Aufbau Ost

Auferstanden aus Ruinen Auferstanden aus Ruinen

Aufbau Ost

— 04.03.2003

Auferstanden aus Ruinen

Das Wasser stand ihnen bis zum Hals, doch sie gingen nicht unter: Ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe haben die Menschen im Osten die schlimmsten Folgen des Hochwassers beseitigt. Eine Stippvisite.

Der Tresor riecht noch nach Flutkatastrophe

Wer wissen will, wie eine Katastrophe riecht, der muss seine Nase nur in den Tresor von Jürgen van Kolck (48) stecken. Wenn der Autohändler aus Dohna bei Dresden die dicke Stahltür öffnet, kommt ihm ein strenger, modriger Geruch entgegen. Damals, vor einem halben Jahr, lag dieser Geruch über der gesamten sächsischen Kleinstadt, und er kündete von gewaltiger Zerstörung: Es ist der Geruch der Flutkatastrophe im Osten.

Der stinkende Panzerschrank erinnert Seat-Händler van Kolck täglich daran, wie er im August durch die überflutete Müglitz seinen Betrieb verlor und beinahe auch sein Leben. Und was für ein Wunder es ist, dass er schon wieder Autos verkaufen kann. Gerade eben hat ein Dresdner Ehepaar bei ihm einen Seat Leon bestellt. Heute, an diesem 12. Februar, ist das eine fast symbolische Handlung. Denn vor genau einem halben Jahr kam die Flut.

"Um diese Zeit hat es geschüttet wie aus Kannen, gegen 18.30 Uhr ging es dann so richtig los", erzählt van Kolck. Während er sich gerade noch aufs Dach retten konnte, zerstörte die Müglitz sein Wohnhaus, seinen Ausstellungsraum, seine Werkstatt und 86 seiner Seat-Modelle. Zurück blieb nur eine Schlammschicht.

Frische Tulpen statt brauner Modder

Wer das Elend damals gesehen hat, der traut heute seinen Augen kaum: Der Showroom ist hell und freundlich, die braunen Fliesen am Boden erinnern an einen römischen Tempel, auf dem Empfangstresen stehen frische Tulpen. Unwillkürlich schleicht sich der Text der alten DDR-Hymne in den Kopf. Auferstanden aus Ruinen ...

Was man nicht sieht, ist die viele Arbeit, die dahinter steckt: Als viele noch apathisch auf die Flut reagierten, packte van Kolck schon an. "Bis heute haben wir nicht einen Tag mit regulären Arbeitszeiten gehabt", sagt er. Zwölf Stunden sind Minimum, mehr die Regel. Der Autohändler wohnt noch immer in seinem alten, flutgeschädigten Haus, in dem der Raumentfeuchter täglich zwölf Liter Wasser aus der Luft saugt. Der Neubau ist noch nicht fertig, weil van Kolck alle Handwerker erst mal in seinen Betrieb umgeleitet hat.

Für alles andere war noch keine Zeit. Auch nicht für die Frage, wer das alles bezahlen wird: Etwa 2,4 Millionen Euro Schaden ließ die Flut bei ihm zurück, zwischen 1,7 und 1,8 will die Versicherung übernehmen. "Was mit dem Rest wird, das sehen wir dann", sagt van Kolck.

Jeder zehnte Betrieb steht noch still

Natürlich, wir wollen uns nichts vormachen, komplett erledigt sind die Flutschäden im Osten noch lange nicht; und nicht nur van Kolck hat noch einen langen Weg vor sich: In Dohna und in vielen anderen Orten sieht es teilweise immer noch aus wie nach einem Bombenangriff, noch immer müssen Häuser dauergelüftet oder gar abgerissen werden, noch immer brauchen viele Menschen Hilfe, noch immer steht in Sachsen laut IHK jeder zehnte flutgeschädigte Betrieb still.

Aber die positiven Zeichen gewinnen langsam die Oberhand: 90 Prozent der beantragten Soforthilfen für Betriebe wurden bewilligt und (fast) vollständig ausgezahlt. In Dresden wird Ende des Monats das große Sachspenden-Zentrum geschlossen, nachdem dort 5000 Flutopfer versorgt worden sind. Die Straßen und Tunnel sind, bis auf wenige Ausnahmen, wiederhergestellt.

Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist die Straße zwischen Löbnitz und Pouch bei Bitterfeld. Was die Mulde damals in Sekunden wegriss, ist seit Ende vergangenen Jahres wieder aufgebaut. Heute, am Halbjahrestag der Flut, ist die ehemalige Katastrophenstelle beliebtes Ausflugsziel. Gerade steigt eine Familie aus Delitzsch aus ihrem Rover 416. "Eigentlich wollten wir mit unseren Enkeln zur Kartbahn, aber die macht erst um 16 Uhr auf", sagt der Fahrer, "stattdessen sind wir hierher gekommen."

Eine Frau aus dem benachbarten Plodda sagt: "Damals hatten wir Tränen in den Augen. Heute sieht es hier harmlos aus, ohne das Wasser." Und wer nach Bitterfeld weiterfährt, der merkt, dass die Menschen die Flut nicht nur bewältigt, sondern auch aus ihr gelernt haben. Damals musste beispielsweise die Straße an der Goitzsche aufgerissen werden, um den künstlichen See zu entlasten und Bitterfeld so vor der ganz großen Flutwelle zu schützen. Heute verläuft unter der Straße ein Kanal, durch den pausenlos Wasser aus dem See abgeleitet wird: Der Pegel der Goitzsche wird abgesenkt, damit die Flutgefahr dauerhaft gebannt ist. Schließlich wissen hier alle noch zu gut, wie so eine Katastrophe riecht ...

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