Audi RS 6 gegen Porsche Turbo

Audi RS 6 Audi RS 6

Audi RS 6 gegen Porsche Turbo

— 18.06.2002

Audi RS 6 - mehr als ein Porsche Turbo

Mehr PS, mehr Hubraum, mehr Platz: Der neue Kraftprotz aus Neckarsulm ist wieder ein atemberaubender Kombi mit hohem Nutzwert. Aber dem Porsche gehört das Sportler-Image.

Der ideale Porsche für den Papa

Wenn vom Turbo die Rede ist, heißt dies traditionell Porsche. Das edelste Pferd im Zuffenhausener Stall, eben "der Turbo", ist mittlerweile Mitglied im Club 300, jener elitären automobilen Minderheit, die sich nicht großartig anstrengen muss, die magische Grenze von 300 km/h zu überschreiten. Dazu bedurfte es beim Porsche potenter 420 PS, die der Turbo seit zwei Jahren im Kreuz trägt, mobilisiert - wie sollte es anders sein? - noch immer von einem Sechszylinder-Boxer.

Was aber fällt uns ein bei dem Wort Biturbo? Kenner der Szene werden da vielleicht an Maserati oder Alpina denken oder neuerdings auch an den dicken Maybach (kommt im Oktober). Aber ausgerechnet Audi? Richtig, Audi. Und zwar nicht zum ersten Mal. Die quattro GmbH (eine 100-Prozent-Tochter von Audi) ist Wiederholungstäter. Bereits 1999 schickte sie einen ultrastarken A4 Avant mit einem V6-Biturbo und 380 PS auf die Straße, der so manchen Porsche in Verlegenheit brachte. Sein Name: RS 4.

Doch nun kommt der absolute Hammer, der Superkombi schlecht hin, bestückt mit einem 4,2-Liter-V8-Biturbo, der es so faustdick in den Zylindern hat, dass, sobald man ausgestiegen ist, nur noch ein "Wahnsinn" oder "Mehr geht nicht" herausstammelt. Ein paar Daten gefällig? 450 PS, 560 Newtonmeter Drehmoment, in 4,7 Sekunden auf hundert, 17,8 auf zweihundert. Das sind gemeinhin Werte von Supersportwagen, aber nicht die einer braven Limousine oder eines Kombis. Somit wäre der RS 6 eigentlich der ideale Porsche für den Papa. Sogar an Isofix-Befestigungen für die Kindersitze hat Audi gedacht.

Willkommen im 300-km/h-Club

Der Turbo ist dagegen alles andere als familienfreundlich, ist eben "nur" eine tolle Fahrmaschine, mit einer Leistungsentfaltung, die süchtig machen kann. Ein rassiger Sportwagen, der sich mit dem Heck in den Asphalt krallt, leicht und handlich zu fahren ist und Schub ohne Ende bietet. Gemacht für die Bahn, für die Autobahn, am besten frühmorgens am Sonntag, wenn Deutschland noch in den Federn liegt und die Trucker Zwangspause haben. Die Landschaft fliegt vorbei, vom Boxermotor im Heck ist nur noch ein leichtes Rauschen wahrzunehmen.

Bei Tempo 250 km/h, wo bei anderen Schluss ist, darf im Turbo noch einmal geschaltet werden. Sechster Gang. Porsche hat Mitte der Achtziger nicht mitunterschrieben, als es um die freiwillige Selbstbeschränkung der deutschen Autohersteller ging. Also: 270, 280, die Nadel klettert weiter. Im Extradisplay des Turbo-Tachos steht schließlich eine 305. Jetzt heißt es volle Konzentration, die Mittelstriche verschwinden schneller unterm Wagenboden als Spaghetti im Kindermund. Und der Turbo erfordert eine kundige Hand, benötigt immer wieder leichte Korrekturen am Lenkrad.

Ich frage mich gerade, wie sich wohl Rudolf Caracciola gefühlt haben muss, 1938 zwischen Frankfurt und Darmstadt, als er in einem Mercedes den nie wieder erreichten Rekord (auf öffentlichen Straßen) von 432,692 km/h aufstellte. Man führe sich nur dieses primitive Fahrwerk vor Augen. Ihm seien, erzählte er später, die Autobahnbrücken wie Nadelöhre, die Straße schmal wie ein Melkweg vorgekommen.

Das Gefühl fürs Tempo geht verloren

Im RS 6 läuft dies alles sehr viel entspannter ab, die Handflächen bleiben trocken. Kein Wunder, Audi regelt bei 250 km/h ab. Klar, man kann immer argumentieren, das reiche bei unseren Verkehrsverhältnissen. Aber wenn dann mal frei ist, fühlt man sich schon beschnitten (allein, weil man viel Geld dafür bezahlt hat), denn der V8-Biturbo könnte den A6 Avant ebenfalls locker auf über 300 bringen. Und es hieße: Willkommen im Club.

Doch die fehlende Highspeed-Adrenalin-Ausschüttung ersetzen die unglaubliche Kraft und die Ausgewogenheit, mit der der RS 6 zu Werke geht. Bereits kurz über Leerlaufdrehzahl (ab 1950/min) stehen die vollen 560 Newtonmeter Drehmoment an, die bis 5600/min nicht abfallen. Das heißt, die Nm-Kurve ist keine Kurve, sondern flach wie der Tafelberg in Kapstadt.

Werner Frowein, Geschäftsführer der quattro GmbH, gibt den Grund an: "Optimale Abstimmung von Turbinen und Verdichter in den beiden Turboladern, dazu die richtige Regelung von Ladedruck und Zündwinkel." Wir können nur sagen: perfekte Arbeit. Somit wird es fast schon nebensächlich, dass der RS 6 knapp 1,9 Tonnen wiegt oder in welchem Gang (Bedienung auch am Lenkrad über Schaltwippen) er sich gerade befindet. Elastizität und Beschleunigung sind so gewaltig, dass sie für jeden Normal-Autofahrer schlichtweg nicht mehr vorstellbar sind.

Das Fatale: Das Gefühl fürs Tempo geht restlos verloren, wie übrigens auch im Porsche. 150 sind höchstens gefühlte 100 km/h. Wer nicht ständig diszipliniert auf den Tacho schaut, riskiert seinen Führerschein. Besonders auf kurvenreichen Landstraßen, wo beide enorm viel Fahrfreude bereiten. Denn sobald man merkt, wie herrlich die allradangetriebenen Wagen auf dem Asphalt liegen und wie viel Spaß das Herausbeschleunigen aus den Ecken macht, ist die StVO längst überschritten.

Porsche: Im Überholprestige unschlagbar

Wer unmittelbar umsteigt vom Turbo in den Audi, glaubt anfangs, hoch in einer weichen Limousine zu sitzen. Doch in Wirklichkeit ist der RS 6 sportlich abgestimmt, baut hohe Querbeschleunigungen auf, ist aber auf Unebenheiten genügend komfortabel.

Ein Paradoxon? Keineswegs. Eigentlich der ideale Kompromiss. Dafür ließen sich die Audi-Techniker einen simplen Trick einfallen. Diagonal sind die Stoßdämpfer per Ölleitung und spezielles Regelventil miteinander verbunden. Taucht der Vorderwagen in einer scharf gefahrenen Kurve beispielsweise vorn links ein, hebt der RS hinten rechts nicht das Bein, sondern bleibt satt am Boden. Das Wanken wird also so deutlich reduziert, und dies geschieht, trotz aller modernen Sensorik und Elektronik, auf rein mechanischem Wege. Das Ganze heißt DRC (Dynamic Ride Control) und stammt ursprünglich von Yamaha, die sich dieses Prinzip einmal für Motorräder ausgedacht haben.

Geht es um den alltäglichen Nutzen, gewinnt der Audi natürlich mit Abstand. Er verdaut locker fünf Personen mit Gepäck, der Turbo gerade mal die Freundin mit Kosmetik-Köfferchen. Auch in der Stadt zieht der Porsche klar den Kürzeren. Schon allein wegen der Tiptronic, mit der der Audi ab Werk ausgestattet ist. Stop-and-go mag der Turbo nicht, das ständige Aus- und Einkuppeln nervt. Empfehlung: Tiptronic wählen. Kostet zwar 2475 Euro extra, ist die Sache aber wert.

Der gelbe Renner aus Zuffenhausen bügelt den Neckarsulmer (dort wird der RS 6 gebaut) nur dann gnadenlos ab, wenn es um das Überholprestige geht. Das Porsche-Gesicht hat ein jeder schon im Rückspiegel gehabt. Es bedarf praktisch nie der Lichthupe, die Leute machen respektvoll Platz, wohl wissend, da hinter mir ist jemand, der hat dreimal so viel PS und bestimmt dreimal so viel ausgegeben wie ich, lass ihn also ziehen.

Der Audi tut sich da schwerer. Trotz gestylter Front, dicker Kotflügel - er gibt sich dezent. Und dies ist gut so. Krawall-Optik steht ihm nicht. Das Zurückhaltende macht ihn sympathisch. Mit ihm könnte man getrost seine neue Freundin zum ersten Date abholen, ohne dass sie gleich denkt "Ach du Schande!".

Fazit und Technische Daten

Über den Verbrauch wollen wir uns lieber nicht auslassen. Nur zur Information: 18 bis 20 Liter jagen beide durch. Niemand soll denken, 420 bzw. 450 PS und 1,7 bzw. 1,9 Tonnen kämen mit zehn Litern über die Runden. Und überhaupt: Wer sich diese Autos leisten kann, verschwendet keine Gedanken an den einen Liter mehr oder weniger. Für ihn zählen die Fahrleistungen.

Und natürlich der Sound. Beide, die Porsche-Ingenieure und die Spezialisten der quattro GmbH, haben auch hier Toparbeit abgeliefert. Der Turbo hat nach wie vor seinen typischen Porsche-Klang, der RS 6 klingt wie eine Corvette: satt, grollend, aber nie zu aufdringlich.

Dass die beiden der Preis eines Audi TT (etwa 32000 Euro) trennt, könnte selbst so manchen Porsche-Freak stutzig machen. Spätestens wenn Familienzuwachs auf dem Plan steht, ist der Audi RS 6 der konkurrenzlose Sportwagen. Das Einzige, was ihm wirklich fehlt: Er ist kein Porsche.

Technische Daten Audi RS6 V8-Zylinder • fünf Ventile pro Zylinder • Biturbo• je zwei oben liegende Nockenwellen (DOHC)• Hubraum 4172 cm3 • Leistung 331 kW (450 PS) bei 5700 bis 6400/min, max. Drehmoment 560 Nm bei 1950 bis 5600/min • permanenter Allradantrieb • Fünfgang-Tiptronic• Einzelradaufhängung vorn und hinten • Kofferraumvolumen 455 Liter (1590 bei umgeklappter Rückbank) • Tankinhalt 82 Liter • Länge/Breite/Höhe 4852/1850/ 1452 mm • Reifen 255/40 R 18 auf 8,5 J x 18 • Leergewicht 1880 kg • Spitze 250 km/h• Beschleunigung 0-100 km/h 4,7 s, 0-200 km/h 17,8 s • Verbrauch 14,6 l Super plus (Werksangaben) • Preis 88.600 Euro

Technische Daten Porsche Turbo Sechszylinder-Boxermotor • vier Ventile pro Zylinder • Biturbo• je zwei oben liegende Nockenwellen (DOHC)• Hubraum 3600 cm3 • Leistung 309 kW (420 PS) bei 6000/min, max. Drehmoment 560 Nm bei 2700/min • permanenter Allrad- antrieb • Sechsgang-Schaltgetriebe • Einzelradaufhängung vorn u. hinten • vier innenbel., gelochte Scheibenbremsen, Kofferraum 100 Liter • Tank 64 Liter • Länge/Breite/Höhe 4435/1830/1295 mm • Reifen 225/40 vorn, 295/30 R 18 hinten • Leergewicht 1540 kg • Spitze 305 km/h • Beschleunigung 0-100 km/h 4,2 s, 0-200 km/h 15,2 s • Verbrauch 12,9 l Super plus (Werksangaben) • Preis 124.932 Euro

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