nachsichtig: "Ich wei, es klingt unlogisch. Aber glaub mir, es ist so: Ich fhle meine Fe."

Rennen fahren per Handgas



Beim Fahren hilft ihm eine neu entwickelte Pedalerie. "Ich habe jetzt ein Doppel-Pedal anstatt eines einzelnen", erklrt Zanardi. Dieser breitere Trethebel ist wie eine Schiene geformt. Damit der Kunststofffu bei einer Bodenwelle nicht wegrutscht, wird er mit einem Klettverschluss fixiert. Rund 85 Kilo mssen die Tourenwagen-Piloten bei einem Bremsmanver drcken. "Zustzlich ist das Pedal jetzt hher angebracht, damit es in einem besseren Winkel zu meiner Hfte steht", verrt Alex. Dabei hebt er sein rechtes Bein in die Luft und zeigt, wie er im Auto die Hfte leicht verdreht. So bt er ber die Prothese Druck auf das hydraulische Bremspedal aus.

In stundenlangen Sitzungen hat er mit seinem Leibarzt Dr. Claudio Costa die beste Sitzposition ausgetftelt. Dabei arbeitet er vor allem an der Oberschenkel- und Gesmuskulatur. Kurze Anbremser kann er von Hand erledigen. Whrend Zanardi mit seinem Steuerrad noch Faxen macht, kommt Ingenieur Roberto Trevisan und zeigt ihm den Prototyp seines neuen Lenkers. Sofort kehrt seine Ernsthaftigkeit zurck. Er fragt nach, bohrt und probiert gleich die verbesserte Grifftechnik aus.

Die Lenkradspeichen in einem kleineren Winkel erleichtern Zanardi den Griff zum Ring hinterm Lenkrad, mit dem er Gas gibt. Bei der alten Technik, die auf mechanischen Druck statt Zug ansprach und schwerer zu bedienen war, nahm der Motor die Gasbefehle nur mit Verzgerung an. Jetzt reagiert die Maschine "zu 95 Prozent zeitgleich", erklrt Teamchef Ravaglia. Zanardis Kupplung ist am Schaltknauf angebracht. Eine spezielle Pumpe erleichtert ihm die Handarbeit. Das Prinzip hat sich in Straenautos fr Behinderte bewhrt. Alex hilft es, wieder Rennen zu fahren. Sein schnster Sieg ...

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