Alternative Antriebe

Alternative Antriebe

— 07.10.2002

Reitzle gibt voll Gas

Die Autoindustrie sucht neuen Treibstoff - und setzt auf Wasserstoff. Linde-Vorstandschef-in-spe Wolfgang Reitzle erwartet goldene Zeiten.

Nach Benzin kommt Wasserstoff

Seit Wolfgang Reitzle als knftiger Vorstandschef des Wiesbadener Industriekonzerns Linde nominiert wurde, bewegt die Zunft eine Frage: Was will Autonarr Reitzle, mit Meriten bei BMW und den nobleren Karossen des Ford-Konzerns wie Jaguar und Aston Martin, bei dem Gabelstapler- und Industriegase-Unternehmen? Ist Reitzle nur geparkt? Wartet er auf eine grere Nummer?

Alles Unfug: "Herr Reitzle wird uns fr lange Zeit erhalten bleiben", sagt ein enger Mitarbeiter bei Linde. Der kommende Chef, der sich derzeit einarbeitet, sei schlielich von Beruf Ingenieur und unglaublich interessiert an allem Technischen.

Wenn Reitzle im Januar 2003 den Vorstandsvorsitz bei Linde bernimmt, ist er dem Geschft mit dem Auto ohnehin nher als viele glauben. Seit Jahren arbeitet die Autoindustrie am alternativen Antrieb ihrer Fahrzeuge, wenn das Benzin einmal knapp wird und die Belastungen fr die Umwelt durch die Verbrennung des Kohlenwasserstoffs nicht mehr zu tragen sind. Dann schlgt die Stunde fr den Wasserstoff, glauben die Experten. Und damit auch fr Linde.

Tanken bei minus 253 Grad Celsius

Das Unternehmen ist weltweit der grte Hersteller von Anlagen zur Herstellung von Wasserstoff, im Wesentlichen fr industrielle Zwecke, und beherrscht die Probleme beim Umgang mit dem flchtigen Gas aus dem Effeff. Um Wasserstoff zu lagern und zu transportieren wird es etwa unter hohem Druck in Flaschen gepresst oder, auf minus 253 Grad Celsius gekhlt, flssig in Tanks gefllt. Daran muss sich der Autofahrer erst noch gewhnen.

Verglichen mit dem Abzapfen von Benzin ist das Betanken mit Wasserstoff technologisch hchst anspruchsvoll. Auerdem lastet, vor allem in den USA, immer noch ein betrchtliches Furchtpotenzial auf dem Treibstoff. Denn das Luftschiff "Hindenburg", das 1937 bei der Landung im amerikanischen Lake Hurst explodierte, war mit Wasserstoff gefllt.

Dergleichen ngste treiben Wolfgang Burmeister nicht um. Burmeister betreut die Aral-Tankstelle, die auf dem Gelnde des Mnchener Flughafens einen Flughafenbus und 15 Test-BMW mit Wasserstoff versorgt. Vollautomatisch, vom ffnen des Tankdeckels bis zum Ausdrucken des Tankbelegs, wird das eisige Nass ins Auto gepumpt. "Von den etwa 20 Wasserstoff-Tankstellen, die es derzeit weltweit gibt, stammen 19 von Linde", sagt Joachim Wolf, bei Linde zustndig fr die strategische Unternehmensentwicklung. Ernsthafte Konkurrenz frs Umrsten der vorhandenen Stationen ist vorerst nicht in Sicht, jedenfalls nicht in Europa.

2025 bereits 54 Millionen Wasserstoff-Autos

"Linde hat frhzeitig begonnen, fr die Autoindustrie ttig zu sein", sagt Gerhard Full, noch bis zum Ende dieses Jahres Vorstandsvorsitzender von Linde. Full hat keinen Zweifel, dass sein Nachfolger das Autogeschft weiter vorantreiben wird: "Herr Reitzle wird keine Gelegenheit auslassen, diesen Bereich weiter zu fokussieren", glaubt Full. Der amtierende Chef weist aber auch auf die bis auf weiteres nur geringe Bedeutung des Wasserstoff-Antriebs fr den Linde-Umsatz hin: "Auch ohne das Auto wird sich der Wasserstoffmarkt in den nchsten fnf Jahren verdoppeln", so Full.

Doch langfristig verspricht das Kfz-Geschft der Industrie hchste Wachstumsraten. Eine Untersuchung der Fachhochschule Gelsenkirchen rechnet in der Testphase zwischen den Jahren 2005 und 2010 mit 77.000 Wasserstoff-Autos auf den Straen. Bis zum Jahre 2025 sollen es nach dieser Schtzung 54 Millionen Pkw werden. Ein groer Markt. Schon wenn nur ein Prozent des weltweiten Benzinverbrauchs durch Wasserstoff ersetzt wird, rechnet sich nach internen Kalkulationen das Geschft fr Linde. "Die Technologie ist vorhanden, was noch fehlt, ist die Infrastruktur", sagt Wolf.

Die wird, geht es nach den Plnen der Autoindustrie, bald gebraucht werden. Ford hat dieser Tage den ersten Focus mit einem Brennstoffzellenantrieb vorgestellt, der im Wesentlichen mit Wasserstoff betrieben wird. In einer Kleinserie von 40 Fahrzeugen will Ford das Gefhrt nun in der Praxis testen. Weiter als Ford ist nach Ansicht von Insidern General Motors bei der Konstruktion einer alltagstauglichen Brennstoffzelle.

Wassertoff wird 50 Prozent teurer als Benzin

Ohnehin gilt diese aufwendige Antriebstechnik wegen der begrenzten Reichweite vor allem fr die Kurzstrecke als tauglich. Langstreckenlimousinen wie die groen BMW fahren besser direkt mit flssigem Wasserstoff. In zwei bis drei Jahren wird BMW die ersten Fahrzeuge auf den Markt bringen, vermutet Wolf. Auch DaimlerChrysler arbeitet an der Technik.

Entscheidend fr den Erfolg am Markt sind allerdings die Kosten fr den Autofahrer. Bei einem Benzinpreis von 40 Cent pro Liter, ohne Steuern, wird eine in der Leistung vergleichbare Menge Wasserstoff etwa 50 Prozent teurer sein. Aus Umweltschutzgrnden drfte die Steuerlast die Bilanz zu Gunsten des Wasserstoffs verbessern. Das kltefeste Tank-System im Auto soll nach Linde-Plnen hchstens 3000 Euro kosten.

Der Autofahrer wird das akzeptieren, glauben die Hersteller. Schlielich htten die Konsumenten auch die Kosten fr den Katalysator nach anfnglichem Murren geschluckt. Gas geben bekommt dann eine neue - endlich richtige - Bedeutung.

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