Alternative Energie

Strom aus der Straße Strom aus der Straße

Alternative Energie

— 10.02.2006

Strom aus der Straße

Der Schwung rollender Autos läßt sich zur Energieerzeugung nutzen, sagt der Brite Peter Hughes – und erfand die "Power Ramp".

Simple Idee mit großer Wirkung

Diesen Termin läßt er sich einfach nicht nehmen. Trotz Grippe erscheint Peter Hughes persönlich, um den AUTO BILD-Reportern seine Erfindung zu erklären: "Strom aus der Straße zum Nulltarif." Aha. Alles klar. Noch so ein Spinner von der Insel. Typisch Engländer. Und auch noch mit Fieber. Schade um die lange Anreise. "Im Sommer werden die ersten Power Ramps in Serie gehen", sagt der 70jährige Brite, der mit seinem listigen Blick auch als Q in einem James-Bond-Streifen durchgehen könnte. Aber Hughes ist kein Mime und Power Ramps nicht die neue Geheimwaffe für 007, sondern eine Anlage zur Stromgewinnung.

Spektakulär ist sie trotzdem. Denn sie nutzt den rollenden Verkehr, um Elektrizität zu erzeugen. Der Aufbau ist simpel: Ein Dutzend Aluplatten werden mit Gelenken zu einem zehn Meter langen Metallstreifen verbunden und in die Fahrbahn eingelassen. Die zwölf horizontal beweglichen Glieder sind mit Stangen und Wellen an Generatoren gekoppelt. Fährt ein Fahrzeug über die Platten, werden diese niedergedrückt und dadurch mechanische in elektrische Energie umgesetzt. Die Straße wird so zum Kraftwerk.

Einfach ja. Aber auch genial? Kaum hatte das britische Fernsehen über die Erfindung berichtet, plärrten Kritiker los. Besonders die Motorrad-Lobby machte den Tüftler zum Schwarzen Peter. "Zu wackelig, zu gefährlich", so ihr Einwand. Auch Profi-Physiker stellten Hughes als Pkw-Parasiten an den Pranger: Unsinn, Quatsch, Umsonst-Strom gebe es nicht. Die Rampe arbeite wie eine Wippe. Beim Überfahren erhöhe sich der Fahrwiderstand, damit der Benzinverbrauch – das koste Autofahrers Kohle.

Hughes' Erfindung schadet niemandem

Peter Hughes, der die UN in Energiefragen berät, bringt das nicht aus der Ruhe. Die Road Ramps sollen nur an Orten installiert werden, wo Autos sowieso bremsen; zum Beispiel an Brückenabfahrten, vor Ampeln, Kreisverkehren, Mautstationen oder Kindergärten. Tatsächlich haben die Rampen eine verkehrsberuhigende Wirkung und könnten Asphaltschwellen in Tempo-30-Zonen ersetzen. Hughes verspricht bis zu zwölf Kilowatt Leistungsausbeute pro Anlage. Genug, um damit Ampeln, Straßenbeleuchtung, beleuchtete Schilder und Warnleuchten zu betreiben.

Motto: Das Geld liegt auf der Straße, man muß es nur aufsammeln. Überschüssiger Strom wird in Batterien gepuffert und ins öffentliche Netz gespeist. Zehn Rampen hintereinander produzieren mehr Saft als ein Windrotor, schwärmt der Erfinder-Opa. Langsam wird klar: Der Ingenieur ist kein unverbesserlicher Weltverbesserer, der im Sparmobil vorfährt, sondern Geschäftsmann. Er sitzt im Jaguar S-Type und hat klare Ziele: Arbeitsplätze schaffen und Geld verdienen. Das hat er bislang mit der Konstruktion von Multifunktionsleitern, Trombosestrümpfen und Endoskopen getan. Nun also die "Electro-Kinetic-Road-Ramp", wie sein Baby offiziell heißt. Rund 36.000 Euro kostet ein Exemplar. Das Zehnfache hat er in Entwicklung und Patente investiert.

Adressaten sind Städte und Kommunen, die ihre Energiekosten senken wollen, aber auch Flughafenbetreiber, Super- und Möbelmärkte mit Großparkplätzen. Interessenten können im südenglischen Yeovil Probefahrten machen. Dort steht auf einem Flugplatz ein Prototyp der Anlage, die zu Demozwecken mit Glühbirnen verkabelt ist. Im Schrittempo fährt ein Mercedes über die Konstruktion. Ein leises Klappern. Die Lichter leuchten. Test bestanden.

Schon 400 Bestellungen eingegangen

In der Serienversion soll noch eine Vor-Rampe dazukommen. Sie drückt die Fahrwerkfedern zusammen, die sich Millisekunden später auf der ersten Gliederplatte wieder entspannen und so den kinetischen Effekt verstärken. Bereits 400 Vorbestellungen will Hughes angenommen haben. 200 davon aus Deutschland. Besonders begeistert zeige sich ein weltweit aktiver Brückenbau-Gigant. Kein Wunder, denn im Gefälle macht das System besonders viel Sinn. Und: Je schwerer das Fahrzeug, desto mehr elektrische Energie wird erzeugt.

Es war ein Bus, der Hughes ins Grübeln brachte. In London beobachtete er, wie ein roter Doppeldecker über einen Straßen-Absatz polterte. "Mein Gott, diese Krafteinwirkung müssen wir nutzen." Zwölf Jahre brütete er. Dann kam ihm die bewegende Idee. Eine Idee, die mehr als ein Geistesblitz ist und nicht nur AUTO BILD mitfiebern läßt. Vielleicht wird sie ja auch bald schon deutsche Verkehrsplaner elektrisieren.

Und so funktioniert die "Power Ramp": Die Anlage nutzt die kinetische Energie bewegter Fahrzeuge und wandelt mechanische in elektrische Energie um. Eine Rampe besteht aus zwölf Gliederplatten, wobei diese über Stoßstangen mit einer Kurbelwelle verbunden sind. Diese treibt über ein Getriebe einen in ein Schwungrad integrierten Generator an. Die Vorderräder drücken das erste Plattenpaar runter, das folgende nach oben. So können bis zu zwölf Kilowatt Elektrizität erzeugt werden. Beim Überfahren steigen der Fahrwiderstand und der Spritverbrauch. Deshalb sollen die Power-Rampen nur in Bremszonen vor Ampeln und Tunnel- sowie Brückenabfahrten Verwendung finden.

Autor: Jörg Maltzan

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