Drei SUV, drei Antriebe

Lexus RX 400h, Jeep Grand Cherokee, Mercedes ML 350 Lexus RX 400h, Jeep Grand Cherokee, Mercedes ML 350

Antriebstechniken im Vergleich

— 31.10.2005

Alternativprogramm

Benziner, Diesel oder Hybrid? Bei den Oberklasse-SUV hat man die Wahl: Mercedes ML 350, Jeep Grand Cherokee 3.0 CRD oder Lexus RX 400h. Was bringt welcher Antrieb im Alltag?

Herrliche Stille an der Ampel

Es gibt tatsächlich Autos, in denen man sich auf einen Stau freut. Klingt verrückt, aber beim neuen Hybrid-Lexus ist das so. Denn gerade im sonst so ermüdenden Stop-and- Go-Verkehr bietet der neue RX 400h ein einzigartiges Fahrerlebnis, das ihn von anderen Serienautos unterscheidet: Wohltuend, diese völlige Stille an der roten Ampel. Faszinierend, das anschließend praktisch lautlose Anfahren per Elektromotor. Eigenartig, das beim Beschleunigen völlig ruckfreie Starten des Benzinmotors. Seltsam, der von der gefahrenen Geschwindigkeit praktisch unabhängige Motorsound.

Vieles ist anders beim Lexus RX 400h, aber er fährt sich wie ein ganz normales Auto. Man muß nie zwischendurch an die Steckdose. Und man tankt auch keinen schwer beschaffbaren Alternativsprit. Man füllt Superbenzin in den Tank, dreht am Zündschlüssel, stellt den Getriebewählhebel auf D und tritt auf das Gaspedal. Man bedient den Hybrid-Lexus also keinen Deut anders als den hier zum Vergleich der Systeme angetretenen Benziner-Mercedes oder den Diesel-Jeep.

Anders ist beim Lexus nur die Art, wie die Fortbewegung zustande kommt. Wir haben uns ganz einfach gefragt: Was bringt denn die ganze Technik? Wem bringt sie Vorteile? Deshalb tritt der Hybrid-Lexus hier bei uns gegen je einen aktuellen Benziner- und Diesel-Konkurrenten an. Vergleichbare Größe, vergleichbares Gewicht, vergleichbare Leistung, vergleichbarer Preis.

Komplexe Technik – die aber funktioniert

Unsere umfangreichen Meßfahrten im Stadtverkehr, auf Landstraßen und auf Autobahnen zeigen eines sehr deutlich: Wunder vollbringt dieser Hybrid-Lexus nicht. Auch und gerade nicht beim Verbrauch.

Es grenzt zwar fast an ein Wunder, daß ein derart komplexes Auto ruckfrei fährt: ein V6-Benzin- und ein Drehstrom-Elektromotor an der Vorderachse, ein weiterer E-Motor an der Hinterachse, ein 650-Volt-Drehstrom-Generator zur Stromerzeugung, eine dreiteilige Nickel-Metallhydrid-Batterie mit 288 Volt unter den Rücksitzen, zwei Planetengetriebe mit vollvariabler Übersetzung zur Leistungsverzweigung aller Antriebe, ein Bremssystem mit Rückgewinnung der Bewegungsenergie, eine elektrische und deshalb auch beim Ampelstop wirksame Klimaanlage sowie eine Energie-Steuereinheit, die den 288-Volt-Gleichstrom der Batterie nach Bedarf in 650-Volt-Gleichstrom, 650-Volt-Drehstrom, 42-Volt-Gleichstrom oder 12-Volt-Gleichstrom wandelt.

Es funktioniert. Bei so viel geballter Zukunftstechnik muten die gerade erst auf den Markt gekommenen Mercedes ML 350 und Jeep Grand Cherokee 3.0 CRD beinahe wie Oldtimer an. Aber: Im direkten Vergleich der drei Antriebssysteme kommen die Vor- und Nachteile in der Praxis ans Licht. Und die zählen.

Technische Daten und Testwerte

Der Mercedes ML 350 zeigt, daß auch heute ein großer und schwerer Benziner angenehm komfortabel und spontan kraftvoll läuft. Aber er wird zum Säufer, wenn er sich durch die Stadt quälen oder über die Autobahn jagen muß. Der brandneue Jeep Grand Cherokee 3.0 CRD mit dem aktuellen Mercedes-Turbodieselmotor zeigt, daß auch heute ein Diesel deutlich rauher läuft und per Turboloch frustriert. Aber gerade im Stadtverkehr und bei schneller Autobahnfahrt beruhigend niedrige Verbräuche zustande bringt.

Was aber zeigt der Hybrid-Lexus? Unsere Messungen auf der Autobahn beweisen: Ein Benziner ist ein Benziner – und deshalb verbraucht der Lexus auf Schnellstraßen nicht weniger als der Mercedes, denn der Benzinmotor läuft stets mit. Wenn es um flotte Autobahnfahrt geht, bleibt der Diesel ungeschlagen. Nur er bietet ein günstiges Verhältnis von souveränen Fahrleistungen und günstigem Verbrauch.

Extrem schwankender Benzin-Verbrauch

Besonders spannend wurden unsere Meßfahrten im Stadtverkehr: Stop-and-Go, viele Ampeln, ein paar Zwischensprints auf Ringstraßen, das Übliche. Hier macht sich die Hybrid-Technik im Verbrauch bezahlt: 8,2 Liter/100 km. Benzin-Mercedes: 13,8 Liter/100 km. Diesel-Jeep: 10,5 Liter/100 km.

Schon beim Ausrollen an die rote Ampel schaltet der Lexus den Benzinmotor ab. Normales Bremsen erledigen die beiden Elektromotoren, die hier als Stromerzeuger arbeiten und dabei Saft in die Batterie pumpen. Bei Rot ist der Benzinmotor sowieso still. Bewegt sich die Autoschlange einige Wagenlängen weiter, so rollt der Lexus per vorderem E-Motor lautlos vorwärts. Die elektrische Servolenkung und die elektrische Klimaanlage bleiben auch ohne Benzinmotor aktiv. Wird wieder abgebremst, bringt dies erneut Energie für die Batterie.

All das spart Sprit, denn im dichten Stadtverkehr arbeitet jeder Verbrennungsmotor extrem uneffektiv, auch ein Diesel. Ist bei Grün die Bahn frei, fährt der Lexus auch dann elektrisch an, wenn man das Gas durchtritt. Er hat ja keine Kupplung, keinen Drehmomentwandler, den er zum Einsatz des Benzinmotors nutzen könnte. Der Benzinmotor wird zwar auch gestartet, der dient beim Anfahren zunächst aber nur als Stromerzeuger, indem er den Generator antreibt. Bei Vollgas hört sich der RX 400h gewöhnungsbedürftig an, weil die Drehzahl des Benzinmotors dabei annähernd gleich bleibt. Aber er schießt beeindruckend davon, weil bei Vollgas alles zusammengekoppelt wird, was Leistung bringt: Benzinmotor, zwei Elektromotoren und der Generator.

Im Gelände hopst der Hybrid

Auch der Allradantrieb funktioniert beim Hybrid-Lexus ganz anders. Mercedes und Jeep haben konventionelle Technik, bei der der Motor ein zentrales Verteilergetriebe antreibt, von dem aus die Kraft über zwei Kardanwellen auf Vorder- und Hinterachse verteilt wird. Im Lexus dagegen fehlen Kardanwellen und Verteilergetriebe. Der Benzinmotor und der vordere Elektromotor treiben ausschließlich die Vorderräder an. Die Hinterräder beteiligen sich über den zweiten, den hinteren Elektromotor. Und zwar grundsätzlich dann, wenn der Fahrer kräftig Gas gibt. Zusätzlich auch dann, wenn Drehzahlsensoren an den Rädern registrieren, daß auf rutschigem Untergrund die Vorderräder durchdrehen wollen. Der Versuch zeigt, daß die Kraft des zusätzlichen 69-PS-E-Motors im Heck meist ausreicht, um auf nassem Gras oder verschlammtem Weg vorwärtszukommen.

In schwerem Gelände, für das der Lexus allerdings nicht gedacht ist, gerät das System offenbar durcheinander: In tieferem Schlamm, auf losem Sand oder Kies versucht der Lexus zunächst, über die beiden E-Motoren anzufahren. Klappt das nicht sofort, verweigert das System den Motoren kurz den Strom. Der gerade begonnene Anfahrvorgang wird abgebrochen. Bleibt man nun gefühllos auf dem Gaspedal stehen, ruckelt und hüpft der Lexus dann doch noch über das Geländehindernis hinweg. Dabei benutzt er zusätzlich seine Radbremsen als Antriebsschlupfregelung.

Nach einer solchen Aktion bleibt ein schlechtes Gewissen, weil man das Gefühl hat, dem Auto Gewalt anzutun. An der gleichen Stelle rollen Mercedes und Jeep hohnlachend vorbei. Der Lexus ist eben ein Meisterstück der Technik mit viel Unterhaltungswert, das zeigt, daß man den Stadtverbrauch drastisch senken kann – mehr nicht. Der Hilfs-Allradantrieb und die geringe Transportkapazität sind die Nachteile. Jeep und Mercedes bringen als handfeste Allradler dagegen viel praktischen Alltagsnutzen, bereiten im Gegensatz zum Lexus allerdings kaum Freude im Stau.

Kosten und Ausstattungen

Der Jeep Grand Cherokee Limited ist das preisgünstigste der drei SUV – obwohl er serienmäßig viel Geländetechnik hat, die Mercedes nur gegen Aufpreis und Lexus gar nicht anbieten. Am erstaunlichsten ist aber, daß der Hybrid-Lexus ausstattungsbereinigt nur rund 1000 Euro teurer ist als der Mercedes mit simplem Benzinantrieb. Großes Manko des Lexus: die kurzen Wartungsintervalle von 15.000 Kilometern.

Fazit und Wertung

Fazit von AUTO BILD ALLES ALLRAD-Redakteur Martin Braun Selbst wenn man das Geländekapitel wegrechnet, gewinnt der Mercedes. Er ist eben das bessere Auto und macht mit größerem Nutzwert und mehr Komfort den viel höheren Verbrauch wieder wett. Man müßte kombinieren: den Hybrid des Lexus in den Mercedes einbauen und zum Preis des Jeep kaufen.







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