Trucker-Stammtisch

Als Autofahrer beim Trucker-Stammtisch

— 01.07.2006

Allein unter schweren Jungs

Was bewegt diese Kerle blo? Ein Pkw-Fahrer wagt sich zum Stammtisch der Trucker und wird dabei zum Fernfahrer-Versteher.

Kpfchen statt Muckies

Das mu der falsche Rasthof sein. Oder der falsche Tag. Oder die falsche Uhrzeit. Ich wollte zum Fernfahrer-Stammtisch, zu den schweren Jungs. Ich wollte dicke Kerle sehen, mit Ttowierungen von der Wade bis zur Wimper, ich wollte Kraftausdrcke hren und Mnnerschwei riechen. Aber hier im Rasthof Mnsterland an der A1 sind diese Typen nicht. Da sitzen nur ein paar Hnflinge, alle aus der 70-Kilo-Klasse und fast ausnahmslos mit Brille. Einer erzhlt gerade, da er immer drei gute Bcher dabeihabe. Wo bin ich denn hier gelandet?

Es ist so: Ich verstehe sie einfach nicht, die Jungs mit ihren Lkw. Ich verstehe nicht, warum sie auf der Autobahn immer kilometerweit die linke Spur blockieren. Ich verstehe nicht, warum sie sich in Baustellen so breitmachen. Und ich verstehe nicht, warum sie nachts ihre Cockpits in eine Lichtershow verwandeln, die jeder Dorfdisco Ehre machen wrde. Kapier ich nicht. Deshalb bin ich als Pkw-Fahrer zum Fernfahrer-Stammtisch gegangen.

Polizeihauptkommissar Rainer Bernickel (59) von der Autobahnpolizei Mnster hat diesen Trucker-Treff vor sechs Jahren erfunden. Inzwischen gibt es 38 verschiedene Stammtische in 14 Bundeslndern und in sechs europischen Nachbarstaaten. Und dann sehe ich die dnnen Mnner, die da bei Kaffee und Mineralwasser sitzen, und verstehe die Welt nicht mehr. Bernickel erkennt das und sagt: "Die modernen Lkw sind High-Tech-Maschinen. Da brauchst du keine Muckies mehr, sondern Kpfchen. Ich wei nicht, wo die Fahrer das ganze Wissen berhaupt hernehmen."

Weiterbildung und Diskussion

Ich lerne: Diese Fernfahrer-Stammtische haben eine doppelte Funktion. Zum einen geht es um Verkehrssicherheit. Heute zum Beispiel ums Thema Gurt. Untersuchungen haben gezeigt, da ihn in Ostdeutschland nur 60 Prozent der Fernfahrer anlegen, im Westen sogar nur 30 Prozent. Jrgen Schbel vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) hat darum einen modernen Gurtschlitten mitgebracht, in dem die Trucker sich angeschnallt gegen die Barriere knallen lassen und danach ganz schn betreten gucken. "Das waren nur zehn km/h. Bei acht Kilogramm Fahrergewicht sind es 310 Kilo, die ihr ohne Gurt mit den Hnden absttzen mtet", erklrt Schbel.

Zum anderen knnen die Fernfahrer beim Stammtisch aber auch ihre Sorgen loswerden. Zum Beispiel die mit den Pkw-Fahrern. "Gerade hat mich einer absichtlich auf 60 km/h runtergebremst. Wenn ich nicht sofort in die Eisen gestiegen wre, htte ich den weggekickt wie einen Fuball", sagt Jrg Mittendorf (43). Oder der Termindruck. Ein anderer Fahrer klagt: "Seit es das Handy gibt, werden wir nur noch getreten. Und wenn einer nicht mitmacht, stehen da schon zehn andere, die fr weniger Geld fahren wrden."

Okay, kapiert. Aber jetzt mal andersrum: Was sollen diese blden Elefantenrennen? Mittendorf: "Wenn der Lkw vor mir nur fnf km/h langsamer ist, mu ich immer wieder abbremsen. Da wrde auch jeder Pkw-Fahrer irgendwann rausziehen. Nur dauert das bei uns leider etwas lnger." Und was ist mit den vielen Cockpit-Lichtern, die nachts immer so nerven? "Fr uns ist der Lkw Arbeitsplatz, Wohnzimmer, Kche und Schlafzimmer. Das richten wir uns eben ein wenig ein", sagt Ingo Diederichs (33), der gerade Tierfutter von Antwerpen nach Dnemark fhrt.

Sein Kollege Uli Rieke nimmt mich am Ende noch mit ins Fhrerhaus seines Gelenkzugs. Er hat darin Fotos von seinen Kindern und seiner Frau. Schon schwer, denke ich, immer so lange von der Familie getrennt zu sein. Ich glaube, ich bin jetzt Fernfahrer-Versteher.

Autor: Alex Cohrs

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