AUTO BILD MOTORSPORT Rallye-WM

Findet Märtin den Weg zurück? Findet Märtin den Weg zurück?

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— 25.10.2005

Findet Märtin den Weg zurück?

Es ist der Horror für jeden Rallye-Piloten: Beifahrer tot durch Unfall. Armin Kremer und Marc Surer haben das wie zuletzt Markko Märtin erlebt. Sie haben es verarbeitet. Wie, das erzählen sie hier.

Kremer: "Pausieren ist der falsche Weg"

Offenbar der erste Schritt zum Rückzug. "Markko Märtin wird 2005 keine Rallye mehr bestreiten", teilte sein Arbeitgeber Peugeot mit. Der Este, dessen Beifahrer Michael Park bei der Rallye Großbritannien ums Leben kam, hatte nach der Tragödie schon zuletzt in Japan pausiert. Bei den kommenden Asphalt-Rallyes auf Korsika und in Spanien wird er durch den Franzosen Nicolas Bernardi ersetzt. Beim Finale in Australien fährt wohl wie schon in Japan der Schwede Daniel Carlsson.

"Wenn Märtin jemals wieder Rallyes fahren will, ist Pausieren der falsche Weg", sagt Armin Kremer. Der Mecklenburger hat vor acht Jahren dasselbe Horrorszenario durchgemacht wie Märtin. Sein Copilot Sven Behling starb bei einem Unfall während der Rallye Deutschland. Ermutigt von Team (Subaru), Sponsor und vor allem von der Familie Behling, saß Kremer als amtierender Deutscher Meister schon drei Wochen später bei der Hunsrück-Rallye wieder hinterm Lenkrad.

"Wäre es nur nach mir gegangen, hätte ich den Helm an den Nagel gehängt", erinnert sich Kremer, der mit viel Glück den Unfall unverletzt überstanden hatte. "Aber in der Nachbetrachtung war es das einzig Richtige, sofort wieder bei einer Rallye zu starten." Kremer verarbeitete den Tod seines Schulfreundes aktiv im Rennsport, indem er seine Karriere als Halbprofi fortsetzte.

Armin Kremer wurde in der dem Unfall folgenden Saison erneut Deutscher Meister, wurde 2003 Asien-Pazifik-Champion. "Daß Motorsport ein Risiko mit sich bringt, weiß jeder Fahrer und Beifahrer", sagt er, "das bin ich – auch nach einem solchen schrecklichen Erlebnis – weiter bereit einzugehen."

Spitzname des Freundes auf Nummernschild

Ähnlich sah das Peter "Possum" Bourne, dessen Beifahrer Rodger Freeth 1993 bei einem Unfall bei der Rallye Australien starb. Auch für Bourne kam der entscheidende Anstoß von der Familie seines Nebenmanns. Der damals unverletzt gebliebene Neuseeländer setzte seine Profikarriere nahtlos fort. Er holte noch im selben Jahr "für Rodger" zum zweiten Mal den Titel in der Asien-Pazifik-Meisterschaft. 1994 und 2000 gewann er erneut das Championat, seine Rallyeautos trugen dabei stets den Schriftzug "ROJ" – Rodger Freeth' Spitzname – auf dem Nummernschild. 2003 verunglückte Bourne bei einem Unfall im normalen Straßenverkehr tödlich.

Sofort wieder in ein Rallyeauto zu steigen, wäre auch für Marc Surer der einzige Weg gewesen, die Laufbahn nach seinem Unfall von der Rallye Hessen 1986 fortzusetzen. Damals verlor Beifahrer Michel Wyder sein Leben, Surer selbst erlitt schwerste Verbrennungen. "Ich habe ein Jahr gebraucht, bis ich wieder einigermaßen gesund war", blickt der Schweizer zurück. Der zum damaligen Zeitpunkt bereits zwei schwere Unfälle in der Formel 1 hinter sich hatte und Rallyes eigentlich nur als zweites Standbein neben seinem Job als Grand-Prix- Pilot bei Arrows sah.

Liebäugeln mit einem Ford-Cockpit

"Während meiner Genesung hatte ich viel Zeit, über alles Mögliche nachzudenken", erzählt Surer, für den der DM-Lauf in Hessen sein zwölfter Start abseits der Formel 1 war. "Man hat als Fahrer nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern auch für den Beifahrer. Das ist ein großer Unterschied zu Rundstreckenrennen, wo du jedes Risiko nur für dich alleine eingehst."

Marc Surer beendete nach dem Unfall seine Karriere offiziell, zur "Hälfte aus medizinischen, zur Hälfte aus psychologischen Gründen". Er glaubt nicht, daß er nach einem Jahr Pause noch den für professionellen Motorsport nötigen Ehrgeiz und die Risikobereitschaft aufgebracht hätte. "Entweder du steigst sofort wieder ins Auto oder nie wieder", ist der 54jährige überzeugt. Heute arbeitet er als TV-Kommentator in der Formel 1. In ein Rallyeauto setzte er sich erst 15 Jahre nach dem fatalen Crash wieder – bei einem Test für eine Fernsehsendung. Nur zum Spaß bestreitet er noch kleinere Rennen.

So soll die Zukunft für Markko Märtin nicht aussehen. Der Este will 2006 unbedingt in die WM zurückkehren. Weil sich sein bisheriger Arbeitgeber Peugeot zum Jahresende aus der WM zurückzieht, liebäugelt Märtin mit einem Wechsel zu Ford. Im Focus fuhr er schon von 2002 bis 2004 und gewann fünf WM-Rallyes.

Allerdings ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt Rallye-WM angespannt. Wegen des Ausstiegs von Peugeot und Konzernschwester Citroën fehlen 2006 vier Werkscockpits. Und so zynisch es auch klingen mag, durch seinen Verzicht auf die letzten vier Rallyes in diesem Jahr hat Märtin seine Chancen auf ein Werkscockpit nicht unbedingt verbessert.

Keine Erinnerungen an den Unfall

Markko Märtin kann sich nur bruchstückhaft an die entscheidenden Sekunden am Morgen des 18. September 2005 bei der Rallye Großbritannien erinnern. "Ich weiß noch, daß ich gemerkt habe, daß wir zu schnell sind und von der Straße abkommen", rekapituliert der Peugeot-Werkspilot die Linkskurve in der 15. WP der Rallye. "Mir war klar, daß wir einen Baum treffen werden. Dann kann ich mich an nichts erinnern."

Der Peugeot 307 WRC prallte mit wahrscheinlich mehr als 100 km/h genau auf Höhe der rechten Tür gegen einen Baum. Beifahrer Michael Park wurde durch die Wucht des Aufpralls getötet. Sein Sitz war bis auf die Mittelkonsole verschoben. Märtin blieb bis auf Prellungen unverletzt.

Tödliche Rallye-Unfälle

31. Mai 1986: Marc Surer kämpft um den Sieg beim DM-Lauf Rallye Hessen. Auf dem Schottenring rutscht sein Ford RS 200 mit mehr als 200 km/h seitwärts in einen Graben. Von einem Baum wird das Auto in zwei Teile zerrissen und geht in Flammen auf. Surer wird herausgeschleudert und überlebt mit vielen Knochenbrüchen und Verbrennungen. Beifahrer Michel Wyde stirbt.

4. Juli 1997: Der Subaru von Armin Kremer/Sven Behling schleudert bei der Rallye Deutschland gegen einen Baum, überschlägt sich einen Abhang hinunter. Kremer kann sich aus eigener Kraft befreien. Medizinstudent Behling ist vermutlich bewußtlos. Als das Fahrzeug Feuer fängt, kommt jede Rettung zu spät.

Autor: Christian Schön

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