AUTO BILD bei den Fernfahrern

AUTO BILD bei den Fernfahrern

— 20.08.2009

Ein Leben im Laster

Jede Woche probiert Reporter Claudius Maintz einen Beruf aus, der Autofahrern stinkt. Sechste und letzte Folge: Fernfahrer. Er fuhr mit Fernfahrer Frank Merten Klimaanlagen-Module von Italien zum Opel-Werk nach Eisenach.

Niemals würde ich im Büro einen Krimi lesen, kochen, eine DVD gucken oder übernachten. Geht ja alles auch zu Hause. Bei Frank Merten ist das anders. Er lebt und arbeitet auf knapp fünf Quadratmetern, nämlich im Führerhaus seines Lastwagens. Für zwei Tage ziehe ich bei ihm ein – an seinem Geburtstag. Den 48. feiert der Mann mit den kurzen Haaren in Brixlegg, Tirol. Hinter dem Ort erheben sich die Alpen, am Ende des Parkplatzes ein Stapel Euro-Paletten. "Ein richtig schickes Industriegebiet", sagt Merten ohne Ironie. Abends nimmt er ein lila Paket Schokoherzen aus der Kühlbox. Das Geschenk von Tochter Linda. Der Lkw-Fahrer zieht die roten Vorhänge zu, kriecht in seine Koje und schläft aus seinem Geburtstag heraus. Am Himmel leuchtet der Große Wagen. Seit zweieinhalb Jahren fährt der gelernte Schweißer im Linienverkehr zwischen Poirino bei Turin und Eisenach. Jeder Woche ein- bis zweimal, 2600 Kilometer hin und zurück. Im Rücken 320 Klimaanlagenmodule für den Opel Corsa, im Nacken immer die Zeit. Die Teile müssen pünktlich im Werk sein. Just in time heißt das Geschäft.

Besucher müssen die Schuhe ausziehen

Geburtstag im Lkw: Frank Merten packt das Geschenk seiner Tochter Linda aus – Schokoladenherzen.

Sein Lkw ist rollendes Warenlager und Wohnung zugleich. Wer ihn dort besuchen will, muss die Schuhe ausziehen – wie beim Betreten einer richtigen Wohnung. Und die Beine einziehen, im Cockpit ist es eng. Als Beifahrer stoße ich mit den Knien gegen das Handschuhfach. Frühmorgens hat Merten bei einem Zulieferer in Poirino geladen. Um neun Uhr hat er den Ort verlassen, fährt nun auf der Autobahn 21 Richtung Piacenza hinter seinem Kollegen Michael Lederer. Die Tachos beider Lkw zeigen 80. Doch Merten ist rund zwei km/h schneller. Der Grund: neue Reifen. "Die sind noch nicht so abgefahren, haben einen um etwa zwei Zentimeter größeren Radius", erklärt er. Merten überholt seinen Kollegen, ist dabei aber sehr vorsichtig. Die Strecke Richtung Mailand gilt als gefährlich. Trucker erkennen das sofort an wirren Gummi-Radierungen auf dem Asphalt. Nach gut zwanzig Jahren auf Achse kann Frank Merten all diese Markierungen lesen. "Hier hat wohl jemand ein Stauende übersehen und gerade noch auf dem Standstreifen gebremst."

Bei seiner alten Firma kündigte er entnervt

Probe liegen: Die Koje im 430 PS starken Scania ist gemütlich – weil sie mit einer zusätzlichen Matratze gepolstert ist.

Am Rand der Gegenfahrbahn liegt ein umgekippter Sattelzug. "Der muss eingeschlafen sein", sagt der Fernfahrer und schaut lieber nach vorn. Pkw schießen an ihm vorbei, ein Audi schert vor ihm ein. Sofort ist der Sicherheitsabstand dahin, Merten muss bremsen. Ein paar Mal wiederholt sich das. Doch der schleichende Zeitverlust ist kein Problem, sein Chef macht keinen Druck. Während der ganzen Fahrt erkundigt sich der Disponent kein einziges Mal, ob sein Fahrer im Plan liegt. Das war nicht immer so. Der Vorgesetzte in Mertens alter Firma scheuchte ihn ständig quer durch Europa, immer an der Grenze des Erlaubten. Irgendwann ging es nicht mehr, mit einer Lungenentzündung stellte der Thüringer seinen Lkw ab, ließ sich von seinem Vater abholen und kündigte. Seine Kollegen Michael Lederer (50) und Mario Tschir schnitz (47) sind ebenfalls froh, für Mainsped zu arbeiten, "ein sauberes Unternehmen", sagen sie. Erzählen von einer österreichischen Spedition, die ihre Fahrer pro Kilometer bezahlt. Und von dem Trick anderer Unternehmen, Lenkzeiten zu überschreiten. "Die haben Urlaubsscheine an Bord. Bei einer Kontrolle lassen die Kollegen ihre Fahrtenscheiben verschwinden und behaupten, in den vorangegangenen Wochen verreist gewesen zu sein", berichtet einer.

Merten hat keine Probleme mit den Vorschriften: "Die Touren sind so geplant, dass man sie gut schaffen kann." An diesem Tag ist der Brenner frei, Zeit für eine Pause in Südtirol. Wir wandern zu einer verfallenen Mühle und einem Wasserfall. Das Rauschen erstickt den Autolärm, ein Bauer schenkt uns Äpfel. Ein selten schöner Abstecher in eine nahe, aber doch so ferne Welt.

Autor: Claudius Maintz

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