Sportwagen trifft Geländegänger

Argo Avenger 8x8 S gegen Porsche 911 Carrera 4 GTS

Mittendurch statt außenrum

Ein irres Rennen: 30 gegen 450 PS. Aber dann nimmt der Ober-Offroader den direkten Weg zum Ziel – Vollgas durch die Wildnis.
Straße? Braucht kein Mensch, und Asphalt wird sowieso überbewertet. Jetzt geht es links in die Wallachei. Den Wall hinauf, ein Kinderspiel. Dahinter umgestürzte Bäume, mannshohes Dickicht, ein See, ein Sandberg, ein Gerstenfeld. Hey Porsche, wir fahren bis da hinten, wo das Feld wieder auf die Landstraße trifft. Luftlinie etwa 500 Meter. Gentlemen, start your engines! V2 gegen Sechszylinder-Boxer. Das ungleiche Duell geht so: Der Argo Avenger 8x8 S fährt keinen Meter mehr als die 500. Der Porsche 911 Carrera 4 GTS muss dagegen öffentliche Straßen nehmen. Das hat er nun von seiner 90-mm-Bodenfreiheit. Das hier wird ein Wettrennen.

Das Arbeitsgerät hat einen durchaus hohen Fun-Faktor

Ein rollendes Arbeitsgerät für schweres Gelände: Mit 30 PS und acht Reifen kommt der Argo überall durch.

Welcher Allradler kommt schneller von A nach B? Argo, acht Räder, 30 PS – oder Porsche, vier Räder, 450 PS? Der eine fährt mittendurch, der andere außenrum. Es ist ein Rennen wie Hase gegen Igel. Oder eher: Hase gegen Tausendfüßler. Der Argo aus New Hamburg, Kanada, gegen den Porsche aus old Zuffenhausen, Germany. Argo, was ist das denn? Ein rollendes Arbeitsgerät für die Tundra. Damit gurken kanadische Waldarbeiter durch Gegenden, in denen sich Grizzly und Elch gute Nacht sagen. Wo der Mensch zu Fuß aufgibt, da nimmt er diese Amphibienfahrzeuge mit Kettenantrieb und rollt im Kriechgang durch die Wildnis. Durch Wasser und Matsch. Über Stock und Stein. "Go where you've never gone before" lautet das Argo-Motto. Und genau das machen wir jetzt.  Xtreme Terrain Vehicles nennen sich diese, nun ja, Autos. Achsen verstärkt, Lenkscheiben verstärkt, Spaßfaktor verstärkt. Es gibt sie in 29 unterschiedlichen technischen Versionen – auch als 6x6-Dreiachser, mit Verdeck oder Ladefläche oder Überrollbügel. Oder mit allem zusammen.

Geradeauslauf kennt der Argo nicht einmal vom Hörensagen

Nicht ganz einfach: Geradeaus fahren kann der Argo nur bedingt – die Lenkung ist wenig feinfühlig.

Jetzt sind diese Kisten für Asphalt-Allergiker auch in Deutschland zukaufen, auf Wunsch auch mit Straßenzulassung. Christoph Ziems aus Dobbin-Linstow in Mecklenburg verleiht sie sogar. Und hat ein Gelände zum Ausprobieren gleich um die Ecke. Da biegt dieser 8x8 jetzt ein. Richtung Ziel und dann immer nur geradeaus. Neulinge brauchen ein paar Meter, um sich an diesen offroadigsten aller Offroader zu gewöhnen. Mit knapp 40 Sachen bockt der Argo über Steinchen und kleine Erdhäufchen hinweg. Eine Federung gibt es nicht, das Walken der Reifen muss die gröbsten Stöße auffangen. Die daumendicken Ketten unter der dünnen Bodenabdeckung mahlen und surren lautstark, die Variomatik heult, und das Ding fährt dauernd zickzack. Eine echte Lenkung gibt es nämlich nicht. Eine Art Motorradlenker überträgt Richtungswünsche auf zwei Hydraulik-Bremszylinder. Entweder wird dabei die gesamte rechte Antriebsseite verzögert – und der Argo dreht sich dann auch in diese Richtung. Oder umgekehrt. Jedoch nie sauber dazwischen. Fühlt sich jedenfalls so an.
Während Jan also Spaß auf dem Große-Kinder-Spielplatz hat, versucht Kollege Hauke im Turbo-Porsche vor auf ihm ins Ziel zu kommen. Dafür hat er zwar 420 PS mehr unter der Haube, muss aber den Umweg über Landstraßen, kleine Ortschaften und ein Stück der A 19 nehmen. Rund 18 Kilometer. Die Straßen hier sind topfeben, und Staus hat es hier noch nie gegeben. Auch die Autobahn ist heute frei und ohne Tempolimit. Die neun Kilometer zwischen den Anschlussstellen Linstow und Krakow am See fliegen mit einem Tritt aufs Gas einfach so vorbei.

Der GTS bereitet seinem Fahrer gehörigen Fahrspaß

Spaßgerät für glatte Pisten: Wer das Glück hat, einen GTS zu pilotieren, genießt Porsche pur.

Aber macht das Spaß? Zugegeben, ja. Doch, schon. Aber sicher weniger als jetzt in einem Offoad-Cabrio in einen See zu fahren. Dann beginnt es zu regnen. Also Fuß vom Gas, während Jan von oben und unten nass wird und dabei laut lacht. Im Porsche kann man sein eigenes Lachen kaum hören. Im Dörfchen Zietlitz drehen sich die Leute um nach dem Porsche. Schwer zu sagen, ob in Bewunderung oder mit Abscheu. An der einzigen Kreuzung packen die Keramikbremsen zu, die mit 8508,50 Euro so teuer sind wie ein halber Argo. Der Abstandsregeltempostat kostet noch mal zwei große Scheine. Hätte der Argo so was, das Ding würde jetzt Alarm schlagen, denn Jan fährt direkt auf einen Baumstamm zu. Und zwar schräg von vorn. Schon greift das erste der acht 12 Zoll kleinen und extrem weichen (1,2 Bar Druck) Gummirädchen nach der Rinde und knabbert sich am Rundholz hoch. Wie eine Weichschnecke knautscht sich der Argo drüber weg. Kiefern? Kinderkram! Weiter geht’s auf die zugewucherte Senke zu. Sofort taucht der 8x8 in die grüne Kuhle ab. Ein Dschungel aus Wicken. Argo malmt die Botanik einfach über den Haufen. Die Sträucher biegen sich unter dem glatten Bauch hindurch.

Trotz 420 PS Leistungsvorsprung hat der Elfer keine Chance

Klare Sache: Querfeldein ist der Argo schneller am Ziel als der Supersportler über öffentliche Straßen.

Jetzt nimmt sich der Argo den Kieshang vor. Bei nur rund 75 Kilogramm Radlast sinkt das Gefährt nicht sonderlich ein, rollt quasi unbekümmert über den Sandhaufen. Bergab ist eine Mutsache. Nur die linke Handbremse (ein Hebelchen wie bei einem Mountainbike) verzögert die Fuhre. Argo und Jan schaben direkt auf die kleine Böschung zu, dahinter ein Tümpel. Platsch. Mit Schmackes wirft sich der Plastikkarren in die See. Leicht frontlastig und mit Schräglage dümpelt das Amphibiengefährt in der Teichmitte. Vollgas – jedes der acht Rädchen legt sich nun in die Riemen, das Profil verdrängt tatsächlich genug Wasser, um auf gut zwei Knoten Marschfahrt zu paddeln. Tropfend wühlt er sich durch das Schilf an Land. Im Ziel wartet Jan an den Argo gelehnt auf seinen Gegner im Supersportwagen. "Hab schon gedacht, du hast dich verfahren." "Ich hab doch das Porsche Vehicle Tracking System Plus an Bord." Jan grinst. "Ich hab ein Null-Euro-System an Bord. Ich bin der auf der Luftlinie." Und der Schnellere sowieso. Denn heute gewinnt Mittendurch gegen Außenrum.
Technische Daten Argo Avenger 8x8 S:Motor: V2-Benziner • Hubraum: 747 cm³ • Leistung 22 kW (30 PS) • Vmax: 32 km/h (Land), 4 km/h (Wasser) • Antrieb: Allrad, CVT-Riemengetriebe • Tankinhalt: 32 l • L/B/H: 3023/1524/1080 mm • Leergewicht: 547 kg • Anhängelast: 818 kg • Reifen: Argo AT 189 25x12.00-9 • Verbrauch: ca. 3 l Benzin/Std. • Preis: ab ca. 17.000 Euro
Technische Daten Porsche Carrera 4 GTS PDK: • Motor: Sechszylinder-Boxer, Biturbo, hinten längs • Hubraum: 2981 cm³ • Leistung: 331 kW (450 PS) bei 6500/min • max. Drehmoment: 550 Nm • Vmax: 308 km/h • 0–100 km/h: 3,6 s • Antrieb: Allrad, Siebengang-PDK • Tank: 67 l • L/B/H: 4528/1852/1284 mm • Kofferraum: 125 l • Leergewicht: 1590 kg • EU-Mix: 8,5 l SP/100 km • Abgas CO2: 192 g/km • Preis: ab 137.279 Euro
Jan Horn

Jan Horn

Fazit

Ein Porsche ist nix für die Pampa – klar. Aber was der Argo mit seinen vier angetriebenen Achsen im Gelände leistet, macht nicht nur riesig Spaß – der Kanadier schlägt den deutschen Asphalt-Cowboy sogar beim Wettrennen. Wir fangen schon mal mit Sparen an.

Autoren: Jan Horn, Hauke Schrieber

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