Alfa 4C trifft Giulietta SS

Alfa 4C/Alfa Giulietta SS: Vergleich

— 20.10.2014

Giulietta trifft Alfa 4C

Zwischen Giulietta SS und 4C liegen 55 Jahre, gefühlt sind es Erdzeitalter. Alfas Vierzylinder-Raketen von einst und jetzt im Vergleich.

Der Unterschiedlicher geht's nicht. Der eine rundlich-organisch, der andere kantig-spröde. Verwandtschaft lässt sich zwischen den beiden wirklich nicht erkennen. Aber ist ja auch klar, es liegen 55 Jahre dazwischen, dazu noch etliche Krisen der Familie. In den späten 50ern und den ganzen 60ern war Alfa Romeo alles andere als langweilig und voll angesagt. Und die Vermeidung der Langeweile hätte eine der Grundtugenden von Alfa bleiben müssen, aber dann kamen die 70er- und 80er-Jahre mit dem Einstieg von Fiat. Dennoch haben noch immer viele Leute Alfa im Blut, einschließlich Ferdinand Piëch, der die Marke am liebsten in sein Album kleben würde.

Mit seinem kleinen Motor schafft der Veteran satte 200 km/h

Geht durch den Fahrtwind wie durch Butter: Mit einem cW-Wert von 0,28 reicht auch ein kleiner Motor.

Was den Erfolg ausmachte? Der geniale Doppelnockenwellen-Alumotor von Chefkonstrukteur Orazio Satta Puliga und die aufreizenden Karosserien von Bertone, Pininfarina und Zagato. Alfa Romeo klangen gut, fuhren gut, waren preiswert, nicht jedoch billig. 1959 kam die Giulietta Sprint Speciale, kurz SS, ins Alfa-Programm. Mit ihrem drallen Cokebottle-Körper stach sie als Primadonna hervor. In Italien wurde sie vom Volk ehrfürchtig "il squalo", der Hai, genannt. Der Entwurf stammte von Bertone und dort vom jungen Franco Scaglione. Der SS bekam zunächst den 1300er-Veloce-Motor mit 100 PS und lief glatte 200, was für so einen Hubraumzwerg der Overkill war. Der cW-Wert betrug 0,28! Scaglione ließ Aerodynamik-Tests mit aufgeklebten Wollfäden auf der Autostrada machen, denn von einem Windkanal träumte man noch nicht einmal. Ursprünglich war die Giulietta SS als spartanischer Racer gegen den Porsche 356 gedacht, übernahm später jedoch den Part des eleganten Reisecoupés mit Renn-DNA. Sozusagen ein Ferrari fürs bürgerliche Budget.

Vier Zylinder plus Leichtbau gleich Fahrspaß

Wildes Alfa-Tier: Ein paar Gasstößen machen den Vierzylinder im 4C zur brüllenden Furie.

1963 wurde schließlich der bulligere 1600er-Giulia-Motor mit 112 PS implantiert, was in so ein mondänes Coupé auch besser passte. Teuer ist es noch heute. Gute SS werden ab 80.000 Euro gehandelt – deutlich mehr als der 4C neu kostet. Der ist heute das, was der SS damals war: der ultimative Straßen-Sportwagen. Und der erste Silberstreif von vielen, die Fiat-Boss Marchionne nach der jüngsten Krise kommen sieht. 4C steht schlicht für vier Zylinder. Ein verharmlosendes technisches Detail, das sich andere Marken wegen Banalitätsalarm nicht trauen, besonders bei einem solchen Radikalsportwagen. Steigen wir also in den 4C ein, mit dem Alfa Geschichte weiterschreiben will: Hinterradantrieb, Mittelmotor, Leichtbau. In stubenreinen Drehzahlen banalisiert der 1,8-Liter-Vierzylinder noch so vor sich hin. Wecke ich jedoch per Gaspedal den Turbo, dann wird der Vierzylinder zur brüllenden Furie. Lehre: Kleine Nackenschläge erhöhen das Freuvermögen! Nun zwitschert, grölt, schnauft und zischt es in der Technik, dass ich erschrecke, vor allem wegen der physikalischen Nebenwirkungen wie taumelndem Kopf, engem Brustkorb und interessanten Erfahrungen mit meinem Blutkreislauf, 0–100 in 4,5 Sekunden!
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Ein scheues Lamm ist der 4C nicht, besonders wenn man das Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe und all die anderen elektronisch regierten Motor- und Fahrparameter per Schalter Stufe um Stufe zuschärft, von A wie Allwetter (und Sanftmut des Antriebs) bis in den hysterischen Racemodus, der das ESP zum Chillen schickt, die Gangwechsel giftig macht, und eine Launch-Control in petto hält.

Der Alfa 4C überzeugt mit Gokart-Lenkung und Hammerbremse

Da hat der Oldie keine Chance: Der Alfa 4C zeigt seinem Urahn, wie Sportwagen heutzutage geht.

Nachdem die Alfa in den letzten Jahren, in denen nicht mal die Chefs die Marke verstanden, fettleibig wurden, stand diesmal Diät bis an den Rand zur Magersucht auf dem Programm. Mit Carbon-Chassis, Alu und schlichtem Weglassen entbehrlicher Dinge, etwa der Servolenkung. Die Folge sind 900 Kilo und eine gewöhnungsbedürftige Präzisionslenkung, die den Nachteil hat, dass der Wagen vehement allen Bodenwellen nachläuft, was mangels Servo anspruchsvoll für den Piloten wird. Der 4C verlangt nach totaler Konzentration und zwei kräftigen Händen, die den Apparat auf welliger Bahn auf Kurs halten. Doch mit dem spontanen Klitschko-Motor, dem schnappmesserschnellen Getriebe, der Gokart-Lenkung und Hammerbremse verhält sich der Alfa schließlich wie ein angewachsenes Körperteil. So geht Sportwagen! Dagegen ist unser 1959er SS ein Muttersöhnchen. Betulich akzeleriert der 1300er-Motor, dabei dennoch kernig blökend. Drehzahl liebt der kleine Vierzylinder, 5000 Touren sind nötig, damit sich etwas tut, sagenhafte 7000 machbar. Das Fünfganggetriebe lässt sich prächtig bedienen. Nur die vier Trommelbremsen stammen aus einem anderen Erdzeitalter. Die Wirkung meiner beachtlichen Tritte ins Pedal erinnert an die Welt der Güterzüge.

Das Direkte, Unmittelbare, Messerscharfe geht ihm völlig ab. Die dünnen Reifen sind zwar aerodynamisch wertvoll, mehr auch nicht. Aber ich wollte ja gnädig sein. Der SS war 1959 ein enorm fortschrittliches Auto, das uns im Vergleich zum 4C zeigt, was die Menschheit inzwischen an Wunderbarem gelernt hat. Und dass Alfa mit dem 4C wieder auf der Höhe der Zeit ist. Mehr erregendes Kribbeln ist derzeit nicht erfahrbar.

Technische Daten Alfa Romeo 4C:Motor Vierzylinder, Turbo, Mitte quer • Hubraum 1742 cm³ • Leistung 177 kW (240 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 350 Nm bei 2100/min • Vmax 258 km/h • 0–100 km/h 4,5 s • Antrieb Hinterrad/Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe • Tankinhalt 40 l • L/B/H 3989/1868/1183 mm • Kofferraum 110 l • Leergewicht 995 kg • EU-Mix 6,8 l Super/100 km • Abgas CO2 157 g/km.

Technische Daten Alfa Romeo Giulietta SS: • Motor Vierzylinder, vorn längs • Hubraum 1290 cm³ • Leistung 74 kW (100 PS) bei 6500/min • max. Drehmoment 108 Nm bei 5500/min • Vmax 200 km/h • 0–100 km/h 13,9 s • Antrieb Hinterrad/Fünfganggetriebe Tankinhalt 80 l • L/B/H 4120/1660/1245 mm • Leergewicht 920 kg • Verbrauch 11,8 l Super/100 km • Abgas CO2 280g/km.

Autor: Bernhard Schmidt

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Sportwagen

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