AUTO BILD beim Abschleppdienst

AUTO BILD beim Abschleppdienst

— 14.08.2009

Wir kriegen Sie alle

Jede Woche probiert Reporter Claudius Maintz einen Beruf aus, der Autofahrern stinkt. Folge 5: Abschleppwagenfahrer. Wer einmal abgeschleppt wurde, weiß: Das wird teuer! Die wütenden Autofahrer sind aber auch oft im Unrecht.

Mit allen vier Rädern stemmt sich der alte Golf gegen sein Schicksal. Es scheint so, als wolle er es Daniel Mergler besonders schwer machen, ihn abzuladen. "Die Handbremse ist gezogen und der Gang noch drin", sagt mir der 28-Jährige und fährt seinen Abschleppwagen einen halben Meter vor. Doch der VW klebt fast auf der Ladefläche, dem Plateau. Es vergehen Minuten, bis Mergler seine Fracht auf dem Verwahrplatz in Köln-Ossendorf endlich abgeschüttelt hat. Wenn es noch länger gedauert hätte, wäre eine unscheinbare Sprühflasche zum Einsatz gekommen. Darin Schmierseife, die Wunderwaffe der meisten Abschleppwagenfahrer gegen zu viel Bodenhaftung. Ein Kollege Merglers öffnet die Tür seines Arbeitsgeräts. In der Seitenablage: eine Armada aus 25 Abschlepphaken, die sich in die Stoßstangen der gängigsten Modelle schrauben lassen. Außerdem an Bord: Umlenkrollen für das Stahlseil, um Falschparker auch aus engsten Parklücken pulen zu können. "Wir kriegen jedes Auto", sagt mir Mergler stolz.

AUTO BILD-Reporter Maintz beim Straßenbau und bei UPS

Offene Cabrios stellt die Firma Colonia in einer gut gesicherten Lagerhalle unter.

Die Kölner wissen ein Lied davon zu singen – und es ist weiß Gott kein lustiges Karnevalslied. Städtische Ordnungshüter jagen Falschparker, besonders die City rund um den Dom gilt als Parkplatznotstandsgebiet. Und ein wenig Hollywood ist Köln außerdem. Ständig drehen Filmteams in der Medien-Stadt. Und das kann teure Folgen haben. Am Sudermannplatz nördlich des Hauptbahnhofs steht an diesem Tag ein Golf III im Bild – und nebenbei im Halteverbot. Vor einer Woche hat die Filmfirma Schilder aufstellen lassen. Der Golf-Halter aber hat davon anscheinend nichts mitbekommen – vermutlich ist er verreist. Nach fünf Minuten atmet der Kameramann auf, der VW rollt huckepack auf den Sicherstellplatz der Firma Colonia. Dort wartet ein halbes Dutzend solcher Urlauberautos, darunter ein Porsche 911 und ein Lupo. Während ihre Besitzer weit weg den Alltag vergessen wollen, haben sich vor ihren Häusern Baugruben aufgetan oder Filmsets ausgebreitet. Juristisch gilt: Sobald das Schild vier Tage steht, darf abgeschleppt werden – in Köln für rund 100 Euro zuzüglich acht Euro Abstellgebühren pro Tag.

Claudius Maintz bei der Müllabfuhr und bei der Kfz-Zulassungsstelle

Sichergestellt: gestohlene Autos aus Frankreich, Spanien und Deutschland.

Heute aber ist es ruhig, die halbe Stadt scheint Urlaub zu machen – inklusive der Politessen. Deshalb steht Pannenhilfe statt Parksünder auf dem Programm. In Köln-Deckstein ist ein Mini mit defektem Keilriemen liegen geblieben. Kinder beobachten staunend, wie der Kleinwagen auf die Ladefläche von Oliver Koch schwebt. Der 31-Jährige ist seit zwei Jahren beim Abschleppdienst Colonia, an der Frontscheibe prangt ein Fanschal des 1. FC Köln. Vor ein paar Tagen hat Koch den falsch geparkten Sportwagen eines Nationalspielers vom Erzrivalen Leverkusen abgeschleppt. "Ich achte sehr darauf, dass nichts kaputtgeht", sagt der zweifa-che Familienvater. Wie alle seine Kollegen hat er spezielle Kanthölzer dabei, um tiefergelegte Wagen nicht zu beschädigen. Damit Aluräder nicht zerkratzen, werden weiche Gurte eingesetzt. Doch so viel Sorgfalt weiß nicht jeder zu schätzen. Oft werden Abschleppwagenfahrer wüst beschimpft. "Man entwickelt Menschenkenntnis und weiß sofort, wie man auf die Leute zugehen muss", sagt Daniel Mergler, seit zwei Jahren dabei. Was viele vergessen: Er und seine Kollegen ziehen nicht nur Parksünder aus dem Verkehr, sie fahren auch zu Unfällen.

Erst vor ein paar Tagen hat Mergler seinen ersten Toten gesehen. Er lag neben einem zerstörten Motorroller. "Danach war mir übel", sagt der junge Mann. Auch den blutverschmierten BMW eines Mannes, der sich in den Kopf geschossen hatte, musste er schon aus einer Tiefgarage ziehen – ein Auftrag der Kriminalpolizei. Manchmal meldet sich auch das Eichamt. Um eine Radarfalle zu justieren, ist Kollege Polednia mit seinem Abschleppwagen immer wieder in dieselbe Messanlage gerauscht. "Viele Autofahrer haben mir einen Vogel gezeigt", sagt er. Es hat ihm nichts ausgemacht. Er ist Kummer gewohnt.

Tipps vom Verkehrsrechts-Experten

AUTO BILD-Rechtsexperte Uwe Lenhart plädiert für "sinnvolles Abschleppen".

AUTO BILD-Rechtsexperte Uwe Lenhart plädiert für "sinnvolles Abschleppen, denn der öffentliche Parkraum soll möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen". Um mögliche Behördenfehler zu finden, hat er eine Checkliste erarbeitet:
Wurde ein vorübergehendes Halteverbot rechtzeitig eingerichtet?
Generell gilt, dass frühestens ab dem vierten Tag nach Aufstellung der Beschilderung abgeschleppt werden darf und der Halter die Kosten hierfür tragen muss. Die Rechtsprechung verlangt, sich mindestens alle vier Tage über die Verkehrssituation und aktuelle Veränderungen zu informieren. Ist man zum Beispiel urlaubsbedingt hierzu nicht in der Lage, sollte man einen Dritten beauftragen.
• Ist Abschleppen trotz Handy-Nummer erlaubt?
Ja, denn es ist möglich, dass Halter oder Fahrer gerade nicht erreichbar sind und die vom Fahrzeug ausgehende Behinderung zu Lange andauert. Deshalb sollten neben der Mobilfunknummer genaue Aufenthaltsort des Fahrers sowie die Bereitschaft, unverzüglich zu erscheinen, vermerkt sein. Außerdem muss ersichtlich sein, wie schnell der Wagen entfernt werden kann.
• Abschleppen von Privatgrundstück gestattet?
Ja, der Grundstücksbesitzer darf aber nicht vorschnell handeln, etwa wenn der Parkende nur für wenige Minuten angehalten hat.

Autor: Claudius Maintz

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