AUTO BILD trifft Fiat

AUTO BILD trifft Fiat

— 15.04.2008

"So gut sein wie Toyota"

Fiat war zu Besuch bei AUTO BILD. Chefentwickler Harald J. Wester redete Klartext: über Qualität, neue Motoren und die Pläne für Fiat 500, Topolino und Alfa 169.

Turin trifft Hamburg. Fiat zu Gast bei AUTO BILD. Chefentwickler Harald J. Wester plauderte beim Besuch im Axel Springer Verlagsgebäude aus dem berühmten Nähkästchen. Der Konzern plant, die Kapazitäten für den Fiat 500 von 120.000 auf 190.000 auszuweiten. Einen Fünfmeter-SUV wird es nicht geben. Dafür glaubt man in der Chefetage der Italiener fest an den Lancia Delta. Als Referenz für die Qualität ihrer Modelle dient Fiat die Strategie von Toyota. AUTO BILD: Wenn wir über Fiat reden, müssen wir über Qualität reden. Was haben Sie getan, damit diese besser wird? Wester: Jede Menge – denken Sie nur an die ausgezeichneten Langzeittests mit dem Panda, auch hier in AUTO BILD. Fiat war für viele Hersteller schon früher eine technische Referenz. In den 90er-Jahren hat allerdings Fehlentwicklungen gegeben, als viele autonome Bereiche entstanden sind, die alle ihre eigenen Lieferanten hatten und keine gemeinsamen Standards. Wenn ein neues Fahrzeug entwickelt wurde, hat man immer wieder mit einem weißen Blatt Papier begonnen. Jetzt gibt es diese Standards. Diese Standardisierung macht auch unsere Entwicklungszeiten kürzer – wir sind etwa 30 bis 40 Prozent schneller als der Wettbewerb.

Harald J. Wester in Erzähllaune: Vom Fiat 500 soll ein Cabrio kommen, der Topolino soll ein kleiner Ableger des Panda werden.

Citroën hat bekannt gegeben, sich in Sachen Qualität an Audi orientieren zu wollen. An wem orientieren Sie sich? Unsere Referenz bei der Qualität, insbesondere bei der Langzeitqualität, ist Toyota. Ich denke, dass wir bis 2012 gleichziehen können – in einigen Bereichen sind wir schon so weit. Was sehen Sie für Trends? Werden zum Beispiel SUV trotz der Umweltdiskussionen weiterhin so stark gefragt sein? Ich denke, dass wir uns alle auf eine Art neue Bescheidenheit besinnen. Dass viele Konzepte, die heute überdimensioniert sind und nicht den wahren Bedürfnissen entsprechen, sich selbst ad absurdum führen.

Ein großes SUV wird es von Ihnen definitiv nicht geben? Nein, nicht in den heute üblichen Dimensionen. Wir werden in den nächsten Jahren einige weißen Flecken füllen, die wir noch im Programm haben. Zum Beispiel im mittleren Segment Fünfsitzer, Siebensitzer, Crossover-Modelle anbieten. Aber einen Fünf-Meter-SUV wird es bei uns nicht geben. Wird es denn in Zukunft wieder einen großen Fiat geben, oder hört die Produktpalette weiterhin beim Croma auf?  Wir dürfen nicht den Fehler machen, dass in unserem Firmenverbund mit Alfa Romeo, Fiat, Lancia und Maserati alle Marken alles machen. Produkte in den Dimensionen eines Croma sind für Fiat die Obergrenze.

Planen Sie auch Billig-Fahrzeuge? Wir machen keine Billig-Fahrzeuge. Wir arbeiten daran, ein preisgünstiges Basisauto für die weltweiten Regionen zu entwickeln, die so etwas benötigen. Da sprechen wir über Indien, über Russland, über China. Es wird aber sicher kein neuer Tata Nano dabei herauskommen. Unser Fahrzeug sollte mindestens der Euro-4-Norm entsprechen, da kostet allein der Motor mehr als ein kompletter Nano. Es bewegt sich preislich eher auf dem Niveau eines Dacia Logan. Apropos Tata: Sie verhandeln mit den Indern darüber, ob Sie die Heckantriebs-Architektur des Jaguar XF für neue Modelle wie den Alfa 169 nutzen können. Vielleicht ist auf Land-Rover-Technik auch ein Maserati-SUV denkbar? Eine hochinteressante Idee und sicherlich eine Möglichkeit, über Kooperationen nachzudenken. Sie wissen, dass wir enge Verbindungen und mehrere Joint Ventures mit Tata haben. Das heißt, es ergeben sich hier potenzielle Anknüpfungspunkte.

Ist beim Panda preislich noch Luft nach unten? Der Panda ist ein sehr erfolgreiches Produkt, das für seinen Preis sehr viel bietet. Ende 2009/2010 kommt die Nachfolge-Generation, die stark weiterentwickelt werden wird. Darüber hinaus planen wir auf gleicher Plattform ein kleineres Modell, einen "Topolino", der preislich darunter angesiedelt sein müsste. Das wird mindestens ein echter 3+1-Sitzer knapp über drei Meter Länge. Für dieses Projekt, aber auch für andere Fahrzeuge, entwickeln wir einen hochmodernen Zweizylinder-Benziner mit 900 Kubik und vollvariabler Ventilsteuerung, der mit Turbo etwa 105 leisten wird. Die nicht aufgeladene Version wird etwa 70 PS haben. Dieses Aggregat wird die Euro-Norm erfüllen und für Euro 6 vorbereitet sein. Der CO2-Ausstoß müsste bei etwa 100 Gramm pro Kilometer liegen. Eine Dieselversion ist auch denkbar.

Wird der Topolino optische Anlehnungen an das Original haben? Grundsätzlich sollte man aufpassen, dass man es mit Retro-Design nicht übertreibt. Geht der Boom des Diesels weiter? Diesel hat eine große Zukunft, wenn auch die neuen Benziner gerade in den kleineren Segmenten einen Teil des Dieselanteils ersetzen könnten. Zumindest für die nächsten 15 bis 20 Jahre wird der Verbrennungsmotor jeden Fall der vorherrschende Antrieb sein. Wir arbeiten auch an einem Hybrid, den wir unter anderem in den leichten Transportern erproben. Es wird aber sicherlich keinen Grande Punto oder Bravo mit Vollhybrid geben – dafür sind die Komponentenkosten einfach zu hoch.

Was ist mit der Light-Version des Hybrids, der Start-Stopp-Automatik? Diese werden wir ab Herbst flächendeckend in allen Modellen einführen. Im Norm-Zyklus sparen wir damit zwar nur zwei bis drei Prozent, in einer verstopften Innenstadt dafür bis zu einem Drittel. In der Stadt bringt eine Start-Stopp-Automatik dem Kunden riesige Vorteile. Ist das System optional bestellbar, oder wird es Serienausstattung? Und was kostet es? Flächendeckend heißt flächendeckend – also in Serie. Was den Mehrpreis angeht, da ist die Diskussion noch offen. Ganz billig ist es für den Hersteller jedenfalls nicht: Selbst die einfachsten Systeme kosten zwischen 150 und 180 Euro.

"Dimensionen eines Croma sind für Fiat die Obergrenze". Harald J. Wester (links) mit AUTO-BILD-Redakteur Jürgen von Gosen.

Gibt es bald ein reines Elektroauto von Fiat? Wenn es irgendwann für den innerstädtischen Verkehr eine echte Alternative zu Verbrennungsmotoren geben sollte, dann sind es Elektroautos. Allerdings muss man ökologisch auch nationale Besonderheiten berücksichtigen: Italien beispielsweise hat keine Atomkraftwerke, stellt seine Energie komplett aus fossilen Brennstoffen her da geht der Schuss in der Gesamtbilanz nach hinten los. Was planen Sie für Ihren neuen Kleinwagen-Liebling, den Fiat 500? Wir weiten die Kapazitäten von 120.000 auf 190.000 Einheiten aus und arbeiten jetzt an einer Erweiterung der Serie, an einem Cabrio und einem Kombi. Wir schauen uns auch an, ob wir diesen Wagen in die USA bringen können, dann aber als komplette Familie. Das Auto hat das Potenzial, als eigene Marke aufzutreten.

Was wird aus Lancia? Auch Lancia hat einen festen Platz im Markenverbund, wir glauben zum Beispiel stark an den neuen Delta. Im Moment ist die Marke außerhalb Italiens aber kaum präsent. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass der Ypsilon und der Musa in Italien Segment-Marktführer sind, im Rest Europas dagegen nur in homöopathischen Dosen verkauft werden. Wir müssen zunächst den Vertrieb wieder auf die Beine bringen. 2009 kehren wir zum Beispiel nach Großbritannien zurück. Ist die technische Zusammenarbeit mit General Motors vorbei? Wir erinnern an die Holden-Motoren für Alfa Romeo... Sie dürfen nicht vergessen, dass diese Aggregate speziell auf Alfa-Bedürfnisse angepasst wurden. Wir werden aber dennoch eigene Sechszylinder-Aggregate entwickeln und ab 2010 oder 2011 sukzessive einsetzen.

Was antworten Sie den deutschen Herstellern, die verlangen, dass die Importeure eine stärkere Last an den CO2-Einsparungen tragen sollen? Alfa Romeo, Fiat und Lancia haben derzeit zusammen einen durchschnittlichen Flottenausstoß von 142 Gramm pro Kilometer. Nimmt man Ferrari und Maserati dazu, stehen wir bei 144 Gramm. Diesen ohnehin guten Wert können wir in den nächsten drei bis vier Jahren noch mal um 12 bis 15 Gramm reduzieren. Wenn die Grenzwerte noch niedriger angesetzt würden, um zu kompensieren, was andere nicht schaffen – dann würde das vom Markt kostenseitig nicht akzeptiert. Was wünschen Sie sich von der Politik? Hilfreich wäre es, wenn die Politik stärker Hand in Hand mit der Industrie arbeiten würde. Wir brauchen klare Vorgaben und genügend planerische Vorlaufzeit. Was wir nicht brauchen, ist populistisch motivierter Aktionismus.

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