Angst-Seminare

Angst-Seminare

— 06.07.2007

"Das Auto ist mein Feind!"

Es ist ihnen peinlich, und es macht ihr Leben in der modernen Welt unendlich schwer: Viele Frauen haben Angst vorm Autofahren. Mit Schweißausbrüchen, Herzrasen und wackligen Knien kämpfen sie regelmäßig mit Panikattacken. Jetzt helfen spezielle Seminare.

Die Symptome sind immer wieder gleich: Schweißausbrüche, Herzrasen, wacklige Knie. Die Frauen, die beim TÜV Rheinland in Essen zusammengekommen sind, kämpfen regelmäßig mit Panikattacken. Was sie so aus der Fassung bringt, ist für Millionen anderer Menschen völlig selbstverständlich: das Autofahren. "Früher hat mir das auch großen Spaß gemacht", berichtet eine der Frauen zögernd. "Aber inzwischen denke ich oft: Das Auto ist mein Feind." Zahlreiche Frauen leiden unter solchen Ängsten. "Oft sind das Frauen, die ansonsten sehr selbstbewusst wirken und voll im Leben stehen", sagt Verkehrspsychologin Bärbel Taubert. Sie arbeitet als Dozentin mit dem Netzwerk Frau ist schlau zusammen, das mit einer Seminarreihe bundesweit die Betroffenen bei der Bekämpfung ihrer Probleme unterstützt.

Seminare sollen helfen, die Angst zu bewältigen

Bei den Veranstaltungen unter dem Titel "Mehr Mobilität für Frauen" sollen sie die Ursachen ihrer Ängste erkennen und erste Schritte unternehmen, um die Freude am Autofahren wiederzufinden. Die Seminarleiterin startet zunächst eine Fragerunde, schreibt Stichwörter aus den Erfahrungsberichten der Frauen auf eine Tafel, blickt immer wieder aufmunternd von Platz zu Platz. "Wir wollen in diesem Seminar keine große Präsentation abfahren", sagt Taubert: Vielmehr gehe es darum, irrationale Ängste zu hinterfragen und Probleme zu erkennen. "Wir fragen auch: Was würde sich für Sie verändern, wenn das Problem im Straßenverkehr besser wäre?"

Denn häufig wirke der Mangel an Mobilität in andere Lebensbereiche hinein. "Meist hängt da ganz viel Selbstbewusstsein dran", sagt Taubert. Betroffene Frauen seien bei der Wahl des Wohnortes von nahe gelegenen Bahn- oder Bushaltestellen abhängig, Mütter könnten nie die Kinder von Bekannten mitnehmen. "Sie fühlen sich immer in einer Bittsteller-Situation." Eine Frau erzählt, dass sie aus Angst vor der Autobahn morgens regelmäßig um halb fünf losfährt, um über Landstraßen ins niederländische Eindhoven zu kurven. "Die Frauen haben ihr Leben um das Defizit herum gebaut", sagt Taubert. "Man versucht nicht, das Problem zu lösen, man arrangiert sich."

Jede Teilnehmerin hat eine eigene Geschichte

14 Frauen unterschiedlichen Alters nehmen diesmal am Seminar teil. Jede von ihnen hat einen Führerschein, und jede hat eine eigene Geschichte, warum sie ihn kaum noch nutzen mag. In der kleinen Essenspause am Vormittag stehen die Teilnehmerinnen bei Kaffee und Brötchen zusammen, plaudern fröhlich und entspannt. Doch sobald es daran geht, über das eigene Problem zu reden, werden sie ernst. Bei einigen löste ein Unfall die Angst aus. Bei anderen haben einschüchternde Fahrlehrer, viele schlechte Erfahrungen oder schlicht mangelnde Fahrpraxis ihren Anteil daran, dass das Steuern eines Wagens bestenfalls ein nötiges Übel ist – meist aber eine kaum zu ertragende Qual. "Ich habe einfach Angst, dass ich nicht mehr nach Hause komme", berichtet eine Seminarteilnehmerin mühsam lächelnd und knetet mit der einen Hand die andere. Nach der Führerscheinprüfung war sie für zwei Wochen in den Urlaub gefahren und hatte sich dort nicht hinters Steuer gesetzt: "Und danach auch nie wieder." Sie hält inne, legt den Kopf schief, als sie sich an eine fast 20 Jahre vergangene Episode erinnert: Eines Tages musste ihr Sohn dringend ins Krankenhaus – in Panik sie rief eine Bekannte zu Hilfe. "Da habe ich zu mir gesagt: Du bist bescheuert", erzählt sie heute. "Du hast einen Führerschein und fährst nicht."

Eine andere Teilnehmerin hat beruflich mit Unfallschäden zu tun und findet daher im Alltag immer wieder Anregungen für die eigenen Ängste. "Ich sehe mich vermehrt selbst in meinen Akten", sagt sie kopfschüttelnd. "Und wenn ich etwas Schlimmes im Radio höre, denke ich oft, das könnte mir auch passieren." Die anderen nicken, die Atmosphäre in dem kleinen Seminarraum entspannt sich. Weil jede etwas zu beichten hat, weil jede die andere versteht. Die Frauen lachen miteinander, aber nicht übereinander. Denn allen geht es ähnlich: Sie schämen sich vor Kollegen, Freunden und manchmal auch vor der Familie. "Viele denken, man stellt sich einfach an", sagt eine junge Teilnehmerin. "Man wird als bekloppt dargestellt und ein wenig belächelt."

"Ich denke, ich bin eine Waffe"


Manche der Teilnehmerinnen trauen sich durchaus mal ans Steuer, wenn die Strecken bekannt sind oder es nicht über eine Autobahn geht. "An guten Tagen sage ich dann auch mal, ich kann ruhig fahren", berichtet eine von ihnen. Alleine setze sie sich aber niemals ans Steuer, nur in Begleitung komme sie im heutigen Straßenverkehr zurecht. Ansonsten werde sie nervös und sorge sich um die anderen Verkehrsteilnehmer. "Ich denke dann: Ich bin eine Waffe." Bei der jungen Frau löste ein Unglück die Ängste aus: Ihr Vater erlitt einen Schlaganfall, als er als Beifahrer neben ihr saß. Sie brachte ihn ins Krankenhaus, erzählt sie leise. "Danach ging es dann nicht mehr."

Psychologin Taubert hört den Berichten zu, hakt nach, stellt provokante Fragen, um die Frauen aus der Reserve zu locken. "Sie sind bis an den Gardasee gefahren?", fragt sie eine Teilnehmerin, die früher ohne Probleme mit dem Auto nach Italien in den Urlaub reiste. "Und sind Sie auch angekommen?" – "Ja", antwortet die Teilnehmerin verwundert. Taubert lächelt. "Das hätte ich jetzt nicht gedacht", sagt sie ironisch. Die anderen lachen, auch die Angesprochene schüttelt nun über sich selbst und ihre Veränderung den Kopf. Sie würde es gerne wieder schaffen, sagt sie. Am Ende des Seminartages hat jede Frau ihre Probleme geschildert. Die Psychologin rät je nach Fall zu auffrischenden Fahrstunden, Sicherheitstrainings oder auch zum Kauf eines Navigationssystems. "Es gibt technische Hilfsmittel", sagt sie. "Und es ist keine Schande, sie zu nutzen."

Die Sehnsucht nach dem normalen Auto-Leben ist groß

Manche Frauen sehen mutiger drein als vor wenigen Stunden – zur Lösung ihres Problems ist es aber noch ein langer Weg. "Ich werde mir bald noch mal Fahrstunden nehmen", sagt eine. "Ich mache ein Sicherheitstraining", kündigt eine andere an. Für manche Frauen scheint die Hürde noch immer hoch zu liegen. "Ich werde das erst mal sacken lassen", gesteht eine Teilnehmerin leise. "Und dann mal sehen." In jedem Fall sei es gut zu wissen, dass auch andere unter dem Problem leiden. Ob einige von ihnen in ein paar Wochen oder Monaten tatsächlich wieder gut gelaunt hinter dem Steuer sitzen, bleibt offen, in vier Stunden sind über Jahre aufgebaute Ängste nicht abzubauen. Die Sehnsucht nach dem normalen Auto-Leben aber ist groß. "Im Grunde wünsche ich mir Gleichgültigkeit", sagt eine Teilnehmerin zum Schluss. "Einfach einsteigen und losfahren, als ob nichts ist."

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