Bilder: Designvergleich Audi A7/BMW 6er Gran Coupé

Audi A7/BMW 6er Gran Coupé

— 19.12.2011

Zwei schöne Schwindler

Das sollen Coupés sein? Nein, das neue BMW 6er Gran Coupé und der Audi A7 beherrschen die Verführung durch die Hintertür. Wir bitten Design-Professor Paolo Tumminelli um sein Experten-Urteil.

Paolo Tumminelli* steht zwischen Audi A7 und dem neuen BMW 6er Gran Coupé, redet mit den Händen, den Augen und lächelt in sich hinein. "Ich finde", sagt der Professor für Automobildesign, "das sind ganz unterschiedliche Autos!" Wie bitte? Da glänzen zwei Renommierschiffe der Fünf-Meter-Klasse, beide viertürig und zufällig im angesagten Braunton – das sollen keine Konkurrenten sein? Braucht der Mann eine neue Brille? Oder will er provozieren? Aber genau für dieses Urteil haben wir ihn ja eingeladen. Unser Gastgeber beim ersten Fototermin ist also das Gran Coupé, das erste viertürige Coupé der Münchener und die logische Antwort auf den Trend, den der Mercedes CLS 2004 eingeleitet hat: die automobile Verführung durch die Hintertür. Hier einmal schnell alles Wissenswerte für den nächsten Stammtisch im Tennisklub: Der neue BMW ist elf Zentimeter länger als ein 5er, aber 72 Millimeter flacher und noch 4800 Euro teurer als das gleich starke 6er Coupé, das nur zwei Türen hat.

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Video: BMW 6er Gran Coupé

BMW-Antwort auf den CLS

Wer da nicht mehr durchblickt, sagt einfach: Das Gran Coupé ist der schönste 5er, was Paolo Tumminelli sofort bestätigt. "Eine bildhübsche Limousine", so unser Kritiker. "BMW hat derzeit die wohl gelungensten Proportionen: Wie die Länge der Motorhaube zum verglasten Aufbau passt, dazu das flache Dach und das kurze, aber klar abgegrenzte Heck – das ist perfekt und kommt dem Traum von einer Limousine sehr nahe. Mich erinnert das an den Jaguar Mk II." Das Lob werden sie in München gern hören, aber wieso Limousine? "Das sind keine Coupés. Ich sitze nicht sportlich flach und tief, schauen Sie nur mal hier: Die vordere und hintere Tür sind fast gleich lang, weil der Fond viel Platz bekommt. Nein, nein, die Hersteller sollten aufhören, uns mit Marketing- und Designtricks diese zweifellos schönen Autos als Coupés zu verkaufen. Beides sind Limousinen mit mehr Sex-Appeal. Basta!" Moment mal, und wo stecken dann die Tricks? Am Gran Coupé deutet er auf den glänzenden Fensterrahmen, "in einem Stück und damit viel teurer herzustellen als die geteilte Blende am Audi", wie Tumminelli betont. Aber hinten läuft der Rahmen über den eigentlichen Türausschnitt hinaus, um eine gestrecktere Linie vorzutäuschen. Das ist so ein Trick. Das hinterm Glas entstandene Dreieck kaschiert nun ein Deckel mit dem Schriftzug Gran Coupé.

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Video: Audi A7 3.0 TFSI

Schön und praktisch?

Das matte "Frozen Bronze" am BMW, ein Exklusivlack für den Neuling, betont wirklich jede Falte, jede Sicke. Tumminelli geht ums Auto herum und findet das Gesicht "zu unentschlossen: "Es ist weder elegant noch aggressiv, da haben der 5er oder der neue 3er mit ihrer kleineren Niere einfach mehr Schlagkraft. Und diese Fuge", er zeigt auf die vordere Kante der Motorhaube, die quer über dem Propeller verläuft, "wirkt wie nachträglich angebracht." Der Audi dagegen erscheint ihm konsequenter mit den (unvermeidlich) böse guckenden Augen und seinen Fugen, die gefälliger in die Form integriert sind. "Ein bulliger, beeindruckender Vorderwagen, doch hinten wird der A7 fast bescheiden. Die konkaven Flanken hinterm Radhaus wirken leicht und elegant abgemagert, das Heck pfeift auf die Keilform und fällt mutig nach unten ab." Den Nachteil kennt der Professor natürlich: Erst der ausfahrbare Spoiler bewirkt genug Anpressdruck bei einem 250-km/h-Geschoss wie die sem 3.0 TFSI. Ganz anders der BMW, an dem Designkniffe den hohen Spoiler geschickt integrieren und mit breiten, ausladenden "bayerischen Hüften" (O-Ton Tumminelli) versöhnen. "Ein kleines Meisterwerk, da wird das Gran Coupé zum imponierenden Flaggschiff."

Als wir einsteigen, betont unser Kritiker: "Ich bin Funktionalist." Warum sagt er das jetzt? "Wäre ja schön, wenn sich die äußere Größe innen widerspiegeln würde. Doch vermutlich hat der BMW nicht mal 20 Prozent mehr Platz als ein 3er." Um den Fahrer herum schwingt sich ein monströser Cockpitbogen wie auf einer Motorjacht, der Beifahrer kriegt von der imponierenden Breite nur peinlich wenig ab. "Aber man kann Design nur kritisieren, wenn man die Absichten dahinter kennt: Kleinere Japaner oder Chinesen werden hier perfekt hineinpassen." Einspruch, Herr Tumminelli: Unter den angepeilten Zielmärkten macht Asien nicht mal 20 Prozent aus, über die Hälfte aller Gran Coupés geht an Amis, Deutsche und Russen. Und die bekommen das flachste Dach in dieser Klasse, wie BMW gern betont, im Fond hautnah zu spüren. Auch die 4+1-Rückbank (mit zusätzlichem Mittelsitz) entpuppt sich als Mogelpaket: Wer in der Mitte Platz nimmt, hat die ausladende Mittelkonsole zwischen den Beinen. Bleibt bei der Wahrheit: Das Gran Coupé ist ein Viersitzer, Ende.

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Einfach größer: Wenn es um Praxisnutzen geht, dann führt kein Weg am Audi A7 vorbei.

Alles andere wirkt wie die peinliche Profilsucht eines Neuankömmlings. Oder sollen mit dem (falschen) Versprechen etwa zahlungskräftige 5er-Kunden geködert werden? Die Limousine ist ausstattungsbereinigt rund 12 000 Euro günstiger. Um wie viel praktischer und sachlicher erweist sich dagegen der A7. Da wenden sich klare, technisch anmutende Instrumente dem Fahrer zu, "der Audi erscheint auf erfreuliche Weise traditionell und ohne Übertreibung", sagt Tumminelli. "Da finde ich viel von früheren BMW-Modellen." Auch das eigenständige Heck hat drinnen zahlreiche Vorteile. Etwa den, dass einem hinten im Fond nicht der Himmel auf den Kopf fällt. Dazu kommt der größere, variablere Kofferraum im Hobby-Weinschmuggel-Format von bis zu 1390 Litern. "Das Schrägheck ist einfach die intelligentere und nützlichere Lösung", so Tumminelli. Da spricht er wieder, der Funktionalist. "Deshalb glaube ich auch nicht, dass sich Käufer zwischen dem BMW und dem Audi entscheiden werden. Das 6er Gran Coupé steht viel näher am Mercedes CLS." Aber ob die Käufer da so genau hinschauen werden wie unser Experte? Danke, Signor Tumminelli.

*Paolo Tumminelli (46) arbeitete bei Alfa Romeo, Momo und Rosenthal, bevor er "Goodbrands" gründete, eine Firma, die über das Design hinaus die Automobilität von morgen erforscht. Der Publizist lehrt auch als Professor an der Köln International School of Design.
Joachim Staat

Joachim Staat

Fazit

Auf den Markt der schönen Viertürer kommt BMW spät, aber beeindruckend. Das Gran Coupé ist das schönste Auto auf 5er-Basis, der 7er wird als Flaggschiff leiden. Trotz aller Design-Unterschiede: Natürlich sind A7 und Gran Coupé ab Juni 2012 Gegner – wenn Autofreunde ihr deutsches Traumauto küren.

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