Alternative Kraftstoffe: Bioethanol ist in Brasilien weit verbreitet.

Alternative Kraftstoffe

— 19.06.2008

Im Land des Biosprits

Seit Jahrzehnten fährt in Brasilien eine beträchtliche Zahl von Autos mit Bioethanol, das aus Zuckerrohr gewonnen wird. Dort nimmt der alternative Treibstoff niemandem das Essen weg. Besuch in einer ganz eigenen Autowelt.

"Es ist verrückt, was hier in den letzten drei Monaten passiert ist", sagt Marcos S. Jank, Präsident der brasilianischen Zuckerrohrvereinigung Unica. "Wir produzieren schon gut 35 Jahre Ethanol aus Zuckerrohr. Aber auf einmal wollen alle wissen, was wir hier machen." Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel stattete der Hauptanbauregion nordwestlich von São Paulo einen Besuch ab, und auch Angela Merkel machte sich bei ihrem Brasilienbesuch im Mai nicht nur ein Bild über die Motorenproduktion im VW-Werk. Zuvor hatte die Kanzlerin mit dem brasilianischen Präsidenten Lula da Silva eine Kooperation über erneuerbare Energien auf den Weg gebracht. Als die Beimischung von Ethanol zu Benzin in Deutschland aufkam, waren die Kritiker nicht fern. Sie monierten, der Anbau von Weizen, Zuckerrohr und Zuckerrüben würde Grundnahrungsmittel verteuern.

Außerdem sei es unethisch, Lebensmittel zu verfahren. Speziell Brasilien wurde dafür angegriffen, dass der tropische Regenwald unter den wachsenden Zuckerrohranbauflächen leide. Brasilien hat 850 Millionen Hektar Landfläche, 220 Millionen Hektar werden bewirtschaftet – aber nur 6,5 Millionen Hektar mit Zuckerrohr. 2012 sollen es mindestens acht Millionen Hektar Zuckerrohr sein. Die Anbauflächen befinden sich fast ausschließlich im Staat São Paulo, der Regenwald ist zwischen 2000 und 2500 Kilometer in Richtung Norden entfernt.

Mehr als 90 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge sind FlexFuel-Modelle

Ethanol als Sprit bieten in Deutschland bisher wenige an; die Tankstellenkette "Oil" zählt dazu.

Die brasilianische Autoindustrie hat sich längst auf die regionalen Gegebenheiten eingestellt. Mehr als 90 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge sind FlexFuel-Modelle, die ein beliebiges Mischungsverhältnis von Benzin und Ethanol vertragen. Bis 2012 soll die Hälfte des gesamten Fahrzeugbestandes in dem südamerikanischen Staat ethanolfähig sein. Zwar gibt es solche Pläne nicht nur in Südamerika, auch in den USA oder Europa ist die FlexFuel-Technik schon erhältlich. Doch insbesondere in Deutschland stolpert bisher kaum ein Kunde über die Ethanolversionen der Marken Saab, Volvo oder Ford. Ein Grund dafür ist das knappe Angebot an Biosprit E85, der zu 85 Prozent Ethanol enthält. Das Tankstellennetz mit E85-Zapfsäulen ist bisher mehr als dünn.Ganz anders Brasilien, das verglichen mit anderen Industrieländern nahezu unabhängig von ausländischen Erdölvorkommen ist. Seit Mitte der 70er-Jahre wird auf riesigen Plantagen Zuckerrohr angebaut. In Zeiten steigender Ölpreise steht der Saft des Zuckerrohrs höher denn je im Kurs. Während ein Liter Benzin in Brasilien umgerechnet gut einen Euro kostet, liegt der Literpreis des Ethanols gerade einmal bei der Hälfte.

Noch billiger ist Erdgas. Die günstigste Möglichkeit, Auto zu fahren, bietet der Fiat Siena TetraFuel. Hier kosten 100 Kilometer nur vier Euro, denn als einziges Modell in Südamerika verträgt die knapp 18.000 Euro teure Stufenhecklimousine einen Cocktail aus Ethanol, Benzin oder Erdgas. Und ein Ende der Entwicklung CO2-armer Fortbewegung ist nicht abzusehen, denn ähnlich wie in Europa wird auch in Brasilien an Biokraftstoffen der zweiten Generation geforscht. "Derzeit nutzen wir mit dem Saft des Zuckerrohrs gerade einmal ein Drittel der Pflanze", sagt Marcos S. Jank. "In den nächsten zehn Jahren werden wir den Rest der Pflanze ebenfalls als Energieträger nutzen können." Das sind gute Nachrichten für die schwächelnde Autoindustrie, die sich denn auch in Brasilien gern ansiedelt. So befindet sich das weltweit größte Werk des Marktführers Fiat nicht in Italien, sondern in Belo Horizonte. Pro Jahr laufen hier 800.000 Fahrzeuge und eine Million Motoren vom Band.

Saab hat mit den Biopower-Modellen relativ früh auf die Ethanol-Nachfrage reagiert.

Auch Honda, General Motors, VW, Mercedes oder Renault stellen seit Jahren erfolgreich Fahrzeuge "made in Brazil" her. Mercedes exportiert sogar ein Modell nach Europa, das neue Coupé CLC. Die Zahl der brasilianischen Neuzulassungen steigt seit Jahren kontinuierlich an. Waren es 2006 noch weniger als zwei Millionen Fahrzeuge, so erwartet man kurzfristig 2,5 Millionen, mittelfristig mehr als drei Millionen Neuzulassungen. General Motors verkaufte 2007 fast 500.000 Fahrzeuge in Brasilien, damit hält der weltgrößte Autokonzern mit einem Marktanteil von 21 Prozent den dritten Platz knapp hinter Fiat (26 Prozent) und VW (22 Prozent). Brasilien ist für die Amerikaner der drittstärkste Markt hinter den USA und China. "Und 97 Prozent unserer Fahrzeuge verkaufen wir hier als FlexPower-Modelle", sagt GM-Sprecher Christof Birringer.

Autor: Stefan Grundhoff

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