Altreifen

Altreifen sind Mangelware

— 29.11.2013

Gib Gummi!

Die Reifenbranche jammert übers schwächelnde Geschäft mit neuen Pneus. Es fallen auch weniger alte Reifen in Deutschland an. Die Verwertungskette spürt die Flaute kräftig.

(dpa) Bei Kuwait City am Persischen Golf hat ein ganz besonderes Meer in der Wüste vergangenes Jahr Schlagzeilen gemacht. Es sticht in dunklen Teilflächen aus dem gelben Sand hervor. Doch das Meer beherbergt kein Wasser, sondern Altreifen – so weit das Auge reicht. Die Ansammlung der ausgedienten Gummiwalzen ist derart groß, dass der Reifenfriedhof noch auf Satellitenbildern sichtbar ist. 2012 sorgte ein Großfeuer in dem Reifenmeer für eine Umweltkatastrophe, das Parlament rief zur Krisensitzung. Dieses Szenario ist hierzulande undenkbar. Statt millionenfach im Nirgendwo zu lagern, sind Altreifen in Deutschland ein begehrtes Gut – sogar begehrter denn je. Sie sind ein wesentlicher Treiber der Zementindustrie, werden zu Tartanbahnen oder Schallisolierungen. Und derzeit sinkt das Angebot an Altreifen.     

Altreifen-Recycling zum "Eau de Pirelli"

"Betrachtet man den Neureifenabsatz im laufenden Jahr, dann wird die Altreifenmenge sicherlich nicht anwachsen", berichtet Helmut Hirsch vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (WDK). Aktuelle Zahlen für 2013 lägen zwar noch nicht vor, aus dem Vorjahr gibt es sie aber. Demnach fielen fast 600.000 Tonnen Altreifen an. Umgerechnet in das Gewicht von Kleinwagen ergibt sich damit eine Autoschlange Stoßstange an Stoßstange von Hannover bis nach Sizilien. Und keiner dieser alten Reifen landete auf einer Deponie. Denn eine ganze Branche wartet nur auf die alten Pneus. Das Problem dabei: Die inländischen Verwertungskapazitäten übersteigen das Aufkommen bei weitem. So war es 2012 und so sieht es der WDK auch dieses Jahr wieder kommen. Denn das Neureifengeschäft schwächelt zwischen Alpen und Küste – und wo wenig Neues, da auch weniger Altes. Ein Grund: Moderne Reifen halten immer länger. "Damit bleibt die Situation bestehen, dass die Verwertungskapazitäten mehr als ausreichen, um die Altreifenmenge zu verarbeiten", sagt Experte Hirsch vom WDK. 2012 sank das Altreifenaufkommen um satte zwölf Prozent. "Verwerter greifen deshalb auf Importe von Altreifen und Gummiabfälle zurück."

Winterreifentest 2013

Immerhin beobachtet der Reifenriese Continental allmählich den herbeigesehnten Nachholeffekt auf dem ungewohnt lange schwachen Markt für das Ersatzreifengeschäft. "Wir sehen jetzt endlich auf Basis der niedrigen Volumen von 2012 für Europa wieder eine Steigerung", sagte Conti-Finanzvorstand Wolfgang Schäfer Anfang November. Aus Sicht der Altreifenverwerter sorgt aber gerade Conti neuerdings für einen weiteren Faktor, der den schrumpfenden Markt ausgedienter Pneus weiter ausdünnen könnte: Der Dax-Konzern startete jüngst in Hannover eine neue Anlage zur Runderneuerung alter Lkw- und Bus-Reifen. Das Werk soll pro Jahr bis zu 180.000 abgefahrene Pneus derart aufmöbeln, dass sie wieder an das Niveau fabrikfrischer, nie benutzter Reifen heranreichen. Ein bisschen läuft das ab wie Schuhe neu zu besohlen.

Sommerreifen-Test 235/55 R 17

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Auch dieser Trend zu mehr Runderneuerung schmälert die übrigen Segmente des Reifen-Recyclings. Aus den alten Pneus werden etwa die Laufbahnen auf Sportplätzen oder federnde Böden auf Spielplätzen. Der Löwenanteil der Altreifen ging 2012 aber in die Zementindustrie. Allein der Branchenriese HeidelbergCement verwertet 60.000 Tonnen Altreifen im Jahr, mehr als ein Zehntel der bundesweiten Gesamtmenge. Und der Dax-Konzern aus Heidelberg spürt die Altreifenflaute. "Die Mengen sind in der Tat rückläufig, und die Altreifenverwertungskosten steigen", berichtet Sprecher Andreas Schaller.

Reifentest-Sieger aus vier Klassen

Dabei schlägt HeidelbergCement mit dem Brenngut Altreifen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Pneus sind neben der Steinkohle ein sogenannter Sekundärbrennstoff – ihr Heizwert ist derselbe. Doch die Reifen mit ihrem Innenleben bringen gleichzeitig auch einen hohen Anteil von Sekundärrohstoffen mit: Die Stahlkarkassen schmelzen im Zementofen auf und werden zu einem festen mineralischen Teil des Zementklinkers. "Das Eisenoxid aus dem Stahl wird als eines der vier Bestandteile neben Kalzium-, Silizium- und Aluminiumoxid, die zur Zementherstellung notwendig sind, genutzt", erklärt Schaller. Vorteil Nummer zwei: Reifen bestehen zu einem guten Viertel aus Biomasse wie etwa Baumwolle-Cord oder Kautschuk, die natürlich nachwachsen kann. HeidelbergCement hat aber immerhin Alternativen für die Altreifen als zusätzlichen Brennstoff – etwa Industriemüll oder Wertstoffabfall aus den Privathaushalten, der in den Werken verfeuert wird. Wer übrigens seinen Müllsack in die Mülltonne stopft, hat es dort auch mit Altreifen zu tun: Sie stecken oft in den Rädern der Tonnen.

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