AUTO BILD bei der Müllabfuhr

AUTO BILD bei der Müllabfuhr

— 30.07.2009

Eine enge Kiste

Falschparker, enge Straßen, genervte Autofahrer. Die Route durch Hamburg-Eimsbüttel gilt als eine der härtesten Touren Deutschlands. Claudius Maintz probiert einen Beruf aus, der vielen von uns stinkt: Müllmann.

Parfüm. Der ganze Müllraum duftet nach Dolce&Gabbana, und die Quelle des guten Geruchs stöckelt die Treppe rauf. Auf dem Weg ins Büro hat die junge Frau ein Mülltütchen in die Tonne tropfen lassen. Doch schon bald erobert der alte Gammelmief die Lufthoheit zurück – aus der Frauentraum. "Mach die Kralle, dann hast du es leichter. Und beeil dich!", brüllt Erik Siersleben. Der 44-jährige Müllmann steht im engen Keller des Jugendstilhauses in Hamburg-Eimsbüttel. Draußen, auf dem regennassen Kopfsteinpflaster, rotiert die Trommel des Müllwagens, hinter dem 280 PS starken Mercedes-Lkw schwillt die Blechlawine an. Ein Taxifahrer verliert die Geduld und fährt einfach über den Bürgersteig. Die Uhr tickt. Innerhalb der nächsten Stunden müssen die vier Männer rund elf Tonnen Unrat einsammeln. Für einen Tag helfe ich ihnen – auf einer der härtesten Müllrouten Deutschlands, quer durch den dicht besiedelten und zugeparkten Hamburger Stadtteil Eimsbüttel.

"Du musst deine Augen überall haben"

Ganz schön knapp: Fahrer Edmund Kelber schiebt sich an falsch parkenden Autos vorbei.

Ich probiere die Kralle: Mit der Linken eine Tonne vor den Bauch klemmen, die andere huckepack und so über die steile Kellertreppe. Wie Segler ihre Knoten müssen Müllmänner diesen und eine ganze Reihe anderer Handgriffe draufhaben. Segeln kann ich, Müll tragen nicht: Die Tonnen schlagen gegen die Kellerwand. Und auf dem holprigen Bürgersteig merke ich, dass ein Mülleimer vollkommen andere Fahreigenschaften als ein Flugzeug-Trolley besitzt. Und dieses Tempo! Links schmerzt mein Knie so wie beim Laufen um die Alster. Und das schon nach einer guten Stunde! Ich stemme mich gegen einen schweren Container, darin der wöchentliche Unrat mehrerer Familien. Auf dem Fußweg wird es eng, ein Radfahrerin schlängelt sich an mir vorbei, aus Versehen versperre ich einer blonden Joggerin den Weg. Eine der vier Plastikrollen versinkt im Matsch. "Du musst deine Augen überall haben", sagt Edmund "Eddie" Kelber, der Fahrer. Seit 35 Jahren ist er Müllwerker, seine Augen springen zwischen einem halben Dutzend Spiegeln und einem Monitor hin und her, der das Bild einer Heckkamera anzeigt. Mit 57 Jahren zählt der gelernte Glasschleifer zum alten Eisen, kaum einer macht den Job bis 65.

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Jetzt beginnt das Abladen in der Verbrennungsanlage. Claudius Maintz ist "fix und alle".

Kelber schiebt seinen Laster zwischen falsch geparkten Autos vorbei. An jeder Seite sind zehn Zentimeter Luft. "Wenn wir abschleppen lassen, kostet uns das eine gute Stunde." Diese Zeit haben wir aber nicht – zumal der Müllreporter den Betrieb ganz schön aufhält. Während die Stammbesatzung schon zwei Häuser weiter ist, stehe ich mit zwei leeren Tonnen ratlos herum. Wohin damit? "Ein Fährtenleser musst du sein", hatte Vorarbeiter Erik Siersleben (44) mir morgens um sechs mit auf den Weg gegeben. Also folge ich den Müllspuren: Fußabdrücke in der Hofeinfahrt, Papierschnipsel, Plastikabreibungen an der Hauswand. Gefunden, hier muss die Tonne hin! Endlich Mittagspause! Mit Risotto oder neumodischem Fingerfood braucht der Koch der Stadtreinigungskantine den Männern gar nicht erst zu kommen. Es gibt Fisch und Steak, auf der Theke steht ein mit Fischstäbchen und Käse belegtes Brötchen.

45 Minuten später liftet Thorsten Clemens schon wieder schwere Tonnen hydraulisch in die Höhe. Mit viel Gefühl bewegt er den Bedienhebel hin und her. "Erst wenn es dumpf klingt, ist nichts mehr drin", sagt er. Es regnet Bindfäden, Clemens tun die Gelenke weh: "So einen Tag könnte ich streichen", schimpft der gelernte Maurer. Das Monatsgehalt für die Maloche: Je nach Dienstjahren zwischen 1700 und rund 4800 Euro. Vorhin hat Clemens eine lebende Ratte mitentsorgt. Das Tier fährt nun in der Mülltrommel Karussell. Kollege Daniel Dieck hatte sogar mal einen entlaufenen Stachelschwanzwaran gefunden und die Echse solange zu Hause betreut, bis der Besitzer sich meldete. "Wir bekommen eine ganze Menge mit", sagt Edmund Kelber. Weinflaschen verraten eine Party, Tapetenrollen deuten auf neue Mieter hin. Es gilt der Satz: Zeige mir deinen Müll, und ich sage dir, wer du bist.

Schleuderkurs für Müllkutscher

Der ADAC bietet eintägige Schulungen für Müllwagen-Fahrer an.

Jeder Müllwagen-Fahrer muss Sicherheitstrainings absolvieren. Ein großer Anbieter ist der ADAC, der die eintägigen Schulungen zum Beispiel in seinen Fahrsicherheitszentren Lüneburg und Gründau-Lieblos anbietet. Dort wird auf spiegelglatten Flächen richtiges Fahren eingeübt. Besonders bei Eis und Schnee zahlen sich die Schulungen aus. Weil sich das Gewicht eines Müllwagens während einer Tour fast verdoppeln kann, ist richtiges Bremsen extrem wichtig.

Autor: Claudius Maintz

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