AM General HMMWV Slantback: Fahrbericht

— 03.04.2013

So long, Humvee!

Ein ganz harter Kerl tritt ab: Das AM General High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle, kurz Humvee, hat ausgedient. Was machte ihn so besonders? Wir würdigen die 4x4-Ikone mit einem finalen Fahrbericht.



Einen zehnjährigen Jungen muss er einfach faszinieren, dieser überbreite Geländewagen. Seine Ausstrahlung hat etwas Massives, Quadratisches, ja Unbesiegbares. Mit zwanzig Jahren Abstand und Testerblick fallen ganz andere Dinge ins Auge: der abenteuerliche Einstieg zum Beispiel – nur was für Sportliche. Schnell wieder raus in einer Gefechtssituation mit Splitterweste, Helm und Gewehr, das will trainiert sein. Oder die drangvolle Enge im Cockpit. Grund ist der breite Mitteltunnel, in dem die Ingenieure zugunsten maximaler Bodenfreiheit Getriebe, Kardanwelle und Differenziale geschützt untergebracht haben. Das heißt: viel Platz für Funkanlage und Gepäck, aber wenig für die Insassen. Warum ist das Ding dann so breit? Die Spurbreite auf Lkw-Niveau ist Absicht. Dank ihr kann der Humvee die Fahrspuren und Pontonbrücken der Trucks mitnutzen. Nebeneffekt: Selbst die wildesten Piloten schaffen es kaum, ihn umzuwerfen. Die riskante Kippneigung der Vorgänger Gama Goat und Ford M151 Mutt sollte passé sein, das stand im Lastenheft.

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Je ein Hebel für Automatik und Untersetzung, das war's. Ein Humvee fährt sich so simpel wie ein VW Golf.

© C. Bittmann

Weiterer Vorteil: Je flacher der Aufbau, desto schwieriger ist das Auto zu beschießen. An dem leicht gepanzerten Fließheck (Slantback) prallt zudem noch manches Projektil ab. Die Militärversion des Hummer H1 mag aussehen wie ein Lkw, ist aber so simpel zu fahren wie ein VW Golf. Im Cockpit finden sich ein Startknopf links der Lenksäule, je ein Hebel für Automatik und Untersetzung – das war’s schon. Die Kiste ist nach vorn gut überschaubar. Beim Zurücksetzen sollte man aber nach Spiegeln fahren können. Die Fahrleistungen halten mit denen heutiger Geländewagen nicht mit. Die bei Dienstantritt 1985 gebotenen 150 PS aus einem 6,2-Liter-Diesel – bei dem von uns gefahrenen Exemplar gegen den 1995 eingeführten 6,5-Liter-Diesel mit 163 PS getauscht – erlaubten aber 100 km/h Reisetempo. Wer zuvor Gama Goat fuhr, empfand das als Fortschritt.

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Schwierigkeiten im Gelände? Nicht für den Humvee. Dank dreier Sperren kommt er auch dann noch voran, wenn nur ein einziges Rad Grip hat.

© C. Bittmann

Der Humvee brilliert allerdings eh dort, wo der Asphalt endet. Zweite Fahrstufe wählen, Gaspedal leicht antippen, er dieselt los. Der V8 klingt, als könne er ein Einfamilienhaus vom Fleck ziehen. Die dicken MT-Reifen rollen über knöcheltiefe Panzerfahrspuren hinweg, als gäbe es sie nicht. Der Fahrer sitzt dicht an der Tür, nicht besonders hoch, aber aufrecht, und gibt mit dem kleinen Finger die Richtung vor. Als der Schlamm tiefer wird, lege ich die Untersetzung ein, was automatisch das Zentraldifferenzial sperrt. Jetzt hält uns überhaupt nichts mehr auf. Eine 35-Grad-Steigung? Lässt sich praktisch im Standgas überwinden. An der nächsten, noch etwas steileren, helfe ich mit dem Gaspedal nach. Der Diesel räuspert sich kurz, schon ist der Brummer oben. Beeindruckend! Angeblich kraxelt der Dicke sogar in überladenem Zustand bestens. In einer Verschränkungspassage hebt der Humvee ein Bein und der Bauch setzt fast auf. Aber das macht nichts: Dank dreier Sperren ist das Vorwärtskommen auch dann gesichert, wenn nur noch ein einziges Rad Grip hat.

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Nicht nur bei den Amerikanern ist der Humvee im Einsatz. Polen, Luxemburg, Dänemark und eine ganze Reihe weiterer Nationen nutzen ihn ebenfalls.

© C. Bittmann

Die Sperren an Vorder- und Hinterachse sind halbautomatisch. Ich wecke sie auf, indem ich kurz gleichzeitig Gas gebe und die Bremse antippe. Mehr ist nicht zu tun. Sich mit dem Vorderrad an einem senkrechten Felsen hochzustemmen – kein Problem für diesen Haudegen, denn es gibt praktisch keinen Frontüberhang. Ein Wasserloch lässt ihm die braune Brühe bis zum Kühler stehen. Mit größter Selbstverständlichkeit watet der Humvee durch, taucht am Ende wie Nessie aus den Fluten auf. Der Ami-Brummer steht in vielen Ländern im Militärdienst: Polen, Luxemburg, Dänemark, Thailand, Israel. Die Schweiz und Spanien bauten Abwandlungen, China, Japan und Frankreich haben ihn mehr oder weniger offen kopiert. Zu Zeiten des Golfkriegs Anfang der 1990er rollte der Humvee in jeder Nachrichtensendung über den Bildschirm, täglich und weltweit.

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JLTV Humvee Nachfolger JLTV Humvee Nachfolger
Aber: Trotz ständiger Weiterentwicklung sind die Zeiten der Operation Desert Storm passé. Den Sprengfallen, die in Afghanistan und im Irak heute auf die Crews lauern, ist der Humvee hilflos ausgeliefert. Die Breite erhöht sogar seine Verwundbarkeit. Eine volle Panzerung wäre die Lösung. Sie ließe Gewicht und Schwerpunkt aber so ungünstig nach oben wandern, dass die Beweglichkeit des Humvee deutlich eingeschränkt würde. Einen direkten Nachfolger gibt’s nicht. Die U.S. Army experimentiert mit verschiedenen Möglichkeiten, ersetzt den Humvee aber absehbar durch ein halbes Dutzend verschiedener Fahrzeuge, alle gepanzert und weit schwerer. Damit wird der Hummer der Letzte seiner Art. Unser Fotomodell auf diesen Seiten ist übrigens ein Leihfahrzeug aus dem Fahrgelände Fursten Forest bei Osnabrück (www.furstenforest.de).
Technische Daten AM General HMMWV (1989)
Motor V8-Saugdiesel, vorn längs
Ventile/Zylinder 2
Hubraum 6466 ccm (Austauschmotor von ca. 1995, ursprünglich 6217 ccm)
kW/PS 120/163 bei 3400 U/min
Drehmoment 395 Nm bei 1700 U/min
Allrad permanent (v:h 50:50) Zentraldifferential manuell sperrbar, Torsen-Differentialsperren vorne und hinten
Getriebe 3-Stufen-Automatik mit Geländeuntersetzung
Aufhängung Einzelrad, Schraubenfedern vorne und hinten
Bremsen Scheiben vorne und hinten
Reifen 37 x 12,5R 16,5
L/B/H 4700/2159/1930 mm
Radstand 3302 mm
Wendekreis 16,2 m
Bodenfreiheit 410 mm
Wattiefe 750 mm (mit Kit 1500 mm)
Leergewicht 3005 kg (Slantback)
zulässiges Gesamtgewicht 3496 kg (abgelastet, regulär 4600 kg)
Tankinhalt 94l
Verbrauch 18-22l D/100 Km
0-80 km/h ca. 20s
Höchstgeschwindigkeit 113 km/h
Wert ca. 40.000 Euro
Lars Hänsch-Petersen

Fazit

Die Ausmusterung der müden Krieger hat begonnen. Ich würde glatt einen von ihnen bei mir aufnehmen.

Autoren: , Rolf Klein

Fotos: C. Bittmann

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