Expedition an den Polarkreis

Mit 60 Sachen ans Ende der Welt Mit 60 Sachen ans Ende der Welt

Allrad-Expedition an den Polarkreis

— 04.03.2002

Mit 60 Sachen ans Ende der Welt

3700 Kilometer durch Nordrussland. Mit russischen Allradautos wie Lada, Niva, GAZ und UAZ. Bis zu minus 43 Grad. Aber leider nicht überall.

Drei Stunden auf Blaulicht starren – das lullt ein. Rot, blau, rot, blau. Durchs Schneetreiben wirkt die Highway-Patrol vor uns wie eine fahrende Lichtorgel. Fragt sich nur, wen sie aus dem Weg scheuchen will, hier oben im Niemandsland. In Nordrussland, kurz vor dem Polarkreis. Im Schneckentempo, maximal 60 km/h, geht es über festgefahrene Schneedecken. Rechts und links weiß gefrorene Bäume, sonst nix. Auf den Vordersitzen des Niva-Prototyps zwei Russen. Valerij, der rechte, redet ohne Unterlass. Jurij lenkt und nickt stoisch. "Da", sagt er ab und zu, ja. Und folgt der Lichtorgel.

3700 Kilometer durch Eis und Schnee. Leiterin der Expedition: eine Frau

"Europäisch-Asiatischer Weg" nennt sich die bizarre Reise. Sieben russische Allradfahrzeuge, begleitet von einem monströsen Ural 6x6, einem Urvieh von Lkw, auf dem Weg vom Südzipfel des Ural zum Polarkreis. Endstation Harjaginskij, ein tiefgefrorenes Ölarbeiter-Kaff rund 200 Kilometer hinter Usinsk. 3700 Kilometer durch Eis und Schnee. Über Straßen, die nach westlichen Maßstäben eigentlich keine sind, und solche, die es nur manchmal gibt – zugefrorene Flüsse. Wasserstraßen, die allerdings nicht halten, was Väterchen Frost im Dezember verspricht: Stellenweise ist es frühlingshafte null Grad warm. Normal, hier und zu dieser Jahreszeit: minus 30 bis 40 Grad.

Was wirklich kalt ist, so kalt, dass sich Gesichter unvorteilhaft verändern: Sie gehen rotblau schimmernd in die Breite. Augen werden glupschig, Nasen verdächtig groß. Tröstlich: Alle sehen so aus. Und in den gnadenlos überheizten Räumen hierzulande, Autos inbegriffen, legt sich das schnell. Nicht nur dank Wodka, 100 Milliliter für umgerechnet 35 Cent. Am Start beim Trip zum Polarkreis: insgesamt 25 Werkstechniker und russische Journalisten, verteilt auf "vaterländische Technik": Lada Niva Pick-up, Niva 2123 (Vorserienmodell), zwei UAZ (7- und 9-sitzig), GAZ Zobol, Ish "Oda" 4x4 (Pkw), der in Kaliningrad montierte Kia Sportage "Baltic" - und besagter Ural. Kommandeur des Ganzen: eine Frau. Elena Varshavskaja (39), blond und resolut.

Über Orenburg, Sibai, Miass (dort wird der Ural produziert) und Ekatarinenburg (dort wurde die Zarenfamilie ermordet) ging es nach Syktywkar, 220.000 Einwohner zählende Hauptstadt der russischen Republik Komi. Rund 2800 Kilometer sind bis hierhin geschafft. Bleiben knapp 900 km, die es in sich haben. Und die AUTO BILD begleitet. "Hier oben im Norden Russlands war vor ihnen noch kein deutscher Journalist", sagt Pjotr Stepanowitsch Menschich. Der 47-Jährige ist Chefredakteur des russischen Automagazins "Za Ruljom", des Veranstalters dieses automobilen Abenteuers. Das letzte Drittel der Expedition begleitet er persönlich. Das ist gut so, denn je weiter der Tross nach Norden kommt, desto unwegsamer wird es – auch im bürokratischen Sinne. "KGB", scherzt er und lacht verkniffen.

Russische Technik auf dem Prüfstand

Deutsche Journalisten mit Kameras und Laptop in bis vor kurzem "gesperrten Regionen", das ist dank Glasnost zwar möglich, aber immer noch höchst verdächtig. In den Hotels werden unsere Pässe generell zuerst eingesammelt. Männer mit Fellmützen und Blechzähnen lassen uns nicht aus den Augen. Man begegnet uns freundlich, aber vorsichtig. Einer der aufmerksamen Herren: Andrej Yaroshoutio, Stellvertreter des Chefs für Straßenbau. Anfangs ganz auf KP-erprobter Distanz, taut der ganz in Umbratönen gekleidete Ex-Funktionär langsam auf. Nachdem er vor unseren Augen aufgeregt auf vier Apparaten gleichzeitig die Wählscheiben bearbeitet hat, lädt er ins Hinterzimmer, ein acht Quadratmeter großes Kabuff, über und über mit Kabeln verhängt. Ebenfalls darin: der Leiter der Online-Abteilung, drei Äpfel und zwei Flaschen Wodka. Erst als beide leer sind, dürfen wir gehen. "Das ist Perestroika", jubelt Pjotr Stepanowitsch, "vor fünf Jahren wäre das noch undenkbar gewesen."

Außerhalb der wenigen Städte hier im Norden endet die zivilisierte Welt. Auf unendlicher Länge nichts als steif gefrorenes Busch- und Baumwerk. Einzige Abwechslung: die Schneisen, die alle paar tausend Meter in den Wald geschlagen wurden, um Strom-, Telefon- oder Gasleitungen zu legen. Dann und wann warnt ein Schild vor Bodenwellen. Wer dann nicht vom Gas geht, begreift zwei Dinge: Die wenigen Hinweistafeln in Russland sind mit Bedacht gewählt. Und: Schwerelosigkeit ist selbst auf engstem Raum möglich, zum Beispiel in Fahrgastzellen.

Der Hoffnungsträger heißt Lada Niva 2123

Zu beweisen, wie zuverlässig und gut "vaterländische Autos" trotz aller Vorbehalte sind, das ist der eigentliche Sinn dieser Expedition. "Wir haben keine speziellen Modifikationen an den Wagen vorgenommen", erklärt Menschich. "Russische Autos sind so gebaut, dass sie ohne Probleme bei Temperaturen von minus 45 bis plus 50 Grad arbeiten." Was stimmt: Jeder Astra oder Golf würde hier oben vermutlich kläglich verenden. Die zweiradgetriebenen, antiken Polizei-Lada hingegen, die uns über weite Strecken begleiten, juckeln quietschend, ächzend, aber unverwüstlich durch Senken, Schneewehen und abgründige Schlaglöcher. Immer an ihrem Heck: die von der Verarbeitung her teils jämmerlichen (lose Stoßstangen, knarzende Armaturenträger, butterweiche Federungen), aber gnadenlos alltagstauglichen Allradler.

Allen voran: der neue Niva 2123, Hoffnungsträger einer brachliegenden, untereinander zerstrittenen russischen Autoindustrie. 210.000 bis 250.000 Rubel soll er hier kosten, wenn er wie geplant in Produktion geht, (derzeit) umgerechnet rund 10.000 Euro. Kommt er für diesen Preis nach Deutschland, könnte der angeschlagene, fast vergessene Autobauer Lada hierzulande wieder Fuß fassen. "Der eigentliche Erfolg der Expedition ist für mich, dass wir es geschafft haben, nahezu alle Marken an einen Tisch zu bringen", sagt Menschich. Eine Automobilorganisation wie den VDA gibt es in Russland nicht. Kooperationen sind rar. Nach der Polarfahrt könnte sich das ändern. "Solch eine Strecke hat vor ihnen noch keiner gewagt", verkündet Bürgermeister Ivan Nikulin beim Erreichen des 1500-Seelen-Kaffs Irael. Dann reicht er – guter alter russischer Brauch – frisch gebackenes Brot und grobkörniges Salz, wie allerorts auf der Route, wo wir Station machen.

Kein Frost, keine Wege: Brücken gibt es nicht

Nach kurzer Essenspause – wieder einmal Borschtsch, russische Nationalsuppe; Fleisch und Kartoffelpüree, Komi'sche Nationalspeise – im Café Transit, dem einzigen Lokal am Ort, beginnt der nicht geplante Teil der Reise: die Verladung der Fahrzeuge auf "Plattformas", Hänger der russichen Eisenbahn. Anders geht es nicht weiter: Bis Usinsk gibt es keine Straßen mehr. Schuld ist der laue Winter: Normalerweise sollten alle Flüsse längst gefroren sein. Dann wären rund 1200 Kilometer mehr befahrbar. Da es aber seit Wochen kaum kälter ist als minus 15 Grad, grinsen aus allen Flüssen Lachen braunen Wassers. Zeichen des sicheren Untergangs.

"6000 Kilometer misst das Straßennetz von Komi", erklärt Jewgenij Michailow, Leiter der Straßenbauabteilung. "Schlechte Wege haben wir nicht. Entweder gibt es einen – dann ist alles gut. Oder es gibt keinen – dann kann er auch nicht schlecht sein." Russische Logik, einfach und pragmatisch. Wie die Verladung: Zwischen Rampe und "Plattforma" klafft ein 80 Zentimeter breites Nichts. Was tun? Ein grob zusammengezimmerter Berg von Holzlatten wird herbeigeschafft. Die erste "Rampe" bricht, als der Zobol zaghaft seine Vorderräder darauf setzt. Also noch eine drüber, quer gelegt, und noch eine, längs, dann geht es. Sogar der Ural kommt rüber. Ein Wunder.

Wären die Flüsse gefroren, erreichten wir Usinsk (54.000 Einwohner) in knapp sechs Stunden. Aber: kein Frost, keine Wege. Brücken gibt es nicht. Bleiben zwölf Stunden Bahnfahrt für uns, 19 Stunden für die Wagen. Der Rest ist gegen das Leiden im unbelüfteten, überheizten Stahlmonster aus den 50er Jahren ein Vergnügen: Es gibt eine Straße. Eine einzige. Aber das reicht, wie man hier lernt.

Autor: Ralf Bielefeldt

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