AUTO BILD beim Straßenbau

AUTO BILD beim Straßenbau

— 07.08.2009

Ein Knochenjob

Jede Woche probiert AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz einen Beruf aus, der Autofahrern stinkt. Folge 4: Straßenbauarbeiter. Denn die gelten als Staumacher – weil sie angeblich zu langsam und zu selten arbeiten.

Ich höre sofort auf zu jammern! Beklage mich nicht mehr über zu lange Arbeitstage, wenig Personal oder hohe Kantinenpreise. Nach einem Tag als Straßenbauarbeiter weiß ich, wie gut ich es eigentlich habe. Vier Uhr dreißig. Wann musste ich das letzte Mal so früh raus? Mal überlegen, vor einem Jahr, als ich in den Griechenland-Urlaub geflogen bin, glaube ich. Aber es ist traumhaft schön, wenn man noch vor dem Wachwerden aufsteht. Zumindest im Sommer. Der Himmel ist wolkenlos, Nebel verschleiert die Kuhwiesen entlang der Autobahn 14, die bei Ventschow (Mecklenburg-Vorpommern) urplötzlich endet. Dazwischen 15 Kilometer Baustelle. Bis Dezember muss das Straßenbauunternehmen Bunte die Lücke schließen – und kassiert dafür 42 Millionen Euro.

Der heiße Asphalt dampft bei 150 Grad

Ein kleines Stück der Autobahn 14 hat AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz gebaut – mit dem sogenannten Fertiger.

Um sieben Uhr schmeißt Jürgen Jenning den sogenannten Fertiger an. Vorn kippen Lastwagen 150 Grad heißen Asphalt rein, hinten kommt die 14 Zentimeter dicke Tragschicht raus. Später werden noch Binderschicht (acht Zentimeter) und Deckschicht (vier Zentimeter) draufgepackt. Inklusive darunterliegendem Sand, Zement- und Schotterlagen ist das Fahrbahnsandwich 95 Zentimeter dick. Per Joystick dirigiert Jenning das 0,45 km/h langsame Monstrum an einer Schnur entlang – mehr als einen halben Zentimeter darf der 58-Jährige nicht von der Ideallinie abweichen. Mich lässt er auch mal ran, ich baue gut zehn Meter Autobahn – das macht stolz! Die Sitzheizung lasse ich an diesem Tag aus, es ist ohnehin warm genug: fast 30 Grad. Direkt unter mir dampft der heiße Asphalt. Mit einem Thermometer habe ich vorher dessen Temperatur geprüft: 150 Grad. Kälter als 135 Grad darf der schwarze Teig aus Bitumen und Steinen nicht sein, sonst lässt er sich nicht mehr fachgerecht verlegen. "Ich trinke hier oben drei Liter pro Tag. Locker", sagt Fahrer Jenning, ein gelernter Straßenbauer.

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Tierschutz: Das Kontrollieren der 500 Kröteneimer am Amphibienschutzzaun. Fast nie ist ein Tier drin.

Ein halbes Leben ist er im Job, der Rücken schmerzt ständig. Bis 18 Uhr arbeiten er und seine fünf Kollegen. Eine richtige Mittagspause haben die Männer nicht. Zum Glück kann Karl-Heinz Wutke mit der Walze kochen. Morgens packt er eine Konserve in den Motor, mittags ist das Essen warm. Wer will, kann vorher noch im Teewagen einkehren – immer um fünf vor eins. Eine Tradition aus Ostfriesland, der Heimatregion der Firma Bunte. Doch an diesem Tag hat kaum jemand Zeit für Teatime. Rund 420 Meter Autobahn muss die aus sechs Straßenbauern bestehende Kolonne noch schaffen, 1700 Tonnen Asphalt verlegen. Vor dem Fertiger stauen sich die Lkw, jeder kann 26 Tonnen zuladen. Zwölf Sattelzüge pendeln von morgens bis abends zwischen dem 22 Kilometer entfernten Mischwerk und der Baustelle. Zu lange dürfen sie nicht unterwegs sein, sonst kühlt die rund 1000 Euro teure Ladung zu stark ab. Streikt der Fertiger, muss Bauleiter Rainer Bippen die Mischanlagen stoppen lassen. Mit dem Zollstock überprüft er die Fahrbahndicke. Die vereinbarten 14 Zentimeter zu überschreiten wäre technisch kein Problem – wohl aber finanziell. "Der Auftraggeber bekäme für das gleiche Geld mehr Autobahn, als er bezahlt", sagt der 33-Jährige.

Alles ist genau kalkuliert und ausgemessen, auch um spätere Regressforderungen zu vermeiden und Missgeschicke wie neulich auf der Autobahn 20. Dort führt aufsteigende Feuchtigkeit zu Blasen im Asphalt, die genaue Ursache ist unklar. Bippen: "So etwas darf uns auf keinen Fall passieren." Der Bauingenieur hat noch andere Sorgen: Zwei seiner Leute kontrollieren permanent 500 Eimer, die entlang eines Amphibienschutzzaunes im Boden versenkt sind. Wenn eine Kröte drin ist, muss sie auf die andere Seite der Trasse getragen werden. In jedem Eimer ist ein nicht zu glatter Stock, an dem Mäuse und Spinnen in die Freiheit klettern können. So was muss sein auf einer deutschen Autobahnbaustelle.

Claudius Maintz bei der Müllabfuhr und bei der Kfz-Zulassungsstelle

Eine FDP-Anfrage im Bundestag hat ergeben: Im Schnitt wird auf Autobahn-Baustellen nur 55 Stunden pro Woche gearbeitet.

Eine FDP-Anfrage im Bundestag hat ergeben: Im Schnitt wird auf Autobahn-Baustellen nur 55 Stunden pro Woche gearbeitet. Auf der A 1 zwischen Osnabrück-Nord und Bramsche ist das anders, hier stehen die Maschinen nie still. Die Kosten des Projekts sind um fünf bis zehn Prozent höher, die Bauzeit für das 8,4 Kilometer lange Stück beträgt 15,5 statt 24,5 Monate. Noch aber steht weiteren 24-Stunden-Baustellen die aktuelle Gesetzeslage entgegen. Das Sonntagsfahrverbot für Lkw kann zu Materialengpässen führen. Nächtliche Lärmschutzgrenzwerte sind viel zu niedrig, wenn zum Beispiel die Fahrbahn aufgemeißelt werden muss. Nach dem Arbeitszeitschutz- gesetz ist Sonntagsarbeit nur in Notfällen gestattet – also bei unaufschiebbaren Tätigkeiten. "Die Genehmigungen liegen vor", versichert Cord Lüesse von der niedersächsischen Straßenbaubehörde.

Autor: Claudius Maintz

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