Alternative Antriebe

Alternative Antriebe

— 09.02.2007

Fahren mit Atomstrom

Vor 50 Jahren berauschte sich die Welt an futuristischen Atomautos. Schnell war klar: Ein Reaktor an Bord ist viel zu gefhrlich und kompliziert. Doch bald knnte Atomstrom wieder vom Abstellgleis rollen und moderne Autos zu Hchstleistungen treiben. Denn Erdl wird immer knapper und teurer.

Gedankenbertragung steuert den VW der Zukunft. Ein "Hirnfrequenztelefon" am Ohr des Fahrers sprt, ob es nach links oder nach rechts gehen soll. Selbstverstndlich fhrt der futuristische Wagen unfallfrei: Radiowellen sorgen dafr, dass er stets 15 Zentimeter Sicherheitsabstand hlt. Kernstck des Fahrzeugs aber ist ein atomarer Bordreaktor mit Brennstben, die fr Tausende Kilometer reichen.

Diesen Blick auf die Straen von 2007 wagte Volkswagens norwegischer Importeur vor 50 Jahren. Eine Vision, gedruckt in einer Zeitungsannonce. VW hatte noch Trume damals. Die Orakel anderer Hersteller waren wesentlich konkreter: Sie prsentierten Studien, fr die bordeigene Reaktoren vorgesehen waren. Ford

Das Atomauto Ford Seattle-ite XXI von 1962 sollte 340 PS haben.

berauschte die Welt 1958 mit dem Nucleon, vier Jahre spter schoben die atombegeisterten Amerikaner das Konzept Seattle-ite XXI nach. Die Nuklear-Euphorie strahlte bis nach Europa ab, in Frankreich zimmerte Simca die Studie Fulgur zusammen: eine Flunder mit Kuppeldach, Heckflgeln und im Heck gengend Platz fr Brennstbe. Doch das atomare Wettrsten war schnell vorbei. Die Antriebe entpuppten sich als zu teuer, zu schwer und vor allem als zu gefhrlich. Hiroshima, Tschernobyl, Gorleben Kernenergie stand fr Angst und Schrecken. Deutschland beschloss 2000 den Ausstieg. Atomkraft? Nein, danke!

Doch die aus Kernspaltung gewonnene Energie knnte wieder vom Abstellgleis rollen. Bleibt die Erdlforderung technisch und quantitativ auf dem heutigen Niveau, sind die Quellen nach Berechnungen der Bundesanstalt fr Geowissenschaften und Rohstoffe in 41 Jahren versiegt. Das Szenario: Fahren mit Benzin oder Diesel wrde erst unbezahlbar und kurz darauf unmglich werden. Als Alternative hat BMW mit dem Hydrogen 7 das erste Serienauto entwickelt, aus dessen Auspuff ausschlielich Wasserdampf und etwas Schwefel strmt. Honda verkauft ab 2008 in den USA und in Japan die Wasserstofflimousine FCX. Das Problem aber ist: Der Zukunftssprit lsst sich nur mit extrem viel Energie produzieren und schon gar nicht CO2-neutral. Die Atomkraftwerke der nchsten Generation aber knnten neben Strom auch Wasserstoff in groen Mengen herstellen und das weitgehend schadstofffrei. Schon 2020 will Frankreich den Prototyp eines solchen Reaktors bauen. In dem Atomland forschen der Autokonzern PSA (Peugeot, Citron) und die Atomenergiebehrde CEA gemeinsam an Wegen, Nuklearstrom auf Frankreichs Straen zu bringen.

Honda FCX Concept: Ab 2008 in Japan und den USA erhältlich.

In Deutschland aber ist Kernenergie ein Auslaufmodell weil Rot-Grn es so wollte. "Die Ideologie stoppt uns auf dem Weg zu einem effizienten Klimaschutz", sagt der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Klaus Lippold. Kernenergie sei nicht nur "fr den Strom aus der Steckdose" da. Nutze man knftige Kernkraftwerke zur Wasserstofferzeugung, wrden "Mobilitt und Umweltfreundlichkeit verbunden". Allerdings beklagen deutsche Wissenschaftler, dass sie fr die Entwicklung neuer Atomtechniken keine ffentlichen Mittel mehr bekommen. "Dabei knnte uns die nchste Kernkraftwerkgeneration helfen, neben Strom auch in groen Mengen Wasserstoff zu liefern und somit Mobilitt zu sichern", sagt Dr. Joachim Knebel vom Forschungszentrum Karlsruhe.

Schon heute treibt (atomar erzeugter) Steckdosenstrom Elektroautos zu Hchstleistungen: Der amerikanische Tesla Roadster schafft dank 6831 kleiner Lithium-Ionen- Akkus 220 km/h und 400 Kilometer Reichweite. Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche ist besonders von der Leistungsfhigkeit von Lithium-Ionen-Batterien begeistert: "In der Batterietechnik gibt es aktuell neue Perspektiven. Vor drei Jahren dachte ich, reiner Elektroantrieb sei eine Sackgasse.

Smart EV: In England erprobt Smart 100 Stromversionen seines fortwo.

Das wrde ich heute nicht mehr sagen." Atomstrom als Treibstoff benutzen? Das Thema spaltet die Nation. Toni Hofreiter von den Bundestags-Grnen: "Nuklearenergie ist nicht erneuerbar. Wenn der Verkehrssektor komplett auf Atomstrom umstellt, sind die Uranvorrte in wenigen Jahrzehnten aufgebraucht." Ein weiteres Problem: Wenn in Deutschland Industrie, Haushalte und Verkehr auf Kernenergie umsteigen, mssten 50 bis 70 neue Atommeiler gebaut werden.

Kommentar von AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz


Was fr ein Luxus: Dickschiffe namens X5, Cayenne oder ML saufen das Erdl weg, unser schwarzes Gold. Die Hersteller haben das zugelassen, jahrelang. Doch nun haben BMW und Honda endlich serienreife Wasserstoffautos parat. Noch aber ist der weitgehend abgasfreie Antrieb nicht umweltfreundlich: Denn die Produktion des neuen Sprits verschlingt gigantische Energiemengen. Strom aus stinkenden Kohlekraftwerken knnen wir hierzu nicht gebrauchen. Umweltfreundliche Kernkraft dagegen schon. Aber Vorsicht: Ewig halten die Uranvorrte auch nicht. Deshalb mssen schnell sparsame Autos her, die keinen Tropfen Sprit verquasen und dabei noch Spa machen. Unsere Autokonzerne knnen das, ganz sicher. Und wenn sie nicht wollen, helfen gesetzliche Vorgaben wie Verbrauchsobergrenzen. Dann gelten fr alle die gleichen Spielregeln.

Autor: Claudius Maintz

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