Auf dem Weg in die Heimat

AUTO BILD holt den letzten Käfer AUTO BILD holt den letzten Käfer

Auf dem Weg zurück in die Heimat

— 28.08.2003

AUTO BILD holt den letzten Käfer

Er läuft nicht mehr (vom Band), aber er wird immer ein Auto bleiben, das uns bewegt: der Volkswagen Typ 1. Der Käfer. AUTO BILD holt das (vor)letzte Exemplar aus Mexiko. Sein Weg in die Heimat.

Mit einer Holzkiste fing es an

Hernán Cortés schlug vor 500 Jahren die Azteken und brachte ihnen im Namen der katholischen Kirche Tod und Verderben. VW schlug vor 50 Jahren eine Brücke und brachte in Mexiko die Motorisierung ins Rollen.

Während der spanische Eroberer auf den Vorteil bauen konnte, dass im mittelalterlichen Europa schon das Pferd und ritterliches Rüstzeug erfunden waren, hatte VW nur eine Holzkiste mit Ovalfenster-Käfer, die per Vorkriegslaster über staubige Trampelpfade in 2000 Meter Höhe vom Hafen Veracruz bis nach Mexico City geschleppt werden musste.

Und genau hier bin ich heute unterwegs. Diesmal andersrum: 280 Kilometer vom 1966 entstandenen Werk Puebla nach Veracruz. Auf den Spuren von Cortés und Co. In einer Legende, die Weltgeschichte geschrieben hat: dem Käfer. Es ist das letzte Exemplar seiner Art, das eine Straßenzulassung bekommen wird. In Deutschland.

Der Vocho geht nie kaputt

Fahrgestellnummer 3 VW S1A 1B64M905161. Die letzten beiden Zahlen sind entscheidend: 61. Endnummer 62 gehört zum definitiv letzten Volkswagen Typ1, der seinen Dauerparkplatz im himmlischen Frieden der Wolfsburger Autostadt einnehmen wird. Nr. 61 aber lebt. Und läuft. Und säuft. Gut zehn Liter des niedrigoktanigen Pemex-Sprits (Petrol Mexicana) sind es, die ab 120 km/h durch die Einspritzanlage fließen, aber das interessiert mich herzlich wenig.

Schließlich braten wir im Konvoi in 2000 Meter Höhe vorbei an qualmenden Kennwood-Trucks, links fahrenden Radfahrern, Tierkadavern und unzähligen Asphaltkratern. Wir schaffen – leicht bergab – sogar Tachotempo 150, dabei hatte ich dem Guide im VW Bus T4 doch vorher eindringlich gesagt, er möge Rücksicht auf den Neuzustand des luftgekühlten 46-PS-Aggregats nehmen. Dessen dritter Zylinder heute hoffentlich hitzebeständiger ist als vor 30 Jahren.

Doch Hóse hatte schon vor Fahrtantritt jenen Mörderblick, der in Mexiko das Überleben sichert. Und überhaupt: "Ist doch ein Vocho", sagt der Gaucho, "und der geht nie kaputt, höchstens mal der komische Kat." Es ist eng, es ist laut, es ist heiß, und natürlich gibt es keine Klimaanlage. Doch wir genießen den unfreiwilligen Schulterschluss, mein Beifahrer, der VW-Klassik-Chef Horst Beilharz, und ich, die wir beide den Käfer noch aus den Ursprüngen kennen.

Ein Kuss aufs heiße Blechdach

Italien fällt uns ein, logisch. Das waren mehr als 280 Kilometer. Das waren drei Tage kein Murren, kein Mucks, sonst gab’s was an die Ohren. Hat er auch in der Ablage hinterm Rücksitz Bauklötze gestaunt? Na klar, so schnell, wie die Welt durchs Ovalfenster vorbeiflog. Dauertempo 100, das war doch was, eine 150-km/h-Isabella hatte Sputnikformat.

Immerhin sind wir heute mit 140 ziemlich dicht dran, und das heisere Boxen des Vierzylinders im Heck klingt satter als sonst. Liegt es an den modernen Hydrostößeln am Zylinderkopf? Oder an der ebenso kurzen wie dicken Abgasanlage, die nur ein (verchromtes) Endrohr ziert? Früher brauchte man für so was mindestens die Vierrohr-rechtslinks-Anlage von Sauer & Sohn, heute intonieren Mexikaner den Käfer-Abgesang.

Der Typ an der Schranke zum Port of Veracruz hätte am liebsten gleich das komplette Hafenkonzert bestellt. Keine Macht der Welt wäre imstande gewesen, aus dem knurrigen Sachwalter der Zollformalitäten eine Frohnatur zu machen. Doch der Charme des Vocho kriegt jeden mexikanischen Macho weich: ein Kuss aufs heiße Blechdach, ein zärtliches Umfassen des Lenkradkranzes mit haariger Hand – ich habe noch nie in so traurige Augen gesehen wie in dieser Stunde der Wahrheit:

Es ist der Letzte! Die última edición. Adios, Vocho; bye-bye, Beetle; leb wohl, Käfer! Du hast Alemania groß gemacht, Cortés vergessen und die Mexikaner stolz. Du hast mehr zur Versöhnung der Völker beigetragen als manch ein Papst dieser Welt.

Fakten, Figuren und Fabeln I

Wussten Sie eigentlich, dass

... erst 1968 der Typ 1 in der Werbung offiziell zum "Käfer" wurde?

... der Käfer für 20 Prozent der Deutschen das erste Auto war? (sechs Prozent Trabant, fünf Prozent Golf, drei Prozent Renault 4).

... es einen viertürigen Käfer gab? Gebaut haben ihn Kleinbetriebe: Rometsch in Berlin (20 Wagen von 1951–54) und Papler in Köln (ebenfalls 20 Fahrzeuge).

... Beatle John Lennon Käfer fuhr? Einen weißen 68, der 69 auch auf "Abbey Road" zu sehen war.

... ausgerechnet VW-Chef Heinrich Nordhoff zum Amtsantritt 1948 befand: "Der Käfer hat so viele Fehler wie ein Hund Flöhe"?

... die Polizei in Bremerhaven immer noch einen 1303-Streifenwagen in ihrem Fuhrpark hat?

... der Käfer 1950 das erste deutsche Auto mit Faltschiebedach war? Es kam von Nolde und kostete 250 Mark.

... 35 Erwachsene in den Käfer passen? Jedenfalls drängten sich 35 Studenten aus Wisconsin/USA in und um den Käfer und legten die vorgeschriebene Fahrstrecke von fünf Metern zurück. In Graz kletterten sogar 57 Bergsteiger in und auf den Käfer: Belastung drei Tonnen!

... 1967 der Käfer-Absatz auf der Pazifik-Insel Nauru um 200 Prozent stieg? Von einem auf drei.

... der Käfer den längsten Atem hatte? Gebaut ab 1935. Porsche 911: seit 1964, Land Rover: seit 1948, Ente: 1948 bis 1990, Fiat 126: 1972 bis 2000, Mini: 1959 bis 2000.

... Porsche Anfang der 50er an einem Alternativantrieb arbeitete – einem Diesel? Der Prototyp mit 1300er-Boxer-Diesel leistete 25 PS.

Fakten, Figuren und Fabeln II

Wussten Sie eigentlich, dass

... der Produktionshöchststand im Jahr 1971 war? 1.291.612 Käfer krabbelten in dem Jahr vom Band – der Käfer stand kurz vorm Weltmeister-Titel.

... ein 34-PS-Motor die VW-Bahn antrieb? Jene Bahn, die zwischen 1958 und 1975 Besucher durch die Stadt Wolfsburg kutschierte (sechs Tonnen Gewicht).

... kein Auto im Detail mehr verändert worden ist als der Käfer? Nur der Querschnitt des Blechfalzes für die Dichtgummis der Hauben blieb gleich.

... auf Eigeninitiative der VW-Arbeiter in Puebla diverse Käfer-Unikate entstanden, die nicht unbedingt TÜV-tauglich sind? Herausragend das gelbe Stretch-Cabrio mit drei Sitzreihen und der "Vocho Harlekin" im Stil des bunten Polo der 90er Jahre. Zudem gibt es ein Exemplar mit verlängerter Tür rechts, das die Einstiegsproblematik ins typische Käfer-Taxi unter Beibehaltung des Beifahrersitzes lösen sollte.

... das Ende des Käfers im Übrigen über den jüngsten Regierungserlass entscheidend beschleunigt wurde, künftig nur noch viertürige Taxis zuzulassen? In den vergangenen Jahren hatte es zahlreiche Überfälle von "wilden" Droschkenfahrern auf Fahrgäste gegeben. Und Fahrgäste im Käfer-Fond lassen sich nun mal einfacher ausrauben als die in einer klassischen Limousine mit zwei (Flucht-)Türen hinten.

... die Käfer-Rennserie Formel V die höchste Auflage an Formel-Wagen bot? 8000 Stück. Erfunden hat sie ein US-Luftwaffenoberst, der bei Nardi in Italien einen Monoposto mit original VW-Teilen bauen ließ. 1963 wird der Rennwagen zugelassen. Ferry Porsche führte die Serie in Europa ein.

... die allgegenwärtige Geschichte von der körperlich aufwändigen Zweckentfremdung der Halteschlaufen reine (Sex-)Fantasie ist? Da läuft gar nichts. Noch mal: Es funktioniert schlichtweg nicht!

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