Audi A6 Avant im 100.000-km-Dauertest

Audi A6 Avant 2.7 TDI im 100.000-km-Dauertest Audi A6 Avant 2.7 TDI im 100.000-km-Dauertest

Audi A6 Avant im 100.000-km-Dauertest

— 10.07.2007

Hält er Deutschlands Fahne hoch?

Premiumqualität zu Premiumpreisen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber leider nicht immer. Über 100.000 Kilometer wollte der Audi A6 Avant beweisen, dass es noch Qualität made in Germany gibt.

Manchmal geht die Fantasie mit unsere Redakteuren durch. "Wenn du mal schnell nach Timbuktu musst ...", notiert Test-Kollege Manfred Klangwald am 6. März 2006 flapsig im grünen Bordbuch, "... dann nimm dieses Auto." Die Wüstenregion im Norden Malis hat unser Audi A6 Avant 2.7 TDI während seines Dauerlaufs zwar nicht gesehen, aber es sind gerade Sätze wie diese, die aus einem schlichten Büchlein für Technik-Kommentare ein Poesiealbum der Straße machen. Eine Auto-Biografie, spontan notiert, ungefiltert. Wer wirklich etwas über den Charakter des schicken Kombis wissen will, muss in den Seiten blättern, sie lesen, auch zwischen den Zeilen. 100.000 Kilometer lassen sich hier mit Zeigefinger und Auge nachfahren. Wir springen zurück, Juli 2005. Schwer bepackt und mit Extras im Werte von fast 17.000 Euro an Bord geht der 56.380 Euro teure A6 auf seine Jungfernfahrt.

Ab in den Süden. "Konzeptionell der perfekte Reisewagen", lautet der erste Eintrag. "Sparsam, leise, handlich, komfortabel", urteilt Kollege Diether Rodatz knapp und unterstreicht fett das folgende Aber. " ... aber die Traktion ist Mist. Beim zügigen Anfahren auf nasser Straße drehen sofort die Vorderräder durch. Und den Regensensor kannst du auch vergessen. Der spinnt total, gibt den Wischbefehl schon, wenn sie im Radio Regen vorhersagen."

Haben Audi-Ingenieure eigentlich keine Kinder?

Prächtig: In die Ladehöhle passen bis zu 1660 Liter Gepäck hinein.

Zumindest den Sensor hat Audi mittlerweile besser abgestimmt. Gegen durchdrehende und im Zeitraffer verschleißende Gummis hilft weiter nur die Allwetterwaffe quattro. Den Allradantrieb wählen bereits 56,6 Prozent der A6-Avant-Kunden. Aus gutem Grund. Wenn wir jetzt weiterblättern, erfahren wir eine Menge über den Avant-Alltag und warum sich fast 70 Prozent aller Käufer für den Kombi entscheiden. Eben weil sich der Laderaum prima nutzen lässt und die Ablage unterm Ladeboden viel zusätzlichen Kleinkram schluckt. Weil der hochstellbare Boden hilft, Einkäufe zu fixieren, und sich die Lehnen ruck, zuck umlegen lassen. Wir lernen auch, dass man sich die 535 Euro für eine elektrische Heckklappe sparen kann, weil die eh öfters stockt, viel zu langsam ist, eher lästig als nützlich ist.

Wir registrieren, dass Audi statt des Ersatzreifens Tirefit samt Kompressor reinpackt, allerdings beides im zweiten Untergeschoss des Kofferraums versteckt ("Viel Spaß bei einer Panne mit vollbeladenem Auto ..."). Auch die zu tiefen Gurtschlösser der Rückbank, die das Anschnallen von Kindersitzen zur Qual machen, finden zügig ihren Weg ins Bordbuch ("Haben Audi-Ingenieure keine Kinder?"). Ebenso der elektrische Fensterheber vorn links, der schon frühzeitig rumzickt. Heute wissen wir: Dreck auf der Schalterplatine war schuld. Audi hat die Konstruktion inzwischen geändert.

"Ein absoluter Erste-Sahne-Diesel"

Gänzlich ohne Klagen aber kommt der 180 PS starke 2,7-Liter-V6 über die Runden. "Ein absoluter Erste-Sahne-Diesel. Kräftig, spontan und richtig schnell", schwärmt Jan Horn im Bordbuch, "wer braucht da noch einen Benziner?" Keiner. Nach anfänglichem Grummeln verstummt der TDI (Partikelfilter serienmäßig) rasch, rennt auf der Bahn Tacho 240 km/h (das sind echte 225) und schluckt zwischen sechs und zehn Liter. Je nach Fahrweise. Das größte Lob aber fährt der Diesel quasi posthum ein. Bei der Zerlegung. Der Experte vom DEKRA attestiert: "Der sieht ja aus, als wäre er gerade mal warmgefahren worden." Es dauert fast drei Monate, bis es das erste Mal knirscht zwischen Redakteuren und A6. Den Ärger kann man hören. "Hässliches Knarzen bei schnellem Schalten. Das Getriebe ist bald hin", sagt Testprofi Dirk Branke voraus. Das befürchten auch die Spezialisten vom Getriebezulieferer Getrag und entscheiden entsprechend schnell: komplett wechseln. Ein teurer Garantiefall für Audi. Ein unnötiger zudem. Die spätere Analyse ergibt, dass lediglich die Synchronisierung des dritten Ganges defekt war. Grund: Schaltfehler? Materialschwäche? Ursache unklar.

Neues Getriebe, altes Leiden. Das Knarzen verschwindet, die schlechte Schaltbarkeit bleibt. Sorry, Audi, aber das ist nicht premium, das ist schlecht. Kein Wunder, dass mit jedem Kilometer der Wunsch nach einer Automatik wächst. Zumal die "zum entspannten Charakter des Reisemobils" (Redakteur Jörg Maltzan) viel besser passt. Denn wenn der A6 Avant etwas kann, dann in aller Ruhe Kilometer fressen. Der Vorderachse haben die Ingolstädter das nervige Trampeln auf Querfugen nahezu ausgetrieben. Auch Abroll- und Windgeräusche sind im Vergleich zum Vorgänger nochmals leiser geworden. Der Federungskomfort liegt irgendwo zwischen sportlichem 5er-BMW und entspannter E-Klasse, die Lenkpräzision fühlt sich deutlich nach BMW an. Nur der große Wendekreis von 12,1 Metern macht das Rangieren mit dem Avant unnötig anstrengend. Übrigens: Wer Geld sparen möchte, verzichtet auf die adaptive Federung des Testwagens (1950 Euro). Die Serienabstimmung erreicht bereits einen sehr akzeptablen Kompromiss.

Premium-Kundschaft: Jungmanager mit gutem Einkommen

Muss sie auch. Schließlich sitzen im A6 viele Umsteiger – gerade von BMW und Mercedes. Die Eroberungsrate von 46 Prozent ist enorm hoch, viel höher als bei der Konkurrenz. In Zeiten schwindender Markenloyalität hat Audi gekonnt die Wechselwilligen und Enttäuschten abgefischt.

Viele Umsteiger entscheiden sich für den A6.

Vor allem dort, wo es den anderen wehtut: bei den Entscheidungsträgern mit Dienstwagen-Anspruch, den Jungmanagern mit gutem Einkommen. Bei denen punktet der A6 erfolgreicher als 5er-BMW und Mercedes E-Klasse. Diese Kunden gilt es langfristig zu binden. Mit Qualität, mit Zuverlässigkeit. Beim aktuellen A6 scheint Audi das zu gelingen. Besser jedenfalls als beim Vorgänger. Das vermeintliche Qualitätswunder haben die AUTO BILD-Leser im Kummerkasten längst entzaubert. Gegenwärtig herrscht aber einigermaßen Ruhe im Mecker-Karton. Kaum Zuschriften zum A6, deutlich weniger Klagen.

Das Navi bringt Audi aus der Spur

Auch die Pannenstatistik unseres Dauerläufers liest sich gut. Keine Ausfälle, nur ein unplanmäßiger Werkstattaufenthalt. Und der verhindert letztlich, dass der A6 unter den Top Five der Zuverlässigkeits-Rangliste landet. Ausgerechnet das Navigationssystem sorgt dafür, dass Audi in puncto Qualität kurzzeitig die Orientierung verliert. Immer wieder spinnt der Pfadfinder. "Mein Weg zur Arbeit ist heute 523 Kilometer lang", notiert ein Kollege süffisant im Fahrtenbuch, "komme etwas später ..." Bei Tachostand 40.843 reicht es uns.

Ab in die Werkstatt. Die tauscht erst die Antenne, dann das Steuergerät. Bis Tachostand 93.978 bleibt das Navigationssystem in der Spur – bis es wieder Unsinn erzählt. Erneut ist das Steuergerät hin – aber Audi weiß jetzt zumindest, warum. Ein gebrochener Schlauch für die Heckscheibenwaschdüse ließ Wasser auf die sensible Elektronikbox tropfen. Inzwischen wird der Schlauch zusätzlich ummantelt. Damit der A6 auch in Zukunft seinen Weg macht. Womöglich bis nach Timbuktu.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Tomas Hirschberger

Auf dem Weg zur etablierten Premiummarke setzt dieser Dauertest ein Ausrufezeichen hinter den Namen Audi. Der A6 Avant hat seine Sache gut gemacht. Was wir angesichts des Preises auch erwarten dürfen. Perfekt war die Vorstellung noch nicht. Patzer wie der zweifache Austausch des Navi-Steuergerätes nerven und verhageln zudem eine bessere Bilanz in der Zuverlässigkeitswertung (sonst wäre es eine glatte Zwei). In der Sympathiewertung hat der große Audi den Sprung nach vorn bereits vollzogen. Selten gab es für einen Dauerläufer im Bordbuch so viel Lob.

Autoren: Tomas Hirschberger, Manfred Klangwald

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