Drei sportliche Luxuslimousinen

Audi S8/Jaguar XJR/Mercedes S 63 AMG: V8-Test

— 07.04.2014

Bitte anschnallen, Chef!

Chef müsste man sein. Dann hätte man die Wahl zwischen den Luxus-
Fonds in S8, S 63 AMG und XJR. Oder doch lieber Chauffeur?

Chef: Gut, dass ich angeschnallt bin. Ich finde einfach keinen Halt mehr, schlingere wild im Fond hin und her, mir fliegt doch glatt die "Financial Times" aus der Hand. Mein Chauffeur ist offensichtlich wahnsinnig geworden. Weiß der Personaler davon? Der Fahrer ist außer Rand und Band, mit Urgewalt schießt der Benz die Gerade entlang und sticht mit irrsinnigem Tempo in die Kurve. Viel zu hohem Tempo, wenn Sie mich fragen. Normalerweise habe ich hier meine Ruhe ? und zwar im Wortsinn, Lärm ist verpönt im Fond der S-Klasse. Platz gibt es in der Langversion in Hülle und Fülle, der Fahrer sitzt gerade noch in Hörweite.

Ihre 2,1 Tonnen bewegt die S-Klasse mit Leichtigkeit

Video: S8, S 63 AMG, XJR

Chef, bitte anschnallen!

Auf den ultrabequemen, elektrisch einstellbaren Sitzen komme ich entspannt von einem Meeting zum nächsten, die Luftfederung bügelt auch die übelsten Strecken glatt, der Benz liegt unerschütterlich. Und jetzt? Flieg ich über den Hockenheimring. Ja, geht?s noch? Chauffeur: Endlich kann ich zeigen, was ich gelernt habe, damals beim Fahrer-Lehrgang. Dem Alten werde ich's zeigen, jetzt bin ich am Drücker. Der 5,5-Liter-V8-Biturbo im S 63 AMG kommt mir da mit seinen 585 PS gerade recht. Fast noch eindrucksvoller sind die 900 Newtonmeter, die das Monstrum bei 2250 Touren auf die Kurbelwelle haut. Ehrfurcht, Leute. Dieser Motor ist ein gewalttätiges Tier, das jede Menge Schub schon früh liefert, hohe  Drehzahlen braucht es jedenfalls nicht. So stürmt der S 63 in unfassbaren 3,9 Sekunden auf 100. Wohlgemerkt: eine 5,25 Meter lange Limousine, 2,1 Tonnen schwer und mit einer Ausstattung, die den Rahmen manches Eigenheims sprengt. Die Überraschung: Dieser Benz schiebt eben nicht mehr nur vehement geradeaus, sondern nimmt auch Kurven bemerkenswert agil und behände, lenkt präzise und wankt erstaunlich wenig. Hab ich so nicht erwartet, Respekt.
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Das Audi-Cockpit könnte mehr Liebe zum Detail vertragen

Rasanter Allradler: Unspektakulär und unaufgeregt stempelt der Audi S8 Bestzeiten auf die Strecke.

 Chef: Jetzt hab ich aber genug vom Mercedes. Fahren wir zur Beruhigung halt Audi. Mit dem klar gezeichneten S8 ist man jedenfalls dezenter angezogen als mit dem etwas barocken Mercedes. Understatement, ja! Meine Mitarbeiter glauben, es sei nur ein A6. Sollen sie. Eingerichtet ist der Audi mit jener technoiden Perfektion, die so typisch ist für die Marke. Ich mag das ja ganz gern. Alles etwas unterkühlt, aber sehr edel. Doch hier und dort erwarte ich mehr Liebe zum Detail. So tickt im Mercedes eine feine Uhr von IWC, während im S8 ein namenloser Zeitmesser seine Arbeit verrichtet. Ich schlage mal einen Blick in den "Wer liefert was?" vor. Da müsste doch ein standesgemäßer Auto-Uhrmacher drinstehen.  Ich halte mich dann auch mal gleich richtig fest, kann aber im Audi-Fond sowieso nicht ganz so wüst umherfliegen wie im Benz. Es ist hier enger. Nicht dass wir uns missverstehen, Platz gibt es genug, der S8 passt etwa so wie die Anzüge von meinem Maßschneider. Der Testwagen hat elektrisch verstellbare Einzelsitze mit Belüftung und Massage, ganz gemütlich, doch an die feudalen Sessel im S 63 kommen sie nicht heran. Gleiches gilt für die im Audi strammer als im Benz ausgelegte Luftfederung. Feine Sache, aber nicht ganz so überlegen-souverän. Doch was macht der Kerl jetzt schon wieder?
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Chauffeur: Ha, dieser Audi geht richtig ab. Er wiegt eben 80 Kilo weniger als der feiste Benz, sein Vierliter-V8-Biturbo geht heftig zur Sache. Mit seinen 520 PS beschleunigt er den Audi brachial, dreht vehement. Sehr souverän, Tempo 100 schafft er in glatten 4,0 Sekunden. Der S8 fährt sich mit dem geringsten Aufwand. Unspektakulär und unaufgeregt stempelt er Bestzeiten auf die Strecke. Es passt einfach alles: satte Traktion dank Allrad, feine Lenkung, schnelle Automatik, kluges ESP. Ein Fahrerauto. So klar wie Kloßbrühe.

Der XJR ist das Leichtgewicht in diesem Vergleich

Sonderweg: Anders als seine beiden Konkurrenten setzt der Jaguar XJR auf einen Kompressor-Motor.

 Chef: Wenn es eine Alternative zu den deutschen Edel-Kaleschen gibt, dann den feinen XJ von Jaguar. Keine britische Schönheit wie früher, gewiss. Mit dem lang auslaufenden Schrägheck und den großen Überhängen eher ungewöhnlich geformt, aber von hohem ästhetischem Reiz.  Lässig umgehen die Briten auch beim Interieur die Erwartungshaltung. Dunkelhölzerner Clubzimmer-Charme? Vorbei. Jaguar setzt jetzt auf klare Strukturen und ein Wechselspiel zwischen Leder, Chrom und Klavierlack. Sehr gelungen, das wirkt hochelegant und eigenständig. So weit, so gut, doch ein Nachteil der sanft abfallenden Dachlinie ist das beschränkte Platzangebot im Fond. Ich sitze hier nicht so gut wie im Benz oder im Audi. Und anders als dort sind die Fondsitze zwar beheiz-und kühlbar, aber nicht weiter zu verstellen. Alles ganz behaglich, ich erwarte aber mehr Flexibilität. Chauffeur: Alle Wetter, dieser Engländer ist tatsächlich ein ernsthafter Gegner für S8 und S 63, besonders in der R-Version. Er ist schon mal der Leichteste – und eben nicht der Audi. Den unterbietet der XJR um 100 Kilo. Und dann kommt noch sein Fünfliter-V8 mit 550 PS ins Spiel, anders als die beiden Deutschen von einem Kompressor aufgeladen. Der strotzt vor Kraft, tritt bissig und mit wildem Temperament an, grollt dabei dumpf bis bitterböse. So springt der XJR in 4,4 Sekunden von null auf 100. Die Achtstufenautomatik spielt großartig mit – in solcher Form muss sich der Jag nicht vor Audi und Benz verstecken. Gewiss nicht.
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Doch es gibt Unterschiede. Der XJR fährt eine andere Linie als die allradgetriebenen Deutschen. Er wankt in schnellen Kurven stärker, die Lenkung arbeitet eckiger, und ständig tänzelt das Heck herum. Das ganze Auto wirkt aufgeregter und nervöser. Fast wie der Alte. Es ist eine Herausforderung: Ich brauche länger, um eine saubere Linie zu finden, muss mich konzentrieren. Gelingt das, ist der Jag sehr schnell. Und der Chef sollte sich schon mal anschnallen.

Autor: Dirk Branke

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