Am Band in Sant'Agata

Lamborghini LP560-4 Lamborghini LP560-4

Am Band in Sant'Agata

— 28.03.2008

Mein erster Lamborghini

Alarm in Sant'Agata: Georg Kacher, der Riese mit den zwei linken Händen, steht bei Lamborghini am Band, um bei der Montage des brandneuen LP560-4 mitzuhelfen. Ein Fall für die Schrottpresse – oder drei Tage Schrecken mit versöhnlichem Ende?

Das Polohemd kneift wie eine Zwangsjacke, und auch die Gummizughose zwickt wie ein Stringtanga. Kein Wunder – die wenigsten Lamborghini-Werker sind 2,05 Meter groß und 125 Kilo schwer. So wie ich. Das Briefing für den bulligen Schwarzbär ist anspruchsvoll: aktive Mitarbeit an der Endmontage des siebten LP560-4. Die Frühschicht braucht drei Kaffee, um warm zu werden. Ich lerne schon in der ersten halben Stunde fleißig Italienisch. Grande casino heißt: Die Kacke ist am Dampfen. Und Stronzo nennt man den, der immer Schuld hat. Aha. Normalerweise teilen sich zwei Arbeiter einen Montagetakt, der bei Lambo unlaublich lange 50 Minuten dauert. Doch das Auto mit den Fahrgestellnummer-Endziffern LA07107 wird von einer ganzen Traube Schwarzkittel umlagert. Der Vorarbeiter und sein zweiter Mann, diverse auf das neue Modell bereits eingeschulte Spezialisten, zwei Kontrolleure für die Ist- und Soll-Zeiten, ein für Fehlteile zuständiges Nervenbündel. Und dazu noch ich.

Si, subito, e scusi ...

Mein erster Einsatz dauert exakt 17 Sekunden. Die Aufgabe: Schutzfolie von der lackierten Karosserie entfernen. Danach ist erst mal knapp zwei Stunden Pause. Das liegt unter anderem daran, dass schon an der Station 1 alles drunter und drüber geht – schlecht vormontierte Klemmen, zu kurze Rohre oder zu lange Rohre, falsch gebogene Bremsleitungen. Mein italienischer Wortschatz wächst im Zeitraffer. Dann hat Produktionsleiter Franchini endlich wieder einen Mini-Job für mich: Kühlwasserverbindungsstück mit vier Schellen fixieren. Claro, pronto. Ich schwinge den Drehmomentschrauber, signiere die Arbeit mit Filzstift. Alles gut? Alles Mist. "Schellen verkehrtrum befestigt, das Trumm scheuert an der Klimaleitung, neu machen, aber molto presto." Si, subito, e scusi ...

Konzentration bei der Türenmontage: Georg Kacher gibt alles.

Zwischen 12 und 13 Uhr drängen sich dann 380 hungrige Schwarze um ein duftendes Drei-Sterne-Büfett. Ermattet von Ravioli, Saltimbocca und Gelati schlendere ich zurück an den Bock – genau rechtzeitig, um die viermal vier Schrauben der Motoraufhängung anzuziehen. Der Qualitätschef Ingo Budde schaut mir dabei über die Schulter. "Fehler absolut ausgeschlossen", doziert der Deutsche. "Erst wenn das richtige Werkzeug mit dem korrekten Anzugmoment 16-mal zum Einsatz gekommen ist, signalisiert ein grünes Licht das Okay für den nächsten Arbeitsgang." An der dritten Station wird der LP560-4 schön langsam vom weißen Wal zum Automobil. Das liegt natürlich auch daran, dass ich die beiden Kühlergitter montieren darf. Montieren will. Zu montieren versuche. Beinahe montiert hätte. Wenn links oben das entsprechende Loch gebohrt worden wäre. So muss vorsichtig von Hand nachgearbeitet werden, auch wenn sich das Sicherungsplättchen sträubt und der Elf-Prozent-Zeitpuffer längst verbraucht ist. Ich schwitze wie ein Schwein, aber irgendwann sitzt selbst die achte und letzte Schraube bombenfest.

Kein Zutritt für Unbefugte

Am zweiten Tag ist dann vor allem der lange Leerlauf – zwischen blöd schauen und im Weg stehen – anstrengend. Der Grund: Heute werden Fahrwerk und Motor installiert, und diese Aufgabe lässt selbst die coolen Obermuftis gelegentlich hohl drehen. Was den Sprachschatz erweitert, sind vor allem schlechte Passungen, mangelnde Maßhaltigkeit und unmögliche Montageschritte – frei nach dem Motto "Nicht nur blind und über Kopf, sondern auch eng und scharfkantig". Maestro Franchini stellt den neugierigen Fremdkörper aus Allemagna zwischenzeitig erst mal ruhig, indem er ihn Sicherheitsgurte, CD-Wechsler und Pedalbox montieren lässt. Als Zugabe darf ich mich auf einen Rollwagen für Zwerge legen, den Ranzen unter die Vorderachse schieben und im Halbdunkel vier Stabigummis aufstecken. Immerhin ...

Anfang März 2008 war in Genf Premiere für einen weißen Gallardo LP560-4.

Die wahren Helden des Tages heißen Luca di Giosa und Martino Ruggera. Wie die beiden im Tandem Achsmodule hochwuchten, in einem Schwung auf die dünnen Führungsstifte schieben und dann die zwei Dutzend Schrauben in vorgegebener Reihenfolge spannungsfrei fixieren, das ist die ganz große Kunst, schwere Arbeit leicht aussehen zu lassen. Im Kielwasser der zwei Roma-Fans kraulen Nicole Rizzo und Paola Tartari wie zwei emsige Synchronschwimmerinnen durch die Fahrgastzelle. Im Nu sind Dachhhimmel, Teppiche, Seitenverkleidungen und das Armaturenbrett installiert. Mir bleibt als nette Geste das fummelige Anbringen der Innenbeleuchtung. Weil der linke Clip nicht passt, wird er einfach weggeschnitten – mit freundlicher Empfehlung vom Chef.

Der Körper verlangt schon wieder nach Spaghetti und Risotto

Tag drei ist der Tag der Wahrheit: Fährt er, oder fährt er nicht? Das ist die Frage. Mein größter Feind in dieser Zeitraffer-Endphase ist der altväterliche Kabelstrang, der uns als Krake bis zum allerletzten Handgriff begleitet. Auch ich darf zur Elektrifizierung des Geräts beitragen. Man lässt mich das rechte

Georg Kacher: "Gruppenbild mit drei nachsichtigsten und verständnisvollsten Italienern, die ich kenne."

Schlusslicht anschrauben (das linke passt erst nach drastischer Erweiterung des Fluch-Registers), das Kombiinstrument ans Netz stecken und die Verbindung zwischen Handbremshebel und Kontrollleuchte herstellen. Heureka! Obwohl der Körper schon wieder nach Spaghetti und Risotto verlangt, werden per Montagebock noch schnell die vier Räder aufgesteckt. Doch der absolute Höhepunkt ist die unerwartet stressarme Türmontage, die dank eines cleveren Hydrolifters keinen Zweifel daran lässt, wer an diesem Band und heute der wahre Virtuose ist. Kurz vor 15 Uhr macht sich in der Truppe eine beinahe feierliche Stimmung breit. Blubbernd wird das Tier befüllt, übern Laptop laufen erste Funktionstests, und sogar die störrische Heckklappe arrangiert sich in letzter Instanz mit dem nicht ganz perfekten Hinterwagen, der in Summe rund eine Woche Nacharbeit verschlingen dürfte. Obwohl ich den Könnern eigentlich nur Zeit gestohlen habe, reicht mir der Meister des Bands den Zündschlüssel zum ultimativen Funktionstest. Es dauert, doch nach zehn Sekunden Orgeln schlägt endlich der Blitz ein, und unter lautem Grollen biegen wir endlich ab in Richtung große Freiheit.

Fazit von AUTO BILD-Autor Georg Kacher

Aus mir wird nie ein genialer Schrauber, aber meine Augen haben heller leuchten gelernt in Sant'Agata, mein Herz hat die hämmernde Zündfolge des Zehnzylinders verinnerlicht. Was ich mitgenommen habe, ist auch ein Stück von dem grandiosen Teamgeist, der diese rabenschwarze Familie zusammenschweißt. Die Men in Black (und natürlich auch die Mädels) sind auf ihr Werk stolz wie Oskar.

Autor: Georg Kacher

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