Frauen in der Formel 1

Die nächste, bitte! Die nächste, bitte!

AUTO BILD MOTORSPORT Formel 1

— 03.02.2005

Die nächste, bitte!

Seit über zehn Jahren fahren keine Frauen mehr mit in der Formel 1. Für Ex-Weltmeister Niki Lauda ein Unding. Denn er traut den Damen im Cockpit viel mehr zu als viele andere. Mit Recht. Ein Rennarzt bestätigt es.

"Voraussetzungen für Frauen sind ideal"

Formel 1 und endlich eine weibliche Pilotin – nie waren die Zeiten so günstig. Sagt Niki Lauda. "Die Voraussetzungen sind ideal für eine Frau", so der dreimalige Weltmeister, "sie haben keine physischen Nachteile mehr. Früher erforderte das Fahren noch viel Kraft. Heute ist es mit Servolenkung und elektronischen Hilfsmitteln viel einfacher." Konter F1-Boß Bernie Ecclestone: "Keiner nimmt eine Rennfahrerin ernst, um viel Geld zu investieren. Deshalb bekommen sie nie ein konkurrenzfähiges Auto." Es sei denn, sie seien schnell wie Schumi und schön Heidi Klum.

Gibt’s diese Frau? Ist irgendwo so ein Edelstein vergraben? In Deutschland macht derzeit eine Schweizerin auf sich aufmerksam: Natacha Gachnang (17). Sie kämpft in der Formel BMW ADAC mit 140 PS gegen 27 Jungs. Im Training zeigte die Brünette den Burschen einige Male den Heckflügel. Doch die Rennresultate sind nicht so brillant. Ihre besten Ergebnisse: zweimal Platz vier. In England startet Susie Stoddart (21) in der Formel Renault (185 PS). Dreimal stand die Schottin in diesem Jahr auf dem Podium. Am Ende der Saison belegte sie Rang fünf.

Ana Beatriz C. Gomes de Figueiredo (19) – der Name der Brasilianerin verspricht viel. Und Bia, wie sie kurz genannt wird, scheint einiges davon zu halten. In der brasilianischen Formel Renault hat sie die Jungs schon öfters – wie bei einer heißen Samba – ins Schwitzen gebracht: vier Podestplätze und in der Gesamtwertung Rang vier.

In den USA läßt Danica Patrick die Rekorde purzeln. Die 22jährige aus Ohio drehte als einzige in der Toyota-Atlantik-Meisterschaft (240 PS) alle 417 Rennrunden, fuhr dabei zehnmal unter die ersten fünf (einmal Platz zwei) und beendete ihre zweite Saison in der Klasse direkt unter der ChampCar-Serie als Dritte.

Leben für den Rennsport und für sonst nichts

Das sind vier junge Frauen, die sich in die Königsklasse kämpfen wollen. Doch der Weg dahin ist äußerst steinig. "Es gibt sehr viele Nachwuchsformeln. Und in der Formel 3 wird es schon eng. In die Formel 1 schafft es dann einer von 1000 oder sogar 10.000", sagt Ellen Lohr (39), die 1990 mit Michael Schumacher, Heinz-Harald Frentzen und Mika Häkkinen in der Formel 3 fuhr.

In den Einstiegsklassen, im Kartsport, trifft man noch viele Mädchen an. Doch je älter sie werden, um so öfter gewinnen andere Interessen die Oberhand. Die Probleme beginnen, so Ellen Lohr, die als einzige Frau ein DTM-Rennen gewann (1992), schon daheim in den Familien: "Der Rückhalt für einen schnellen Sohn ist größer als für eine schnelle Tochter. Mädels gehen zu schnell Kompromisse ein." Sagt eine Frau. Dabei weiß Niki Lauda: "Frauen können genauso aggressiv und brutal vorgehen wie Männer. Notfalls im Rennen. Das zeigen sie in ihren Beziehungen ja auch."

Bia Figueiredo scheint Glück zu haben. Vater Jorge träumt davon, sein kleines Mädchen in der Formel 1 fahren zu sehen. "Mit sechs Jahren hat mein Dad mich zu einem Kartrennen in Interlagos mitgenommen. Ich habe es sofort geliebt", strahlt die 19jährige. Damals ist sie gegen Nelsinho Piquet gefahren und hat ihn geschlagen. "Sie hat wirklich Talent", knurrte Piquet jun. eher unwillig. Doch war das ein Zugeständnis, das aus dem Mund eines brasilianischen Mini-Machos besondere Qualität hat.

Bia plant nun als nächsten Schritt die südamerikanische Formel 3 oder Formel Renault in Europa. Doch alles hängt vom Geld ab. "Ich habe einen tollen Sponsor. Für mich war es jetzt einfacher, weil ich eine Frau bin und gute Resultate erzielt habe", gibt Bia zu. Der Teenie ist selbstbewußt: "Ich will in die Formel 1. Dafür muß ich hart arbeiten, aber man braucht auch Talent, Entschlossenheit, gute Unterstützung und Glück. All das habe ich." Noch einmal Niki Lauda: "Um richtig gut zu werden, müßten sie aufgebaut werden wie die Jungen. Und sie müßten nur für den Rennsport leben und für sonst nichts."

Schnelle Frauen – für Männer ein Problem

Ohne Frage: Die Mädels haben es nicht leicht in der Machowelt Motorsport. Kein männlicher Gegner von Natacha Gachnang in der Formel BMW gibt es offen zu, aber hinter vorgehaltener Hand tuscheln sie: "Ich will nicht, daß sie schneller ist. Das werde ich mit allen Mitteln verhindern." So manche Rambo-Aktion hat Natacha schon erlebt. Ellen Lohr aus eigener Erfahrung: "Wenn Männer merken, daß eine Frau schneller ist, klemmen sie das Messer zwischen die Zähne und kämpfen, bis Blut kommt."

Natacha Gachnang zog dieses Jahr nach Deutschland, um sich zu 100 Prozent auf den Motorsport zu konzentrieren. Betreut wird sie bereits von Schumis Manager Willi Weber. Doch beim Thema F1 wiegelt sie ab: "Das ist so weit weg. Darüber rede ich nicht."

"Ich habe bisher noch keine Frau gefunden, die den Biß wie Claudia Hürtgen und ich hatte", sagt Ellen Lohr. Claudia Hürtgen (33) zählte zu den großen Talenten, bis 1993 ein schwerer Unfall beim F3-Rennen in Monaco ihre Formel-Karriere beendete. Ihr Auto kippte auf die Seite, und die rechte Hand wurde zwischen Cockpit und Asphalt zerquetscht. Heute ist die Aachenerin die erfolgreichste Lady im deutschen Tourenwagen-Sport. Sie verteidigte 2004 ihren Titel in der DPM.

"Frauen sind belastbarer als Männer"

Als Grundproblem bleibt: Die meisten Mädchen geben zu früh auf und fliehen in einen der vielen Markenpokale. Wie Stephanie Halm (20). "Für den Formelsport hatte ich nicht genug Geld", sagt die Alfa-Cup-Pilotin, "früher war die Formel 1 mein Traum, aber wirklich dran geglaubt habe ich nicht ..."

"Dabei würde dem Motorsport eine Frau in der Formel 1 gut tun, auch der Frauenwelt. Es gibt keine absoluten Grenzen. Das beweisen Millionen Mütter täglich", sagt DMSB-Präsident Winnie Urbinger. "Frauen sind viel belastbarer als Männer. Deswegen wundert es mich, daß es keine in die Formel 1 schafft."

Körperlich spricht nichts gegen einen Einsatz. "Frauen sind genauso leistungsfähig wie Männer, wenn sie dementsprechend trainieren", konstatiert Dr. Riccardo Ceccarelli, Toyota-F1-Teamarzt (siehe Seite sechs). Natacha Gachnang aber sieht sich auf dem richtigen Weg: "Ich mache jeden Tag zwei Stunden Sport. Doch nicht wie ein Bodybuilder, sondern viel Fahrrad fahren. Und Klettern - als mentales Training."

Fester Handschlag als Markenzeichen

Der Rückblick in die Antike zeigt, daß Frauen durchaus das Ziel hatten, in Männer-Domänen einzudringen. Im alten Rom galten weibliche Gladiatoren als exotisch und außergewöhnlich. Sie setzten sich, kein Wunder, in dem männermordenden Geschäft jedoch nicht wirklich durch. Parallelen zeigt die Formel 1. "Die wird gern mit einem Helden-Mythos überzogen. Da gehören angeblich nur Männer hinein. Wir Frauen müssen immer gegen die Vergangenheit kämpfen", so Ellen Lohr.

Die letzte Frau, die in einem F1- Auto saß, war Sarah Fisher (24). 2002, vor dem GP USA, durfte die US-Amerikanerin vier Demo-Runden im McLaren-Mercedes drehen. Dabei war sie die erste Frau, die bei den 500 Meilen von Indianapolis die Pole holte (2000). Ein Jahr später kam sie im IndyCar auf den zweiten Platz. Aber das US-Girl hat bei der F1-Probefahrt wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Oder war die Tour von vornherein lediglich ein Marketing-Gag?

Ihre Landsfrau Danica Patrick scheint da eine beeindruckendere Methode gefunden zu haben. "Mein fester Handschlag ist zu meinem Markenzeichen geworden", grinst die brünette Beauty. Diese eisenharte Begrüßung vergißt keiner so schnell. Und wer weiß, vielleicht sieht Niki Lauda schneller als gedacht eine Danica, Natacha, Susie oder Bia im Starterfeld der F1.

"Körperlich kein Limit für Frauen"

AUTO BILD MOTORSPORT: Kann eine Frau die körperlichen Strapazen eines F1-Rennens durchstehen? Dr. Riccardo Ceccarelli: Ich untersuche seit 15 Jahren die physischen und mentalen Anstrengungen, die auf einen Fahrer während eines Rennens einwirken. Den Körper müssen wir in zwei Komponenten gliedern. Da sind zum einen die Muskeln: Nacken und Arme können so trainiert werden, daß eine Frau in jeder Rennserie mithalten kann. Allerdings gilt dies nicht für Sportarten, in denen 90 Prozent des Kraftaufwandes körperlich sind, wie zum Beispiel im Radsport oder Leichtathletik. Durch Testosteron, was Männer in großen und Frauen nur in geringen Mengen produzieren, können sie nicht die gleichen Leistungen erbringen. Aber beim Reiten oder Rennfahren kommt es nicht auf die reine Muskelmasse an. Da gibt es kein körperliches Limit für Frauen.

Woran scheitern die Damen dann? Wir haben noch die zweite Komponente: die mentale Seite. In diesem Bereich haben wir medizinisch das Problem, daß wir nicht genügend Fahrerinnen haben, um das zu analysieren. Bei Formula Medicine machen wir derzeit eine Studie mit 300 Männern. Wir arbeiten aber nur mit drei Frauen. Das macht gerade mal ein Prozent aus. Bei Frauen könnten mentale Schwächen beispielsweise die Reflexe sein oder eine konservativere Vorgehensweise sowie geringere Risikobereitschaft. Aber grundsätzlich denke ich, daß es auch kein mentales Limit für Frauen gibt.

Müssen Frauen mehr trainieren? Ja, weil Frauen viel weniger Testosteron haben. Aber wie gesagt: Im Motorsport herrscht ein Mangel an Studien über die Anstrengungen im Rennauto. Wir haben jetzt eine Methode gefunden, um das Gehirn des Piloten beim Fahren zu untersuchen und Unterschiede zwischen Siegfahrern und normalen Menschen aufzuzeigen. Damit können wir auch analysieren, wie weibliche Rennfahrer reagieren. Grundsätzlich gilt: In jedem Sport ist Entschlossenheit von großer Bedeutung. Kulturell und historisch gesehen waren die Männer immer die Jäger, haben also gelernt, sich zu 100 Prozent auf eine Sache zu konzentrieren. Frauen und Mädchen orientieren sich dafür schneller um.

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