AUTO BILD bei UPS

AUTO BILD bei UPS

— 30.07.2009

Die Lümmel aus der zweiten Reihe

Jeder freut sich über ein Paket – und ärgert sich, wenn der Kurierfahrer die rechte Spur zuparkt. AUTO BILD hat festgestellt: Oft geht es nicht anders. Claudius Maintz probiert bei UPS den Beruf als Kurierfahrer aus.

Morgens um neun ist die Welt des Kurierfahrers voller Rätsel. Ein Paket raschelt, ein anderes klötert, das dritte ist lang wie ein Alphorn. Was da wohl drin ist? Neugier packt mich, ich will es wissen. Für einen Tag bin ich in die dunkelbraune Verpackung eines Boten vom United Parcel Service (UPS) geschlüpft, gehe zusammen mit Fahrer Harold Williams auf Tour. Mehr als 200 Pakete liegen hinter uns im Laderaum, vor uns 85 Stopps im Düsseldorfer Stadtteil Derendorf. Der aus North Carolina (USA) stammende Williams startet den Motor seines Iveco, rollt vom Gelände des Verteilzentrums im Industriegebiet. Schwere Sattelzüge haben hier über Nacht Post aus aller Welt abgeladen. In meiner gebügelten UPS-Uniform fühle ich mich wie eines der Päckchen hinter mir – eingeschnürt. Hosengröße 32? Die hatte ich als Abiturient mal, jetzt aber bin ich 16 Jahre älter und zwei Nummern weiter – oder besser: breiter.

Die Routen ändern sich kaum, jeder Fahrer hat seine feste Tour

Alphörner? Nein, die Rohre entpuppen sich als riesige Werbeplakate für eine Modefirma.

Eng ist auch das Zeit-Korsett. Die ersten Sendungen zugestellt sein. Ein Arzt wartet auf ein Augenimplantat, das noch heute eingesetzt werden soll. Chirurgen eines Krankenhauses haben spezielles Operationsbesteck geordert – Expressgut. Ein Packer hat es beim Beladen frühmorgens gleich hinter dem Fahrer platziert. Weniger eilige Fracht wurde so einsortiert, dass Pakete für geografisch benachbarte Empfänger direkt nebeneinander liegen. Weil die meisten Pakete an Stammkunden gehen, ändern sich Routen kaum. Jeder Fahrer hat seine feste Tour. Erstes Etappenziel ist das St.-Vinzenz-Krankenhaus. Der 47-jährige Williams fährt direkt vor den Eingang, innerhalb von zwei Minuten ist er seine "heiße Ware" los – das OP-Besteck. Doch nicht immer geht es so schnell. Düsseldorf-Derendorf ist dicht bebaut und zugeparkt. Und so kommt, was kommen musste: Wir werden zum Verkehrshindernis, parken in zweiter Reihe. Schuld ist das Express-Paket mit dem Glasauge. Aber es geht nicht anders. Weit und breit kein Parkplatz, in den der braune Laster passen würde. "Was soll ich machen, ich kann mich doch nicht in Luft auflösen", sagt Williams entschuldigend.

Lesen Sie auch: AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz als Müllwerker

Verkehrshindernis: Mangels Parkplatz stehen Fahrer Williams und AUTO BILD-Reporter Maintz auf der Straße.

Es gab eine Zeit, da bekam er jeden Tag einen Strafzettel. "Aber ich beeile mich ja auch", ergänzt er und wechselt in den Laufschritt. Der Amerikaner ist topfit, alle zwei Tage joggt er. Und im Gegensatz zu mir passt ihm Hosengröße 32! Als Soldat kam er nach Deutschland, bewachte im Kalten Krieg Atomsprengköpfe. "Gegen den Job als GI ist das hier easy", sagt Williams mit amerikanischem Akzent, während er zwei Stockwerke eines Neubaus hochflitzt. Ab Etage vier muss er den Fahrstuhl nehmen – eine von vielen UPS-Regeln. Eine andere: Schwarze Schuhe sind Vorschrift, mit meinen braunen Boots liege ich voll daneben. Ebenso mit Fünftagebart. Oben geben wir den schweren Umschlag ab. Eine Transportfirma hat sich Dokumente schicken lassen – ausgerechnet von UPS, der Konkurrenz. "Wir befördern nur große Sachen", sagt eine Mitarbeiterin leicht verlegen.

Williams rangiert auf dem kleinen Parkplatz eines Gewerbehofs. Vor dem Rückwärtsfahren hupt er – wieder so eine UPS-Regel. Sabine Lamann hat den Kurier schon erwartet. "Bald ist Messe. Hier sind Zeichnungen drin", sagt die Inhaberin einer Modefirma und nimmt den Umschlag in Empfang. Selbst die Riesenröhren haben etwas mit der Modemesse zu tun. Drin sind keine Alphörner, sondern zusammengerollte Werbeposter. Und in dem Raschelpaket von heute Morgen schlummern verführerische Dessous. Das klöternde Paket entpuppt sich als Gesellschaftsspiel – ein Präsent. Auch für Harold Williams war mal ein Geschenk dabei. Während der Arbeit traf der Kurierfahrer auf die Liebe seines Lebens. Er hatte ihr immer die Post gebracht – vier Jahre lang. In ein paar Monaten ist die Hochzeit.

Nicht alle Zusteller sind zufrieden, ein Kurier packt aus

Bastian B. war ein Jahr bei UPS. "Jeden Tag musste ich 30 Minuten früher da sein, um meine Pakete zu sortieren – ohne Bezahlung. Mein Wagen verlor ständig Öl, mein Vor gesetzter hat nichts dagegen getan. Beim Bremsen habe ich öfter mal ins Leere getreten. Eine Woche lang bin ich mit gebrochener Blattfeder gefahren. Urlaub zu nehmen war fast unmöglich. Als ich mal krank war, muss te ich nach meiner Rückkehr unterschreiben, dass meine Kollegen wegen meines Fehlens deutlich mehr arbeiten mussten. Es war eine mit 1800 Euro netto gut bezahlte Stelle, aber immer noch ein Sklavenjob." Ein UPS-Sprecher: "Ein Einzelfall. Man kann es nicht jedem recht machen."

Autor: Claudius Maintz

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.