AUTO BILD-Antriebsvergleich

AUTO BILD-Antriebsvergleich

— 06.01.2004

Bringt uns Allrad wirklich weiter?

Eine Frage, so alt wie das Auto: Frontantrieb, Heckantrieb oder doch Allrad? Ein Praxistest mit acht Autos. Und einigen berraschungen.

Acht Autos aus vier Klassen

2695 Meter ber Normalnull, minus zwlf Grad, tiefer Schnee auf vereistem Untergrund: kein Problem fr Matthias Schpf. Der Mann gibt sanft Gas und verschwindet kurz darauf leise grollend hinter der nchsten Biegung.

Zu schn, um wahr zu sein? Durchaus nicht, denn Schpf sitzt im Cockpit eines 330 PS starken Pistenbullys, und der packt ganz andere Sachen. Schn wre es ja, wenn wir ihm auf die Pisten am Rettenbachjoch (3014 Meter) folgen knnten die Aussicht dort oben soll ja grandios sein. Aber unsere acht Autos aus vier Klassen sind nicht hier oben, um die Aussicht zu genieen. Suzuki Ignis, Mazda Tribute, Audi A4 und Mercedes-Benz E-Klasse mssen den ultimativen Schnee-Test absolvieren. Jeweils mit gleichen Motoren, Ausstattungen und Reifen als Front- oder Hecktriebler und im Vergleich dazu mit Allradantrieb.

Die Prfungen im Schnee sind aber nur der letzte Teil unseres groen Tests. Denn wir wollten natrlich wissen, ob uns vier angetriebene Rder auch bei Trockenheit oder Nsse Vorteile bringen, also im Autofahrer-Alltag ohne Winter-Stress.

Simulierter Autofahrer-Alltag

So stand zu Beginn der ganz normale Test auf dem Programm auf serienmigen Sommerreifen. Dazu kommen die Ergebnisse, die wir auf den Handlingkursen des Continental-Reifentestgelndes ermittelt haben. Die kurvige Strecke mit dem trockenen Untergrund ist 3,8 Kilometer lang, das enge, gleichmig bewsserte Teilstck 1,9 Kilometer.

Wichtige Prfung schlielich die Beschleunigung von null auf 80 km/h diesmal auf einer Strecke mit unterschiedlichen Fahrbahnbelgen (Kopfsteinpflaster/Asphalt). Das simuliert eine nasse, etwas reparaturbedrftige Strae im Herbst. Eben genau wie im richtigen Leben. Nach diesen Strapazen wechselten alle Autos auf Winterpneus das heit paarweise auf identische Profile , um einen unterschiedlichen Einfluss der Reifen mglichst auszuschlieen.

Der Berg-Handlingkurs im Tiefschnee (650 Meter lang), ein eng gesteckter Kurs auf festgefahrener Decke (Lnge 360 Meter) und eine Traktionsprfung (Anfahren auf teils vereistem Boden, leichter Anstieg, 50 Meter) bildeten die Winter-Wertung. Die Ergebnisse aller Messungen finden Sie jeweils in den Diagrammen die Fahrleistungen im direkten Vergleich. Die besseren Werte sind der bersicht halber grn wiedergegeben, die schlechteren rot.

Suzuki Ignis

Zu den Ergebnissen: Der Suzuki Ignis hier stellvertretend fr seinen Zwilling Subaru Justy und fr andere mit Allrad lieferbare Kleinwagen zeigt eine bemerkenswerte Vorstellung. Zumindest mit Sommerreifen erledigt schon der frontgetriebene Ignis vieles so gut, dass die Allradvariante Four Grip mit Viskokupplung (Verkaufsanteil 22 Prozent) nicht viel draufsetzen kann.

Der Suzuki fhrt sich wendig und leichtfig, die Lenkung spricht spontan an. Er profitiert von seinem vergleichsweise niedrigen Gewicht. Auf der nassen Bahn hat der Fronttriebler dann ein paar Traktionsprobleme. Schlielich besitzt er weder Antriebsschlupfregelung noch ESP.

Der Allradler kann aus Kurven besser herausbeschleunigen. Richtig in Szene setzen kann er sich aber erst unter extremen Bedingungen: Im Tiefschnee etwa baut der Allradler die deutlich bessere Traktion auf, zieht mhelos davon und knnte sogar noch mehr Leistung als die 99 PS seines 1,5-Liters auf die Strae bringen.

Mazda Tribute

Der Mazda Tribute (Allradanteil 98 Prozent) steht hier fr seinen technischen Bruder Ford Maverick und fr die beliebten SUV von der Art des Honda HR-V, Hyundai Santa Fe oder Toyota RAV4 alle mit Front- wie Allradantrieb zu bekommen. An die Agilitt des kleinen Ignis reicht der Frontantriebs-Tribute ohne jegliche elektronische Fahrhilfen schon auf trockener Piste nicht heran. In schnellen Kurven schiebt er schwerfllig ber die Vorderrder, die Lenkung arbeitet gefhllos, der Motor wirkt schlapp. Auf dem bewsserten Teilstck kommen dann grere Traktionsprobleme hinzu.

Beim Allrad-Tribute AWD (mit Lamellenkupplung) wird es etwas besser: Der AWD fhrt auf trockenem Parcours eine Spur handlicher, untersteuert nicht ganz so stark. Im Regen dann berraschung! ist er trotz der etwas besseren Traktion langsamer: eine Folge des sprbar hheren Gewichts (1525 gegenber 1405 Kilo) und ein anschauliches Beispiel dafr, dass Allrad eben auch auf Nsse nicht nur Vorteile bringt.

Die Stunde des Tribute schlgt trotzdem noch, und zwar auf Schnee: Mit den Bridgestone Winter Dueller wandelt sich der trge Mazda zum Klettermaxen. Schon als Fronttriebler kraxelt er leichtfig die Berge hoch. Als Allradler krallt er sich noch fester in den Schnee, knnte gut mehr Leistung vertragen.

Audi A4

Der Audi A4 (quattro-Anteil bei der Limousine 6,3, beim Avant 12,7 Prozent) hat davon jedenfalls genug. Die 220 PS seines 3,0-Liters befeuern die Limousine lebhaft und nachdrcklich egal ob Fronttriebler oder quattro.

Auf dem trockenen Kurs liegt der quattro (mit Torsendifferenzial und elektronischer Differenzialsperre EDS) ausbalancierter und griffiger als der Fronttriebler. Bei Nsse wird es wieder interessant: Der quattro baut zwar mehr Grip auf und zieht strmisch aus den Kurven heraus. Rallyepiloten und Walter-Rhrl-Verehrer werden ihre Freude haben. Doch schneller ist am Ende der Fronttriebler nicht zuletzt dank der aufwndigen Elektronik mit ASR und ESP. Er bleibt ruhiger, unaufgeregter. Und deshalb muss das sensible ESP nicht ganz so viel regeln wie beim quattro.

Umso eindrucksvoller spielt der Allradantrieb seine Vorteile dann im Winter aus. Egal ob auf festgefahrener Decke oder im Tiefschnee: Der quattro wird zum Gipfelstrmer, schiebt unaufhaltsam nach vorn. Im Wortsinn man sollte frh genug an die nchste Kurve denken, denn die Seitenfhrungskrfte der Reifen sind begrenzt.

Mercedes-Benz E-Klasse

Im Vergleich mit Audi ist ja Mercedes-Benz nicht gerade ein Allrad-Pionier, baut aber konsequent die Allradtechnik aus (E-Klasse elf Prozent mit 4Matic). Auf dem trockenen Kurs fllt schon der heckgetriebene Mercedes-Benz E 320 durch ein ausgesprochen harmonisches, sauberes Fahrverhalten auf, stets kontrolliert vom aufmerksamen ESP.

Der Allradler 4Matic (mit Verteilergetriebe und elektronischer Traktionsregelung 4ETS) kann das erst mal nicht besser Traktion hat auch der Hecktriebler genug. Auf dem nassen Parcours dann das schon bekannte Ergebnis: Der Allradler ist langsamer. Warum? Weil auch die normale E-Klasse dank neuester Elektronik-Hilfen die Kraft super auf die Strae bringt. Und weil der 65 Kilo schwerere 4Matic auf der relativ kurzen Strecke die Vorteile der besseren Traktion nicht so recht ausspielen kann.

Im Schnee zeigt der 4Matic dann, was in ihm steckt. Die Agilitt, das Rallye-Feeling des quattro erreicht er dabei nicht ganz. Aber er pflgt mit einer fast unheimlichen Souvernitt durchs Gelnde. Im direkten Vergleich wirkt der Hecktriebler behbiger. Hier merkt man eher, um was fr ein Dickschiff es sich bei der E-Klasse eigentlich handelt.

Am Ende sind wir berrascht: Unverzichtbar ist Allradantrieb nur im Schnee. Unter allen anderen Bedingungen selbst bei Nsse sind moderne zweiradgetriebene Autos nahezu gleichwertig. Vorausgesetzt, sie haben hoch entwickelte, moderne Technik an Bord.

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