Audi RS4 gegen Abt AS4 R

Audi RS4 gegen Abt AS4 R

— 18.04.2006

Druck oder Drehzahl?

Zeitenwende: Mit dem 420 PS starken Audi RS4 setzt Ingolstadt erstmals auf Drehzahl statt Ladedruck. Haustuner Abt hlt mit den 480 PS des AS4 R dagegen.

Der erste Audi RS ohne Turbolader

Es gibt eine Spezies von Menschen, die sich Audianer nennt. Hier handelt es sich um eine Minderheit, die sich nur schwer identifizieren lt, da sie uerlich kaum auffllt. Erst unter dem Mikroskop finden sich nhere Hinweise auf ihren Charakter. Denn zu ihrem Erbgut zhlt neben den blichen Bausteinen noch ein weiterer mit dem Namen RS. Hier handelt es sich um ein ganz spezielles Gen, das als Ursache fr die Hingabe zu heftigst motorisierten Automobilen gilt. Das Verlangen danach stillt das Werk seit 1994 durch ebenso brenstarke wie dezente Kombinationskraftwagen mit Turbomotoren.

Doch die Zeiten ndern sich, Mutationen treiben die Evolution unaufhrlich voran. 2002 debtierte bei Audi die erste Limousine in RS-Gestalt. Zweite und jngste Evolution: Ab sofort sind Saugmotoren angesagt, der Turbolader gehrt der Vergangenheit an. Zumindest wenn es nach dem Willen der Modellstrategen geht. Die RS-Fans sind entsetzt. Kein brachialer Ladereinsatz mehr, kein Drehmoment-Gebirge und kein atemberaubender Abschu? Nein, nicht mehr in dieser Form. Doch keine Bange, die Ingolstdter haben ein V8-Aggregat entwickelt, das selbst dem eingefleischtesten Turbo-Freak eine Gnsehaut beschert: 420 PS, die erstmals seit Einfhrung der RS-Modelle nicht mehr ber den Ladedruck, sondern ber die Drehzahl generiert werden.

Und dazu eine zweite, offensichtliche nderung: Den RS4 gibt es jetzt mit Stufenheck, als Kombi und auf Wunsch sogar ganz oben ohne. Audianer, was willst Du mehr? Die RS-Gemeinde beobachtet den Prinzipien-Wandel skeptisch. Aus gutem Grund, denn der Tuning-Gilde ist ein gewaltiger Vorteil abhanden gekommen. Bei keinem anderen Motorenkonzept lt sich mit so bersichtlichem Aufwand ein derart groer Leistungszuwachs herauszaubern wie aus einem Turbo-Aggregat. Und nun also der Sauger. Ist der Neue besser als der wohlbekannte Turbo-Tuninghammer?

Preise und Tuningmanahmen

Um zu klren, wer denn nun der wahre Herr im Haus der vier Ringe ist, entsandten wir einen Abt AS4 R und einen RS4 auf unsere Hauspiste in Oschersleben. 2,7 gegen 4,2 Liter Hubraum, 480 Turbo- gegen 420 Sauger-PS, 180 gegen 101 PS Literleistung solche Eckdaten erfordern ein geeignetes Geluf, um angemessen bewertet werden zu knnen. Betrachten wir zunchst den RS4: Geweitete Radlufe, grere Lufteinlsse, zustzliche Khlffnungen fr die Bremsen und eine Abrikante auf dem Kofferraumdeckel unterscheiden ihn von seinen schwcheren Kollegen. Keinerlei Effekthascherei, alles strikt zweckorientiert.

Fr den Innenraum gilt das leider nur eingeschrnkt. Zwar wird man eine przisere Verarbeitung und bessere Sitze lange suchen mssen. Aber das unten abgeflachte Lenkrad macht vielleicht fr Allan McNish im Audi-Le-Mans-Rennwagen Sinn, im Straenfahrzeug flutscht einem das silbrige Plastiksegment unerwartet hufig durch die Hnde. Punktabzug. Und dann der alberne Starterknopf in der Mittelkonsole. Was der soll, wird sich uns nie erschlieen: Schlssel ins Zndschlo und dann zum Motorstart noch mal extra ein Knpfchen drcken? Da gibt es bessere und einfachere Lsungen.

Danach macht der RS4 allerdings Ernst. Sein V8 produziert einen Klang, bei dem selbst bekennende ko-Freaks schon mal den Helm bereitlegen. Ein weiterer Tastendruck spter dieses Mal in der linken Lenkradspeiche , und der Achtzylinder atmet noch ein wenig dumpfer und spontaner durch, whrend sich die Sitzschale automatisch verengt. Die Ansage ist deutlich: Der Audi RS4 ist eher Jger denn Beute. Er will es allen zeigen. Komme, wer da wolle.

Fahrleistungen und Testverbrauch

Es kommt der Abt AS4 R. Seine Anlagen sind vorzglich, um die Herausforderung anzunehmen. Und er ist sich auch nicht zu schade, seine direkte Umwelt mit Mode-Attributen der 80er Jahre zu becircen. Jener ra, in der Autos noch Streifen zur Betonung ihrer sportlichen Potenz trugen. Die rtlich schimmernde Spiegelfolie wirbt um die Gunst wie der Pfau mit seinem bunten Gefieder. Allerdings folgen dem farbenfrohen Auftritt handfeste und vor allem clevere Argumente. Clever insofern, als Abt bei der Herzverpflanzung auf jahrelange Erfahrung mit dem Verfeinern von V6-Motoren zurckgreifen kann.

Das Ergebnis ist denn auch sehr berzeugend. Fahrwerkabstimmung, Bereifung, Motorcharakteristik, Klang bei diesem Auto pat fast alles. Nur in Sachen Verbrauch fordern die Turbos ihren Tribut: Anderthalb Liter mehr pro 100 Kilometer lassen sich nur bedingt durch die 60 Mehr-PS rechtfertigen. Doch sptestens auf der Rennstrecke offenbart sich, wie gut die Allguer ansonsten ihre Hausaufgaben gemacht haben. Nicht vllig neutral, aber doch deutlich weniger untersteuernd als der Audi RS4 nimmt der Kemptener Kombi seinem Gegner satte 1,3 Sekunden pro Runde ab, das ist eine Welt.

Fairerweise mu man anmerken, da der Abt auf Michelin-Pilot-Sport-Cup-Reifen rollt. Allein diese sorgen fr einen Vorteil von etwa sieben Zehnteln pro Runde im Vergleich zur RS4-Bereifung. Gemessen daran, schlgt sich der RS4 also noch sehr gut. Erstaunlich jedoch ist, da der RS4 subjektiv deutlich langsamer wirkt, als es ihm die Stoppuhr bescheinigt. Der Grund dafr ist sein deftiges Untersteuern trotz der hecklastigen Antriebsverteilung von 40 zu 60 Prozent zugunsten der hinteren Achse.

Technische Daten und Fazit

Fordert man den RS4 nur ein bichen zu forsch beim Einlenken, wird er unruhig um die Hochachse und die Linie ist zum Teufel. Das Werk legt offensichtlich mehr Wert auf narrensicheres Fahrverhalten als auf das letzte Quentchen Kurvengeschwindigkeit. Womit wir bei einer weiteren inkonsequenten Lsung wren. Kruzitrken wozu gibt es eine ESP-Taste, wenn der Fahrer im Grenzbereich doch weiter von der Elektronik eingebremst wird? Wie es richtig geht, hat die Konkurrenz aus Zuffenhausen und Mnchen doch schon mehrfach demonstriert. So verabschiedet sich unter den Regeleingriffen des Audi-Systems Zehntel fr Zehntel der Rundenzeit.

Daraus lernen wir: Wer den RS4 zgig bewegen will, braucht viel Disziplin. Und wer es schafft, das Auto knapp unterhalb des Regelbereichs zu bewegen, kommt extrem zgig voran. Denn bis zum ESP-Eingriff gibt sich der RS4 extrem souvern, beinahe unspektakulr. Zugegeben: Das ist Meckern auf hchstem Niveau. Beide Autos verfgen ber ein Begeisterungspotential, dem man sich nicht entziehen kann. Ob man den dumpfen, druckvollen Sound des Abt-Aggregats dem Schmettern der acht RS4-Zylinder vorzieht, ist Geschmackssache.

Abgesehen davon fllt die Entscheidung erstaunlich klar aus der serienmige RS4 darf sich als Sieger dieses Vergleichs fhlen. Dabei ist es nicht so, da der Abt AS4 R schlechter wre, im Gegenteil. Selten haben wir ein so rundes Tuningprodukt getestet. Doch angesichts eines Aufpreises von rund 20.000 Euro zum Audi RS4 htte der Vorsprung deutlicher ausfallen mssen.

Fazit von AUTO BILD SPORTSCARS-Autor Phillip Tonne: Die Vorstellung des Abt AS4 R ist eindrucksvoll, da er fr ein derartig modifiziertes Fahrzeug erstaunliche Qualitten im Alltagsbetrieb beweist. Abstimmung, Klang und Charakteristik liegen auf hchstem Niveau. Gemessen am finanziellen Aufwand, fhrt er dem Gegner jedoch nicht weit genug davon. Deshalb reicht es gegen den fulminanten Audi RS4 nicht zum Sieg. Mit anderen Worten: Druck war gestern, ab sofort ist Drehzahl Trumpf.

Autor: Phillip Tonne

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