Alle 47 Raststätten auf der A7 im Test

— 18.07.2002

Rasten oder ausrasten

Die Urlaubsroute A7 zwischen Flensburg und Füssen bietet 47 Gelegenheiten zum Zwischenstopp. Die so unterschiedlich sind wie Nordsee und Allgäu. Wir haben alle angelaufen, zeigen die schönsten Ausruh-Oasen und die übelsten Bratfett-Baracken.



Der Trend geht zur Top-Rastanlage

Reisen bildet, sagt der Volksmund. Seit unserer Fahrt von der dänischen Grenze bis vor die Tore Österreichs und zurück wissen wir: Er hat Recht. 47 Stationen auf 1900 Kilometern – ein lehrreiches Erlebnis. Unterwegs auf der A7, der Ferienroute Nummer eins. Von Flensburg bis Nesselwang (kurz vor Füssen) bieten sich 24, in der Gegenrichtung 23 Möglichkeiten zum erholsamen Stopp. Sofern man der "Autobahn Tank & Rast GmbH" glauben darf. Die Gesellschaft, der praktisch alle Tankstellen und Gaststätten an deutschen Fernstraßen gehören, jubelt förmlich über den Standard ihrer Betriebe. Zu lesen in der aktuellen Broschüre, dem "Autobahn Guide 2000".

Und die Wirklichkeit? Sie hinkt, wie so oft, hinterher. Beim Blick hinter die Kulissen der blauen Hinweisschilder offenbaren sich einige der Anlaufpunkte als gastfeindliche Kaschemmen – mit dreisten Preisen und pampigem Personal. Die eleganten Ausspann-Anlagen, die mit wohligem Urlaubsflair zum Verweilen locken, sind dagegen in der Minderzahl. Noch jedenfalls. Aber der Trend zur Top-Rastanlage ist deutlich, die Modernisierungswelle rollt. Nicht zuletzt, um den überall aus dem Boden gestampften Autohöfen Paroli bieten zu können. Dass Altbau zumindest originell sein kann, beweist "Hasselberg-West". Nicht nur für Nostalgiker ist der 70er-Jahre-Charme einen Abstecher wert. Trotzdem Vorsicht vor der Schönmalerei des Tank & Rast-Führers: "Traditionelle Architektur, klassisches Ambiente" steht dort für Lokalitäten wie Kassel-West und Harburger Berge-West. Wir meinen: Wem es hier gefällt, der muss wohl eine Abrissbirne im Reisegepäck haben.

Zustand wie Qualität der Tankund Raststellen lassen kaum Rückschlüsse auf deren Preise zu. Motto: Gutes muss nicht teuer, Schlechtes nicht billig sein. Wir verglichen die Kurse anhand fester Kriterien: Ein Liter Coca-Cola, eine BiFi-Salami, eine Tafel Ritter Sport, Fisherman’s Friend und 200 Gramm Katjes füllten unseren gedachten Warenkorb. Das Standard-Menü umfasste Currywurst mit Pommes frites und einen Becher Kaffee. Die Markenartikel summierten sich auf 7,15 (Allgäuer Tor-West) bis 8,60 Euro (Ellwanger Berge-West). Gegenprobe im Supermarkt: Das identische Sortiment kostete hier 3,79. Wer also rechtzeitig einkauft, entgeht dem Nepp unterwegs. Frechster Einzelpreis übrigens: Cola für 3,20 Euro (Hasselberg-Ost). Krasser sind die Unterschiede bei unserem Menü: 5,60 Euro werden in Hasselberg-West aufgerufen, der Rasthof Ohrenbach-West bei Würzburg verlangt unglaubliche 8,85 Euro – und liefert weniger Geschmack.

Spelunken sind eine aussterbende Spezies

Manchmal wartet die bessere Alternative gleich um die Ecke. Wer etwa Höhe Brunautal-West (bei Soltau) mit unserem Test-Mahl liebäugelt, sollte 300 Meter weiter die Abfahrt Bispingen nehmen. Dort liegt das Ralf Schumacher Kartcenter, wo neben heißen Reifen die leckersten Riesen-Currys gegrillt werden. Ersparnis: 1,70 Euro pro Kopf. Auch das moderne Erlebnis- Freibad Kirchheim serviert das Gericht deutlich billiger als sein verschlampter Nachbar. Dessen Gaststube stank bei unserem Test nach einer widerlichen Melange aus Ölraffinerie und Urinalsteinen – logisch, dass wir im Freien dinierten.

Apropos Toiletten: Hygiene und Geruch haben sich deutlich gebessert, wirklich abstoßende Nassbereiche Einzige Fliesenabteilung ohne Föhn und Handtuchpapier: Harburger Berge-West, insgesamt nicht viel besser als das bemäkelte Gegenüber. Schwacher Trost, dass im Kondom- Automaten 13 Sorten lagern. Unverschämt hingegen: die Bakschisch-Taktik einiger Sanitärpfleger. Nichts als Silbergeld auf dem Trinkgeldteller hieß früher: ab 50 Pfennig aufwärts. Heute klimpern Ein- und Zwei-Euro-Münzen im Porzellan. Wo die Abzocker sitzen? Klar, vor den ungepflegtesten Klos: Tankstelle Riedener Wald-West und Seesen-West. Wer diese Geschäftspraktik bei Letzterem boykottieren will und den Harndrang noch 48 Kilometer Kilometer weit halten kann, atmet in Göttingen-West erleichtert auf: "Bei Zufriedenheit 30 Cent", empfiehlt das Schild neben dem Teller. So soll es sein.

Sprit tanken, Glieder recken, Mars kaufen, Wasser lassen ... und Vollgas – noch immer das häufigste Verhaltensmuster der durchreisenden Kundschaft. Verständlich, angesichts des Service-Tiefschlafs, in dem die Rasthof-Zunft jahrzehntelang schlummerte. Aber es hat sich einiges bewegt: Gerade die neu gebauten Anlagen präsentieren sich als echte Erlebnis-Eldorados, die viel mehr bieten. Hundetränke? Haben heute alle. Jetzt kommen die Pinkel-Parks (Großenmoor-West) und Ausgeh- Wäldchen (Hasselberg-Ost) für die Vierbeiner. Stark zugelegt hat auch das Angebot für die Junioren: Abenteuer-Spielplätze finden sich fast überall. Am lautesten ist das Geplärre in Kassel (Ostseite), wenn die Fahrt weitergeht. Denn dann ist Schluss mit Disney-Videos. Ebenfalls lobenswert: Picknick-Tische und Bänke im Grünen, die ihre Besucher auch ohne Konsumzwang willkommen heißen. Die schönsten finden sich am Rastplatz "Vorm Wietzenbruch" (Höhe Soltau), Allertal-West und Lonetal-West bei Ulm.

Dennoch führt die Entwicklung hin zu gastronomischer Vielfalt, die jedem Geldbeutel und Zeitplan das Passende bietet: Snack-Shop, McDonald’s und Edel-Restaurant – das bis hin zu Wok-Gerichten so ziemlich alles auf der Pfanne hat – unter einem Dach. Und die klassische Imbissbude davor. Fazit: Die Rundum- Wohlfühl-Tempel sind groß im Kommen, schmierige Spelunken sind eine aussterbende Spezies. Wie bei der Urlaubsreise gilt auch für die Raststätten: Das Ziel ist frei wählbar – Hauptsache, es geht der Sonne entgegen.

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