Alonso und McLaren

Alonso und McLaren — Traumhochzeit oder Zweckehe? Alonso und McLaren — Traumhochzeit oder Zweckehe?

Alonso und McLaren

— 23.11.2006

Traumhochzeit oder Zweckehe?

Fernando Alonso wechselt in schwierigen Zeiten zum 19-fachen Weltmeister-Team McLaren, das mit Partner Mercedes im Umbruch steckt. Das hatte er sich ganz anders vorgestellt.

Alonso braucht ein neutrales Auto

Tapfer schlägt sich Fernando Alonso (25), frischgekürter Ritter der spanischen Ehrenlegion "Le Region", durch die Schützengräben. Der alte und neue F1-Weltmeister zu Besuch bei Spaniens Truppen im Libanon. Der Vorgang erinnert an Marlene Dietrich und Marilyn Monroe – weibliche Superstars, die früher amerikanische Soldaten in Krisengebieten mit ihrer bloßen Gegenwart beglückten. Eine ähnliche Wirkung erwartet sich nun McLaren-Mercedes von Alonso. Der zweimalige Champion wird spätestens Neujahr in den Reihen der geschlagenen deutschbritischen Rennmacht erwartet. Die blieb 2006, erstmals seit 1996, ohne Sieg. Und die Erinnerung an den letzten Titelgewinn (1999) verblasst allmählich. Der jüngste Weltmeister aller Zeiten wird also dringend gebraucht. Nur: Renault-Teamchef Flavio Briatore hasst McLaren-Boss Ron Dennis. Für eine Freigabe vor Vertragsablauf (31.12. 2006) "muss Ron bluten", sagt Briatore.

Alonsos neuer Firmensitz ist das Technical Centre in Woking.

Die offene Hängepartie erschwert den Teamwechsel. Den hat sich Alonso ohnehin anders vorgestellt, als er sich vor zwölf Monaten dafür entschied. Damals aus Zweifeln an Renaults Verbleib in der Formel 1 und im Glauben an eine Traumhochzeit und die ewige Stärke von McLaren-Mercedes. Schließlich war der Silberpfeil 2005 das mit Abstand schnellste Auto im Feld. Das belegen zehn GP-Siege. Alonso gewann das Titelduell nur um Haaresbreite. Eine bessere Brautwerbung gab es nicht. Alonso fackelte nicht lange. Doch das Team, bei dem er damals unterschrieb, existiert in der Form nicht mehr. Das englische Fachblatt "Autosport" berichtet über zuletzt 19 abgewanderte Ingenieure. Eine überschaubare Gruppe zwar für eine 900-Mann-Fabrik. Aber zuvor schon hatte sich die komplette Konstruktionsspitze verkrümelt: Adrian Newey, Peter Prodromou und Nicholas Tombazis – jeder Einzelne von ihnen sehr begehrt auf dem Jahrmarkt der Aerodynamiker. Denn die machen in Zeiten einheitlicher Motoren (eingefroren bis 2010) und Reifen (Bridgestone wird Alleinausrüster) den Unterschied in der Königsklasse des Automobilsports.

Auch wichtige Mitarbeiter aus der zweiten Ingenieursreihe wanderten zur Konkurrenz ab. Darüber hinaus ändert sich die Führung des Teams. Aus McLaren-Mercedes wird in Kürze Mercedes. Offen ist nur noch wann, Teamchef Ron Dennis hat bereits seinen Abgang angedeutet. Der smarte Brite gilt als Erfolgsgarant und Topmanager. Auch von seinem Rückzug war bei Alonsos Verpflichtung noch keine Rede.

Doch am schwierigsten wird die Umstellung im Cockpit. Alonso braucht ein neutrales Auto, das seinem überfallartigen Extrem-Einschlag am Lenkrad folgt. Ein Auto, das sehr präzise einlenkt und trotzdem mit der Hinterachse auf der Straße klebt. McLaren-Mercedes baut jedoch seit Jahrzehnten Autos, die eher untersteuern. Und die nicht ganz so stabil sind: Die Silberpfeile legten 2006 475 Rennrunden (fast 20 Prozent) weniger zurück als Renaults Weltmeister-Autos. Ein Mangel, an den sich Alonso wohl gewöhnen muss. Denn fehlende Standfestigkeit war es letztlich, die seinem Vorgänger Räikkönen 2003 und 2005 den WM-Titel und die Lust raubte. "Da müssen wir zulegen", sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug. Und schließlich steht ein heikler Wechsel von (sehr weichen) Michelin- auf (sehr harte) Bridgestone-Reifen bevor. Inmitten all dieser Unsicherheiten sucht das Silber-Lager händeringend nach einer Leit- und Integrationsfigur. Nach einem Lenker und Motivator.

"Fernando hat das Auge des Tigers."

Doch Alonso ist auf Distanz gegangen. Er zog dieser Tage von Oxford in eine Villa in der Schweiz um. Nun sieht’s mehr nach einer Zweckehe aus. Top-Rivale Kimi Räikkönen glaubt schon: "Mein größter Titelrivale wird Felipe Massa", sein Ferrari-Kollege. Abwarten. Wenn die Vorzeichen auch schwierig erscheinen, bleibt McLaren-Mercedes als Organisation eine Macht. Die Schulden (über 100 Millionen Euro) für die neue Fabrik sind getilgt. Der neue Hauptsponsor Vodafone deckt rund 75 Millionen Euro des Budgets ab. Spanische Investoren laufen Sturm, dank Alonso: Die Bank Banesto sowie der Versicherungskonzern Mutua Madrilena sollen 30 weitere Millionen Euro beisteuern. Die wirtschaftliche Dynamik ist extrem. Und so hart der personelle Aderlass erscheinen mag, das Team ist wie kein zweites dagegen gewappnet. Denn jede Abteilung hat mehrere Köpfe. Dadurch sinkt die Abhängigkeit von Einzelspielern.

Und: Zum Ausgleich für den Newey-Verlust hat sich McLaren- Mercedes schon im Mai Rob Taylor von Red Bull gesichert, einen renommierten Fahrdynamik-Spezialisten. Renault musste unlängst Nicolas Hennel de Beaupreau abtreten, einen Techniker, der den Fahrstil von Alonso und alle seine Fahrdaten kennt. Von Honda kommt Simon Lacey, ein vielversprechender Aerodynamiker. Und Pat Fry mag zwar als neuer Designer noch ein Nobody sein. Als Techniker gilt er zu den meistumworbenen der Formel 1. Sein Spezialgebiet sind Radaufhängungen.

Hier kann sich Alonso künftig austoben. Das neue Lenkrad ist schon in Arbeit.

Gerade in diesem Bereich vollzieht sich die schwierige Anpassung an die neuen Bridgestone-Reifen und den Olé-Fahrstil des Spaniers. Der selbst wirkt nur passiv. Insgeheim hat er längst das Training mit Fitmacher Jerry Convey aufgenommen. Er hat auch eingehend mit Teamarzt Aki Hintsa diskutiert. Und den ehemaligen finnischen Olympia-Arzt schwer beeindruckt: "Fernando hat das Auge des Tigers." Der "Tiger" hält auch regen Kontakt zu Pedro de la Rosa. McLarens-Ersatzfahrer übermittelt Alonsos spezielle Technikwünsche direkt in die Fabrik. RTL-Kommentator Christian Danner sieht bei Alonso "unheimliche Parallelen zu Michael Schumacher". Auch der führte Ferrari als kränkelnde Truppe ab 1996 zum Erfolg. "Ich glaube an das Team", sagt Alonso. Und umgekehrt: "Fernando hat in den letzten zwei Jahren die Messlatte für alle Fahrer gelegt", sagt Norbert Haug. "Er ist als Doppelweltmeister noch ausgesprochen jung und hat noch eine große Zeit vor sich."

Nachgefragt bei Niki Lauda

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Lauda, wie passen McLaren-Mercedes und Fernando Alonso zusammen? Niki Lauda: Ideal. Alonso ist ein disziplinierter, perfekter Arbeiter, der nun auf eine ebenso geartete Organisation trifft. Nur bringt der junge Spanier noch dazu das nötige Feuer und die Frische mit.

Aber nachdem er dort unterschrieben hat, wanderten viele wertvolle Techniker ab. Wenn das Personal nicht gut genug ist, hat Alonso es natürlich schwerer. Aber er kann auch mit einem problematischen Auto fahren, ist sehr anpassungsfähig. Das macht ja echte Champions aus. McLaren-Mercedes fällt nicht wegen ein paar Abgängern ins Bodenlose. Die ersetzen doch ihre Verluste, haben enorm hohe Qualität in den hinteren Reihen. Außerdem: Renault fährt mit Neuling Kovalainen. Ferrari ist total im Umbruch. Dagegen bleibt McLaren-Mercedes ja noch fast stabil. Ein Vorteil.

Ist Alonso ein Typ, der ein Team als Ganzes nach vorn bringt? Ganz klar. Er hat zwar hin und wieder auf Renault gewettert, aber nur aus zeitweisem Frust. Er ist jemand, der sich um alles kümmert, genau wie Michael Schumacher das mit Ferrari gemacht hat. Und deshalb ist er auch genau der Richtige für das Team. Der bringt sich ein, geht vorneweg und reißt alle mit. Die werden gut harmonieren.

Autor: P. Hesseler

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