AMG-Achtzylinder gestern und heute

AMG-Achtzylinder gestern und heute AMG-Achtzylinder gestern und heute

AMG-Achtzylinder gestern und heute

— 21.10.2002

Das ist der Hammer

Den brandneuen E 55 AMG und den AMG 300 CE 6.0 von 1988 trennen 14 Jahre und 100 PS. Im direkten Vergleich vermitteln sie erstaunliche Erkenntnisse.

289 Sachen und 335.550 Mark teuer

Kleider machen Leute, sagt man. Und wenn Karosserien Autos machen, könnten die Charaktere unserer Kandidaten auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: Schwarz und klobig der eine, silbern und zierlich der andere. Trotzdem haben sie etwas gemeinsam: den Mercedes-Stern auf der Haube und den AMG-Schriftzug am Heck.

Der eine, das ist der Hammer. So nannten sie ihn vor 14 Jahren in Affalterbach, als AMG noch ein Tuner war – und so nennen ihn dort noch heute alle, die ihn persönlich kannten. Aus gutem Grund: 1988 war er tatsächlich der Hammer, in jeder Beziehung.

Mit acht Zylindern, einem Hubraum von beinahe sechs Litern und den darin produzierten 283 kW war er gut für 289 km/h, mit seinem Preis von 335.550 (!) Mark überbot er einen Ferrari Testarossa locker um 100 Riesen – und optisch sowieso: Die brutal kantige, an den fast schon peinlich weit ausgestellten Kotflügeln dafür um so bauchigere Karosse, der geschwärzte Grill und die ausladenden Spoiler dokumentieren noch heute, dass hier nicht irgendein Daimler daherkommt. Und ein ganz seltener außerdem – vom AMG 300 CE 6.0 wurden nur ganze zwölf Exemplare gebaut.

Keine Spur von seidenweichem Lauf

Bei dem anderen muss man schon genauer hinsehen. "Nett, die neue E-Klasse", ist man versucht zu sagen. Wären da nicht die kleinen Details. Die mit edel geschwärztem Kaninchendraht verhängten Lufteinlässe im Frontspoiler, die edlen 18-Zoll-Räder, die den Blick auf wichtig wirkende Bremssättel lenken. Natürlich auch die vier Endrohre und das Kürzel am Heck: "E 55" steht dort. Was das heißt, lässt sich nüchtern beschreiben: Fünfeinhalb Liter Hubraum, 350 kW, 4,7 Sekunden von null auf 100 km/h.

Man kann es aber auch anders sagen: VIERHUNDERTSECHSUNDSIEBZIG Pferde in einer E-Klasse sind sozusagen der Über-Hammer. Man hört und spürt sie schon im Leerlauf, wenn sie nervös mit den Hufen scharren. Keine Spur von seidenweichem Lauf, sondern Mechanik zum Mithören. Ein dumpfes Rascheln dringt aus dem Stall und deutet dezent an, dass mit dieser Herde nicht zu spaßen ist.

Wer sich trotzdem entschließt, ihr die Sporen zu geben, sollte vorher tief Luft holen. Denn danach verschlägt es ihm erst mal den Atem: Ansatzlos springt der Benz nach vorn, unter wildem Wiehern wird ein Drehmoment von 700 Nm entfesselt – und wenn nur ein paar Sandkörner auf der Straße liegen, quietschen die Antriebsräder auch beim Zünden der zweiten Fahrstufe vor lauter Vergnügen noch mal kurz auf. Nach 16,7 Sekunden steht der Tacho auf 200, nach weiteren elf Sekunden ist die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h erreicht.

Hammerharte Fahrwerksabstimmung

Ganz so potent ist der alte Hammer denn nun doch nicht: 100 Pferde weniger reißen halt nicht so am Zügel, vor allem, wenn sie schon etwas älter sind. Doch im Grundton ähnelt der 300 CE 6.0 seinem modernen Nachfahren durchaus: Das gleiche zornige Grollen, das nur ein großvolumiger Achtzylinder absondern kann, und ebenfalls beträchtliche, wenn auch nicht ganz so den Atem verschlagende 566 Newtonmeter bringen ihn in einer Zeit auf Tempo 100, die gut zum Hubraum passt – 6,0 Sekunden.

Und am Ende hat er trotzdem die Nase vorn. Der Grund: Zu seiner Zeit fühlte man sich bei AMG noch nicht an die freiwillige Selbstbeschränkung auf Tempo 250 gebunden und ließ den Hammer fliegen, so schnell es ging. Und es geht immer noch eine ganze Menge. Unser Testexemplar war nach 167.000 Kilometern so richtig schön frei und schwang sich zu respektablen 289 km/h auf.

Das Fahrwerk des Ur-Hammers nötigt dem Fahrer ebenfalls noch heute Respekt ab. Schon vor 14 Jahren installierte AMG hier eine elektronische Fahrwerkregelung, die sowohl niveauregulierend als auch dämpfend wirkt: Nach Belieben lässt sich die Härte in drei Stufen einstellen, wobei allerdings selbst die weichste immer noch hammerhart ist und an die Insassen nebst trockenen Schlägen auch ein nicht gerade luxuriöses Geräuschniveau vermittelt.

Der E 55 tänzelt durch die Kurven

Ganz anders gibt sich da der neue E 55. Sein luftgefedertes, semiaktives Fahrwerk bietet dem Fahrer ebenfalls die Wahl zwischen straffer und sehr sportlicher Abstimmung, stellt aber in jedem Modus einen durchaus akzeptablen Komfort her.

Darüber hinaus zeigt sich hier der Fortschritt in seiner deutlichsten Form: Denn während der 1650 Kilo leichte Altmeister stets ein wenig steifbeinig und schwerfällig wirkt, tänzelt der immerhin 185 Kilo schwerere E 55 geradezu durch die Kurven und vermittelt seinem Lenker den Eindruck, als würde er mindestens 300 Kilo weniger wiegen.

Objektiv dagegen lässt sich eindeutig feststellen, dass früher zwar einiges, aber nicht alles besser war. Auch wenn der E 55 im optischen Vergleich mit dem Hammer aussieht wie ein Hämmerchen. Dank Kompressor leistet er trotz geringeren Hubraums rund 100 PS mehr als sein Vorgänger, dank fundamentaler Fortschritte in der Fahrwerktechnik fährt er sich geradezu spielerisch – und was das Schönste ist: Dank rationellerer Fertigung kostet er kaum mehr als die Hälfte. Wenn das kein Fortschritt ist ...

Technische Daten der AMG-Sportler

Technische Daten AMG 300 CE 6.0 V8-Motor, vorn längs • 4 Ventile je Zylinder • Hubraum 5953 cm3 • Leistung 283 kW (385 PS) bei 5500/min • maximales Drehmoment 566 Nm bei 4000/min • Hinterradantrieb • Vierstufenautomatik • vorn Einzelradaufhängung an Dreiecksquerlenker und Dämpferbein, hinten Raumlenkerachse • Scheibenbremsen ringsum, vorn innenbelüftet, 300 Millimeter Durchmesser, hinten massiv 278 mm • Räder 8,5 x 17 vorn, 10 x 17 hinten • Reifen 235/45 ZR 17 vorn, 265/40 ZR 17 hinten • Länge/Breite/Höhe 4655/1880/1360 mm • Radstand 2715 mm • Leergewicht 1650 kg • Tankinhalt 90 l • Zuladung 310 kg • 0–100 km/h in 6,0 s • Höchstgeschwindigkeit 289 km/h • Preis (1988) 335.550 Mark

Technische Daten Mercedes E 55 AMG V8-Kompressor, vorn längs • 3 Ventile pro Zylinder • Hubraum 5439 cm3 • Leistung 350 kW (476 PS) bei 6100/min • maximales Drehmoment 700 Nm bei 2650/min • Hinterradantrieb • Fünfstufenautomatik • Einzelradaufhängung rundum, Vierlenkerachse vorn, Raumlenkerachse hinten • Luftfedersystem mit Niveauregulierung • elektrohydraulisches Bremssystem, vorn 360-mm-Scheiben, hinten 330-mm-Scheiben, jew. gelocht und innenbelüftet • Reifen vorn 245/40 ZR 18, hinten 265/35 ZR 18 • Räder vorn 8 J x 18, hinten 9 J x 18 • Länge/Breite/Höhe 4849/1822/1295 mm • Radstand 2854 mm • Leergewicht 1835 kg • Tankinhalt 80 l • 0–100 km/h in 4,7 s • Höchstgeschwindigkeit 250 km/h • Preis 87.580 Euro

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