Deutschland wächst zusammen

Einheit auf dem Hinterhof Einheit auf dem Hinterhof

Auto-Deutschland wächst zusammen

— 00.09.2005

Einheit auf dem Hinterhof

Golf plus Trabbi ergibt Gobbi. Drei Hamburger Drivestylisten bauen das deutsche Einheitsauto. Am Anfang steht die Flex.

Die Flex kreist erbarmungslos

Jetzt geht’s rund. Die Flex kennt kein Pardon. Sie kreischt und kreist. Erbärmlich und erbarmungslos. Die Funken sprühen, der Lärmpegel steigt. Hier wird getrennt. Damit später zusammenwächst, was zusammengehört. Ein Trabbi nämlich und ein Golf, automobile Symbole für Deutschland Ost und Deutschland West.

Tatort Hamburg-Wilhelmsburg. Eine Schrauber-Garage, wie es sie wohl tausendfach gibt auf den Hinterhöfen der wiedervereinigten Republik. Hier soll sie endlich vollzogen werden, die wahre deutsche Einheit. Hier soll "Gobbi" geboren werden. Vorne ein West-Golf II als Antrieb und tragendes Element, hinten ein Ost-Trabant als Anhang mit Schlußlichtern. Ein Symbol?

Natürlich nicht. Erst recht nicht für Helge Thomsen: "Ein nettes Projekt. So etwas haben wir noch nie gemacht", sagt der 37jährige. Und Helge hat schon viel gemacht. Mit seinen "Motoravern" hat er Strichachter getunt, Senatoren gestylt und Audi 100 elegant-charmant aufgemöbelt. Sogar im Fernsehen, bei RTL2. Name und Motto der Serie: "Die Autoschrauber – fährt nicht, gibt’s nicht."

Das war gestern. Vielleicht gibt’s bald ein neues TV-Projekt mit den Motoravern. Heute ist Gobbi. Der kleine Kerl soll bis zum 3. Oktober 2005 fertig sein. Natürlich. Zum 15. Jahrestag der deutschen Einheit wird er in Berlin präsentiert, anschließend bei eBay Motors für einen guten Zweck versteigert.

Trabbi-Tod im Heim der Motoraver

Er hat die letzten Meter zum Schafott mit Würde zurückgelegt, der Trabant 601, Baujahr ’67. Nicht mal 30 PS, in klassisch-trübem okkergelb. Entdeckt – wie sein künftiger Halb-Bruder aus Wolfsburg (75 Pferdestärken) – bei einem Händler vor den nördlichen Toren Hamburgs. Kostenpunkt: 1200 Euro Trabbi-Tribut, 400 Euro Golf-Gebühr – zusammengewachsen wohl ein Vielfaches wert .

Nach 122.948 Kilometern endet also ein langes Leben in zwei Welten auf einem Wilhelmsburger Hinterhof. Zumindest zur Hälfte. Ein letztes Stottern, ein letztes Stinken, dann ist es aus mit dem Zweitakter. Das Kfz-Kennzeichen "PI – DC 828" verrät seine Herkunft, doch irgendwie auch nicht. Das Nostalgie-Schild hinten auf der Ablage schon eher: "SN 62 – 69" ist da zu lesen.

Es gibt schönere Orte als Wilhelmsburg, um in seine Einzelteile zerlegt zu werden. Aber auch weitaus unoriginellere als das Heim der Motoraver. Die Elbe fließt vor der Tür, vom anderen Ufer klingt der Lärm einer Schredder-Anlage herüber. Draußen steht ein silberfarbenes 123er Coupé unter einem geliehenen Starenkasten, neben ihm wartet ein lebensfroher 70er Dodge Charger R/T 440 auf einen Käufer. Der Blick fängt den Hamburger Michel nebst Fernsehturm ein. Fast idyllisch, würden da nicht reichlich Schornsteine und Hochspannungsmasten das Bild stören.

"Das stinkt noch nach Kolchose"

"Das Gebäude hier war mal eine Aluminium-Hütte. Früher war direkt nebenan ein Fähranleger", erzählt Ulrich Koch (36), Verlagsleiter des gleichnamigen Motoraver-Magazins. In der Garage schauen ein halber Dodge Coronet, ein goldenes Bonanza-Rad von einer Anhöhe und eine gut gebaute Poster-Lady von der Wand herunter. Ein Schild warnt: "Es ist grundsätzlich verboten, Kraftfahrzeuge in dieser Halle zu reparieren!"

Jetzt warten die Blech-Chirurgen. Bluejeans, Uralt-Chucks, schwarzes T-Shirt und ein souveräner Blick – mit der Säge im Anschlag sieht Helge aus wie von den Men in Black geborgt. Der Mann weiß, was er tut. Kumpel Patrick (29) wirkt wie eine gesunde Mischung aus Tatkraft und Gelassenheit. Zusammen scheinen sie unschlagbar.

Der Trabbi bekommt’s als Erster zu spüren. Keine Stunde vergeht, da ist das Symbol ostdeutscher Wartezeit per Flex zerlegt. "Das stinkt noch richtig nach Kolchose", bemerkt Operateur Helge süffisant. Um kurz darauf zu vermelden: "Siamesische Zwillinge erfolgreich getrennt." Ein Trabbi in zwei Hälften zerlegt – für den einstigen Eckernfördener kein Grund, nicht noch mal mit dem Bug eine Runde zu drehen. Ein Rollwagen als Sitz, der Motor klingt wie immer, schon geht es raus aus der Garage. "Da fällt das Parken gleich ein bißchen leichter", meint Helge. Zucken Fische nicht auch manchmal, wenn sie schon längst tot sind?

Der Wolfsburger Rentner wehrt sich

Dann geht es ans Eingemachte. Der Graffiti-veredelte Golf (Tachostand: 54.117 absolvierte km) läßt nicht so einfach mit sich umspringen. Die Verkleidung kokelt, die C-Säule hält lange stand – der Wolfsburger Rentner wehrt sich selbst gegen schweres Gerät. Doch dann ist es geschafft. Fast triumphierend präsentieren die Mechaniker ein stattliches Stück Blech, manch ein Anwesender kann spontanen Beifall gerade noch zurückhalten.

Doch das ist nur der Anfang. Ein bißchen mehr Volkswagen muß später schon noch dran glauben. Aber nicht zuviel. "Vom Golf bleibt relativ viel Dach über, das dann aufs Trabbi-Dach genietet und geschraubt wird. Die Seiten werden mit Blechen zusammengeschweißt, unten wird die Sache mit Trägern unter den Bodenplatten zusammengebraten", schildert Koch das Rezept für den Zusammenbau. Knapp sechs Wochen haben er und seine Mitstreiter Zeit, dann fährt Gobbi nach Berlin. Auf einem Trailer. Aber selbstredend fahrbereit.

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